Bevor wir den Jahrestag in Le Vernet begehen, ist es uns zur Gewohnheit geworden, ans Meer zu fahren. Dieses Mal haben wir die uns noch unbekannte Insel Poel in der Ostsee auserwählt.
Wir lieben es, bei jedem Wetter kilometerweit an der Uferkante durch den Sand zu stapfen und unseren Gedanken nachzuhängen. Die Ferne des Horizonts und das Rauschen des Meeres laden dazu ein, sich auf geheimnisvolle Weise mit dem Ursprung allen Lebens verbunden zu fühlen.
Der Aufenthalt an der See wirkt wie eine vorbeugende Kur zur Stabilisierung von Körper und Nerven. Auch elf Jahre nach der Katastrophe werde ich in Erwartung des Todestages von Jens unbeschreiblich nervös. Das Meer hilft ein bisschen.
Leider wird meine Unruhe noch verstärkt durch die neuesten Nachrichten, die in unserer Unterkunft über den Bildschirm laufen: Die USA und Israel haben einen Krieg mit dem Iran (siehe Wikipedia) begonnen. Das Land befindet sich im Ausnahmezustand.
Seit dem ersten Kriegstag, dem 28. Februar 2026, tauchen im deutschen Fernsehen Aufnahmen aus Teheran auf. Rauchwolken über Teheran. Ich sehe beschädigte Gebäude, verwüstete Straßen, brennende Autos, zerstörte Fassaden und Wohnhäuser. Andere iranische Städte wie Isfahan und Shiraz sind ebenfalls betroffen. Beide kenne ich von meiner Iranreise.
Seitdem rufe ich ständig die neuesten Informationen ab. Heute bestätigen auch deutsche Medien den Tod des Revolutionsführers Chamenei in seiner Residenz in Teheran. Das ist zwar ganz schön, doch muss dadurch die Zivilbevölkerung gefährdet werden?
Der Iran hat kurz nach dem ersten Angriff das internationale Internet abgeschaltet und damit auch meine Verbindung zu den iranischen Angehörigen von Flug 4U9525 gekappt. Ich weiß nicht, wie es ihnen ergeht. Es ist das Schlimmste zu befürchten.
Ich kenne diese Familie ganz gut. Sie haben ihren Sohn Milad verloren, der als Sportjournalist in Barcelona über ein großes Fußballspiel berichtete. Auf dem Rückweg stürzte er mit seinem Kollegen Hossein ab. Das Grab von Milad befindet sich in Le Vernet. Die Angehörigen reisen oft zu ihm in das kleine Bergdorf, wo wir uns zufällig häufig getroffen und unterhalten haben. In Teheran haben wir schöne gemeinsame Stunden verbracht, auch in ihrer Wohnung. Ich erinnere mich: Eine Ecke ihres Wohnzimmers war ihrem toten Sohn gewidmet. An einer Schmalseite hing ein größerer Fernseher, der über eine Webcam live die Berge von Le Vernet zeigte. Teheran und Le Vernet – in Verbundenheit.
Ich mache mir Sorgen über die Familie. Werden sie überleben? Werden die Mullahs sie ausreisen lassen, damit sie am Jahrestag in den französischen Alpen teilnehmen können? Obwohl die Ausreise aus dem Iran sehr kompliziert und teuer ist, haben sie bisher an jedem Jahresgedenken in Le Vernet teilgenommen und sind auch außerhalb der Gedenktage dorthin gereist.
Für mich sind diese Kriegsnachrichten nicht nur abstrakte Meldungen. Sie sind mit Gesichtern verbunden, deren Schmerz ich seit Jahren kenne. Was bedeutet die militärische Eskalation für die Familie, die bereits durch Milads sinnlosen Tod aus ihrer normalen Lebensbahn geworfen wurde? Wie viel Angst können sie noch ertragen? Kriege zerstören nicht nur die Gebäude, sondern auch das Sicherheitsgefühl. Für sie muss doch die Welt erneut ins Schwanken geraten sein.
Es ist schlimm: Ich erreiche sie nicht …
© Brigitte Voß
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