09.11.2025, Sonntag – zwischen Moral und Recht

Während alle Welt davon ausging, dass in diesem Jahr endlich die Gerichtsverhandlung beim Landgericht in Braunschweig gegen die Bundesrepublik Deutschland/Bundesluftfahrtsamt stattfinden würde, sieht sich getäuscht. Sowohl die Rechtsanwälte als auch die Klagenden sind von einem diesjährigen Klagebeginn ausgegangen. Ferner haben seriöse Medien in ihren Berichten zum zehnten Jahresgedenken an die Flugzeugkatastrophe diesbezügliche Hoffnungen verstärkt.
Mittlerweile besteht der Eindruck, dass sich das Gericht noch nicht einmal inhaltlich mit der Klage auseinandergesetzt hat: Sie wurde, warum auch immer, an eine andere Kammer verwiesen. Daraufhin erklärte die dort zuständige Richterin, ihr Ehemann arbeite in einer Führungsposition beim Luftfahrt-Bundesamt (LBA), sodass ein Befangenheitsgrund vorliegen könnte. Dem stimmten sowohl die Gegenseite als auch unsere Anwälte zu, denn der Verdacht der Unparteilichkeit und Unvoreingenommenheit der Juristin ist der Sache sicherlich nicht dienlich.
Seit mehr als zwei Jahren liegt dem LG Braunschweig die Klage nun vor. Wieder sind etliche Monate vergangen, ohne dass sich rechtlich etwas getan hat. Bezeichnet man das als verlorene Zeit oder gar als bösartige Verzögerung?
Oder ist es den Gerichten zu kompliziert, sich mit der Materie und unseren Gegnern auseinanderzusetzen? Erst war die Gegenpartei die Lufthansa, eine starke Wirtschaftsmacht, und jetzt ist es der (Rechts)staat.
Unsere Klage gegen das Luftfahrt-Bundesamt als Behörde der BRD ist die zwangsläufige Entscheidung auf das Gerichtsurteil von Hamm (siehe Blogbeitrag: 14.09.2021, Dienstag – Prozess vor dem OLG in Hamm).
Ist es ebenso folgerichtig, dass die Lufthansa ihre, wie sie es nennt, »freiwilligen Hilfeleistungen« gegenüber den Angehörigen reduziert? Nach dem zehnten Jahresgedenken wurden wir darüber informiert. Sie stellt die finanziellen (»freiwilligen«) Hilfen noch nicht vollständig ein, sondern begrenzt diese auf die anteilige Bezahlung nur einer Reise nach Le Vernet, vorher waren es zwei. Sie wird weiterhin aus den restlichen Mitteln des Hilfsfonds finanziert und kann zu einem beliebigen Zeitpunkt im Jahr oder zum Jahrestag stattfinden. Zentrale Gedenkzeremonien wird es am 24. März ebenfalls nicht mehr geben.
Der Hilfsfonds ist ein Treuhandfonds und wurde ursprünglich von Lufthansa und Germanwings geschaffen, um die finanziellen Mittel zweckgebunden für Projekte, die Angehörige zum Gedenken an ihre Lieben realisieren wollten, anzuwenden. Da mit der Zeit keine entsprechenden Vorhaben mehr vorlagen, wurde der Fonds geschlossen. Die verbliebenen Gelder verwendet die Lufthansa jetzt, um die Reisen in die Absturzregion anteilig zu unterstützen. Sie fließen also nicht direkt aus den Mitteln der Konzernkasse.
Der Konzern spricht seit Längerem von »freiwilligen« Hilfsleistungen. Er hat sich nie vollständig in der Verantwortung gesehen. Ich bin jedoch der Auffassung, dass er sie im moralischen Sinne von Anfang an getragen hatte. Damals wurden die Unterstützungsleistungen für die Angehörigen noch nicht als »freiwillig« bezeichnet; diese Wortwahl kam erst später hinzu. Jetzt zieht er sich offensichtlich aus der moralischen Verantwortung zurück. Die rechtliche bleibt meiner Ansicht nach trotz der Gerichtsurteile problematisch, da die Tauglichkeitsuntersuchungen des Copiloten in den von Lufthansa betriebenen medizinischen Zentren stattfanden. Aus meiner Sicht waren sie äußerst mangelhaft. Ich habe bereits mehrfach in diesem Blog darüber geschrieben (siehe auch 12.08.2019, Montag – Verfehlungen rund um Flug 4U9525).
Wie lange die finanziellen Mittel aus dem Hilfsfonds reichen werden und welche Summe er enthält, weiß außerdem niemand.
Es ist eine Welt aus Paragrafen, Strategien und empathielosen Entscheidungen, die mir manchmal den Atem nimmt. Doch es gibt einen Ort, an dem all das wie ein Kartenhaus zusammenfällt und man freier atmen kann.
Jedes Mal, wenn wir das Grab von Jens an unserer Winterlinde im Bestattungswald aufsuchen, sind wir froh, dass wir dazu in die Natur gehen können. Hier fließt ihr Atem und reinigt unsere Gedanken. Es riecht nach Wald. Das bedrückende Gefühl eines klassischen Friedhofes bleibt fern.
Mittlerweile ist an einem Stab vor der Linde ein kleines Schild angebracht. Wie bei den anderen Bäumen stehen darauf nur der Name, das Geburts- und das Sterbedatum. Schlicht und einfach, ohne Pomp.
Wir beobachten, dass die Bäume um uns herum rasant vergeben und belegt wurden.
Auch wenn es derzeit grau und kalt ist, empfinden wir an diesem Ort eine tiefe Ruhe. Die Natur ist beständig.
© Brigitte Voß


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