05.11.2025, Mittwoch – Die Umbettung von Jens: In der Natur angekommen (3/3)

Sechs endlose, traurige Monate liegen hinter uns, bis unserem Antrag auf die Umbettung von Jens endlich stattgegeben wurde. Der Widerspruch unserer Anwältin war erfolgreich, sodass wir nun voller Erleichterung den Abhilfebescheid in den Händen halten – die offizielle Genehmigung, auf die wir so lange gehofft haben.
Es zeigt sich, wie entscheidend es war, unserem Anliegen durch eine Rechtsanwältin Nachdruck zu verleihen und die Argumente mit den passenden Paragrafen zu untermauern. Darüber hinaus ist sie in ihrem Schreiben auch auf unsere gesundheitliche Situation seit dem Absturz eingegangen, die wir im ersten Antrag nicht berücksichtigt hatten.
Alle unsere Bemühungen haben sich gelohnt.
Die Anwältin musste sich erst in das Thema einarbeiten, da sie normalerweise für Familien- und Erbrecht zuständig ist. Auf Friedhofsrecht spezialisierte juristische Fachleute sind offenbar selten. Doch sie hat ihre Sache gut gemacht.
Als Begründung für die Zustimmung werden hauptsächlich jene Punkte aufgeführt, die vorher gegen uns sprachen. Wie nachvollziehbar ist das denn?!
Egal, wir fühlen uns jetzt besser und suchen den Bestatter auf, um das Wesentliche für die Beisetzung im Wald in die Wege zu leiten. Er nimmt alles Weitere in die Hände. Allerdings benötigt das Friedhofsamtes noch den Grabschein, was in mir die Befürchtung weckt, sie könnten ihre Entscheidung wieder zurücknehmen. Ich mag keine Ämter. Doch nichts Negatives passierte.
Nur am Rande sei erwähnt: Das Datum auf dem Bewilligungsschreiben zeigt den 6.10. In der darauffolgenden Nacht stellte sich ohne unser Zutun die Couchtischlampe ein, einfach so. Sie leuchtete mit maximaler Helligkeit, wie wir sie niemals eingestellt hatten. Wir sind es gewohnt, das Licht dunkel und in einem warmen Ton einzustellen. Mich drängt es, diesen Fakt zu nennen, aber nicht zu kommentieren ….

Endlich ist in aller Stille die Asche von Jens zum Bestatter überführt worden, sodass der Umbettung nichts mehr im Wege steht.
Heute nun soll seine Urne im Bestattungswald eine neue Ruhestätte finden.
Wir sind froh, dass der Ort genehmigt wurde, und wir unserem Jens damit entgegenkommen können – davon sind wir zutiefst überzeugt. Zugleich trifft uns die Realität seines Todes noch einmal mit voller Wucht, was zu erwarten war.
Wir gehen die Anhöhe hinauf zum Ort der Beisetzung. Wie oft mag Jens hier mit dem Rennrad vorbeigestürmt sein, ohne zu ahnen, dass er eines Tages genau hier seine allerletzte Ruhestätte finden würde. Den Bestattungswald gab es damals nicht, und als junger, gesunder Mensch rechnet man nicht mit dem eigenen Tod. Trotzdem flunkerte er gern: »Wenn ich 90 bin, rase ich mit meinem Rennrad gegen einen Baum.«
Rechts von uns blinkt der See in der Sonne. Sie verleiht der Natur ein liebliches Gesicht, als freue sie sich, Jens in ihre Arme schließen zu dürfen und uns damit zu trösten. Jens ist für sie kein Unbekannter. Oft hatte er hier mit seinem Bruder für Wettkämpfe trainiert. Sie sind geschwommen, gejoggt und Rad gefahren. Beide konnten die allmähliche Flutung des ehemaligen Tagebaus mitverfolgen und bei dem anfangs niedrigen Wasserstand durch den damals noch geteilten See hindurchlaufen. Diese Bilder schießen mir blitzartig durch den Kopf, während wir vom Parkplatz zum etwa 500 m entfernten Bestattungswald gehen.
Obwohl ich überzeugt bin, dass wir das Richtige veranlasst haben, ist mir doch mulmig zumute.
Die Bestatter sowie eine Vertreterin des Bestattungswaldes erwarten uns bereits. Der Andachtsplatz ist schön und würdevoll gestaltet. Auf den Holzbänken liegen weiche Auflagen. Davor steht auf einem breiten Baumstumpf die Urne, in die zwei Ginkgoblätter eingraviert sind. Eigentlich hatten wir eine andere ausgesucht, doch diese hier gefällt uns besser. Daneben befindet sich ein Foto, aus dem uns Jens freudig anlächelt. Die von uns gewünschten Blumen passen perfekt zu dem Arrangement, das auf einer hellen Decke platziert ist. Ihre herunterhängenden Zipfel umschmeicheln den Baumstumpf im sanften Wind. Es war alles sehr schön hergerichtet.
Wir sitzen allein in stillem Gedenken auf der Bank des holzüberdachten Andachtsplatzes. Keine Gäste, die Bestatter stehen abseits, keine Trauerrede. So wollen wir es. Die Vögel zwitschern, der Blick ruht auf der Urne. Ein Bild flackert in meinem Inneren auf. Jens war etwa vier Jahre alt und besuchte den Kindergarten, wo er vieles lernte. Eines Tages erklärte er uns mit Nachdruck, wo in der Nähe unseres Wohnortes ein Ginkgobaum stand. Wir wollten ihm nicht glauben, doch er widersprach uns heftig. Bei einem Spaziergang führte er uns zu einem kräftigen Baum, er hatte recht, seine charakteristischen Blätter ließen keine Zweifel. Zum ersten Mal in meinem Leben stand ich damals ganz bewusst vor einem Ginkgobaum. Natürlich lobten wir ihn, und er war voller Stolz. Und jetzt seine Urne …
Es ist der Wunsch meines Mannes, die Urne bis zu unserem Baum zu tragen. Dort nehme ich sie in die Arme. Das merkwürdige Gefühl, das mich dabei überkommt, kann ich nicht beschreiben – es wiegt schwer, wie die Urne selbst. Die Bestatter lassen sie in die ausgehobene Öffnung hinabgleiten. Wir werfen kleine Blumensträuße und Erde hinterher, und dann ist es geschehen. Mit freundlichen Worten verabschieden sich die Bestatter, und die Vertreterin des Bestattungswaldes drückt mir zum Abschied noch ein kleines Glas Robinienhonig in die Hand. Die Bienenstöcke würden in der Nähe stehen. Jens ist in der Natur angekommen.
Wie viele Beerdigungen habe ich in meinem Leben durchstehen müssen? Doch das eigene Kind – auch wenn es längst erwachsen ist – zu verlieren, widersprich allem. Es ist und bleibt verkehrt.
Unser verstorbener Jens hat schon mehrere Stationen seiner Beisetzungen hinter sich: auf dem Friedhof seines Geburtsortes, in Le Vernet bei den nicht identifizierbaren menschlichen Überresten und nun in seiner Ruhestätte im Bestattungswald. Wir hoffen, dass wir für ihn das Richtige getan haben. Ob er es in seiner Dimension mitbekommen hat? Außerdem gab es für ihn mehrere Trauerfeiern: in seiner Heimatstadt, in Düsseldorf, im Kölner Dom, nicht zuletzt in Le Vernet anlässlich der Jahrestage.
Dagegen lässt sich keine Resilienz aufbauen, selbst wenn einen sonst kaum noch etwas erschüttert.
© Brigitte Voß


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