15.02.2026, Sonntag – Gut gemeint, schlecht getröstet: Wenn Trostworte verletzen

Für Außenstehende kann der Umgang mit Trauernden schwer sein, denn jeder trauert auf seine Weise: Manch einer ist wütend, ein anderer still, den einen plagen unlogische Schuldgefühle, ein weiterer ist voller Liebe und Dankbarkeit.
Häufig verspüren Tröstende den Drang, Schweigen mit Worten zu überbrücken. Die Stille drückt, ist ihnen peinlich. Und so wird einiges nur so dahingesagt.
Ich habe oft über Aussagen nachgedacht, die ich in meiner Trauer zu hören bekam oder las. Auch fand ich manche von mir selbst gut gemeinten Trostworte anderen Trauernden gegenüber im Nachhinein unpassend. Deshalb möchte ich an dieser Stelle aus eigener Erfahrung darüber schreiben.
Es geht mir nicht darum, jemanden für unbeholfene Trostversuche zu verurteilen. Das Gesagte entspringt meist einer guten Absicht, und eingeschliffene Phrasen existieren nun einmal. Doch solche Worte können die Trauer kleinreden, Gefühle entwerten, Druck ausüben oder nicht zu der trauernden Person passen und sie dadurch verletzen. Es gibt eben keine Formulierungen, die für jeden Menschen gleichermaßen richtig sind.

Beginnen wir mit dem Spruch:

• Die Zeit heilt alle Wunden
Dem Spruch habe ich schon vor etwa zehn Jahren einen Blogbeitrag: Die Zeit heilt alle Wunden,  gewidmet. Vielleicht würde ich ihn heutzutage nicht mehr so krass formulieren, aber er ist in meinen Augen nach wie vor falsch. Er klingt so, als würde ich in einem Wartezimmer sitzen, um endlich meine Gesundschreibung zu erhalten. Das Problem ist nur, dass diese Wartezeiten eine absolute Frechheit sind, weil sie kein Ende finden. Ich warte seit elf Jahren auf eine Heilung, die es nicht gibt. Trauer ist keine Krankheit, die ausheilt. Das alte Leben gibt es nicht mehr. Jens ist tot. Er kann nicht »zurückgeheilt« werden. Er wird niemals wiederkommen. Das weiß ich. Ich versuche, mich an den Alltag ohne ihn anzupassen, und habe gelernt, besser mit dem Schmerz umzugehen. Seelische Narben bleiben und tun weh, besonders an seinem Todestag, den Geburtstagen oder wenn bestimmte Erinnerungen auftauchen.

• Er oder sie ist jetzt ein Stern
Religiöse Sprüche sind bei mir fehl am Platz, da ich keine Christin bin. Sie können sicher sehr tröstlich sein, wenn sie zur Weltanschauung der trauernden Person passen.
Auf mich wirkt diese Vorstellung fremd. Ich möchte Jens nicht als Stern zurückhaben, sondern den Menschen, so wie er war.

• Ich weiß genau, wie du dich fühlst
Uns saß ein Journalist eines wöchentlichen Nachrichtenmagazins gegenüber und begann uns mit unserer Einwilligung zu befragen: »Ich weiß genau, wie Sie sich fühlen«, eröffnete er das Gespräch. Ohne zu überlegen antwortete ich: »Das können Sie gar nicht wissen.« (Für mich dachte ich: Sei froh, dass du es nicht weißt.) Ich sah ihm seine Verunsicherung an. Mir war zwar klar, dass er Vertrauen aufbauen wollte, aber so funktionierte das ganz und gar nicht. Kein Außenstehender kann mit Bestimmtheit sagen, was der grausame Flugzeugabsturz in uns Hinterbliebenen bewirkt hat. Woher wollte er wissen, was der Verlust von Jens für mein Leben, meinen Alltag und meine Gefühlswelt bedeutet? Gerade wenn er in der Vergangenheit etwas Ähnliches durchgemacht hätte, müsste ihm bekannt sein, dass die Trauer des Gegenübers einzigartig ist. Sie ist individuell.
Es gibt eben kein emotionales Gedankenlesen.

• Melde dich, wenn du was brauchst.
Das ist ein gut gemeintes Hilfsangebot, doch entspricht es nicht jedem Charakter, Hilfe anzunehmen oder gar zu suchen. Außerdem war ich derart antriebslos und erschöpft, dass ich nicht die Energie aufgebracht hätte, um Unterstützung zu bitten.

• Du musst loslassen. Schau endlich nach vorn.
Ein guter Freund rief mich nach der Katastrophe oft an, um mir beizustehen. Er machte sich Gedanken um mich und fürchtete um meine Gesundheit. Nach vielleicht einem Jahr halben Jahr sagte er zu mir obige zwei Sätze. Ich reagierte spontan mit einem »Das geht nicht« und habe ihn reden lassen. Es war mir zu anstrengend, mit ihm darüber zu diskutieren. Ich wusste, dass er sich sorgte und es nicht böse meinte.
Aber seine Aufforderung funktionierte für mich ganz und gar nicht. Ich kann die Trauer nicht dadurch bewältigen, dass ich das Band zu Jens innerlich abschneide. Das wäre ja, als würde ich ihn aus meinem Gedächtnis tilgen. Nein, es ist besser, dass ich eine seelische Verbindung zu ihm bewahre und sie pflege. So zünden mein Mann und ich täglich seine Kerze an. Derartige Rituale und Erinnerungen an ihn sind uns sehr wichtig. Viele Trauernde erleben das ähnlich: Sie möchten ihren toten Lieben nicht vergessen, sondern suchen einen Weg, die Beziehung in veränderter Form weiterzuführen.
Ich kann meinen verstorbenen Sohn nicht einfach wie einen Luftballon aufsteigen und vom Wind davontragen lassen. Und ich konnte damals einfach nicht nach vorn schauen. Die Zukunft war für mich ein großes, dunkles Loch.

• Mein herzliches Beileid
Diesen Klassiker kennt wohl jeder, er ist in unserem Kulturkreis üblich und gehört zu einem Trauerfall. Nur kommt er mir wie eine abgedroschene Floskel vor, auf die der Nichttrauernde in seiner Hilflosigkeit gern zurückgreift. Bin ich dieser Situation ausgesetzt, schieße ich ein reflexartiges »Danke« zurück. Der Satz transportiert keine echten Gefühle, ist anonym und wird auf Karten gedruckt. Vielleicht ist er in Ordnung, wenn ihn eine Nachbarin oder ein ferner Bekannter ausspricht. Ihn von einer guten Freundin zu hören, schmerzt zusätzlich. Wie wäre es mit einer stummen Umarmung?

∞

Tröstende sollten nicht mit eigenen Erklärungen im Mittelpunkt stehen und ihre Erwartungen dem Trauernden einfach überstülpen. Es ist viel besser, sich zu fragen, was der betroffenen Person im jeweiligen Moment guttut.
In meiner Situation waren mir Menschen wichtig, die bleiben und zuhören konnten, die mich wortlos in den Arm nahmen oder mit einem festen Händedruck ihre Anteilnahme ausdrückten – und die mir Zeit zum Trauern ließen.
Dabei braucht es oft gar keine großen Worte. Als Freunde uns besuchten, sagte einer von ihnen: »Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.« Und damit war es gut für mich, ich konnte das verstehen. Er war einfach da.

© Brigitte Voß


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