Ich verstehe nicht, wie schnell die Zeit vergeht. Bereits zum zwölften Mal müssen wir, lieber Jens, deinen Geburtstag ohne dich begehen.
Sicher hätten wir nicht jeden Ehrentag zusammen verbracht (wenn du noch am Leben wärst), das wäre aber auch in Ordnung gewesen.
Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich in einer Ferienwohnung in Frankreich. Wenn ich den Blick hebe, sehe ich die Strandsegler, die nur wenige Meter entfernt mit ihren dreirädrigen Fahrzeugen den kräftigen Wind nutzen, um über den Sand hin und her zu flitzen. Ich kann mir vorstellen, dass dich das interessiert hätte. Es ist gerade Ebbe. Die bunten Segel leuchten in der Sonne.
Das Meer ist überwältigend schön. Gerne würde ich dir davon erzählen, dir dabei in die Augen schauen und deine Stimme hören, wenn du antwortest. Wir würden miteinander reden.
Dein Lachen war mir wichtig, ebenso wie die Umarmung zum Abschied und die Wärme deines Körpers.
Leider ist all das vorbei. Heute bist du jemand, an den wir denken und an den wir uns erinnern. Du bist fort – für ewig.
Seit du tot bist, sinne ich häufiger über die Zeit nach. Sie vergrößert immer mehr den Abstand zu jenem Tag, an dem wir uns das letzte Mal gesehen haben, und doch bringt sie mich nicht weg von dir. In unseren Gedanken und Herzen lebst du weiter.
Vielleicht ist das der Grund, weshalb sich die Zeit für mich oft so unwirklich anfühlt. Seit dem Flugzeugabsturz fällt es mir schwer, den Lauf der Zeit zu begreifen.
Kein Kalender dieser Welt wird dich zurückbringen, auch wenn er deinen Geburtstag anzeigt. Trotzdem denke ich jeden Tag an dich. Manchmal sind es nur kurze Augenblicke, in denen dein Gesicht vor meinem inneren Auge auftaucht, während ich irgendeiner Tätigkeit nachgehe. In Phasen der Ruhe können Erinnerungen an dich lebendig werden.
Mir gefällt die von den Menschen empfundene Abfolge Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht. Sie suggeriert, dass wir uns durch die Zeit bewegen und deshalb glauben, dass wir dich zurückgelassen haben.
Es gibt zwar die Fantasie von Zeitreisen, durch die wir dich in der früheren Welt besuchen könnten. Natürlich würde ich in dem Fall verhindern, dass du in dieses Flugzeug steigst. Aber selbst dann ließe sich dein Tod nicht für immer vermeiden. Irgendwann würde auch dein Leben enden, egal, ob in der Vergangenheit, der Gegenwart oder in der Zukunft.
Schön wäre es, wenn du mit der sogenannten Zeit nicht vollständig verschwunden wärst, nur weil dein Leben für uns vorbei ist.
Leider ist mir entfallen, wo ich die kühne These gelesen habe, dass es keinen wirklichen Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gebe. Das wäre nur ein Hirngespinst der Menschheit, die versucht, die Geschehnisse ihres Alltags in eine gewisse Ordnung zu bringen – während eine solche Ordnung im Universum mutmaßlich gar nicht existiert.
Daher hoffe ich, dass eines Tages ein zweiter Einstein geboren wird, der die bisherige Vorstellung der Menschheit von Zeit mit einer Formel revolutioniert und damit beweist, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht so streng voneinander getrennt sind, wie wir bisher annehmen. Das würde bedeuten, dass du nicht ausgelöscht bist, dass dein Leben nicht einfach hinter uns liegt und für immer verloren ist. Nur in unserer begrenzten Wahrnehmung bist du tot, weil wir dich nicht mehr sehen, berühren und mit dir sprechen können. Möglicherweise ist nichts davon vorbei.
Ich weiß, das sind etwas wirre Vorstellungen zu deinem Geburtstag. Doch für solche Gedankenspielereien warst du oft empfänglich. Vielleicht zaubere ich dir mit ihnen an diesem besonderen Tag ein Lächeln ins Gesicht.
Wir lassen dich nicht in einer abgeschlossenen Vergangenheit zurück und nehmen dich in jedem Moment mit. Die Zeit hat lediglich die Form verändert, in der du bei uns bist.
So feiern wir deinen Geburtstag auf unsere Weise – mit Blick auf die unendliche Weite des Meeres und Gedanken an dich.
Alles Gute zum Geburtstag, lieber Jens.
© Brigitte Voß

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