24.09.2016, Sonnabend – einundeinhalb Jahre nach der Katastrophe (Le Vernet 7)

Vor einundeinhalb Jahren wurden Jens und mit ihm die Passagiere und die Crew des Flugzeuges zu ihrem Lebensende gezwungen. Sie standen dem Tod wehrlos gegenüber.
Wir beschließen, erneut zur Absturzstelle zu wandern. Wie üblich stellen wir das Fahrzeug an der ersten Schranke ab und legen am Col de Mariaud eine Rast ein. Wir setzen uns auf die Bänke, die sich vor der Schutzhütte befinden. Wie wir von den Mitarbeitern des Lufthansabüros in Le Vernet erfahren haben, erhielten die Rastbänke nebst Tisch nachträglich ein sicherndes Fundament, weil bei entsprechendem Wetter Sturzfluten von den Hängen strömten und sie unterspülten. Die Sitzgruppen drohten wegzurutschen.
In der Hütte riecht es nach frischem Holz. Sie bietet nicht nur Schutz vor Niederschlag und Sturm, sondern auch vor der stechenden provenzalischen Sonne. In der Ecke steht ein Besen. Hinter der Schutzhütte wurde eine Trockentoilette auf Basis von Sägemehl errichtet.
All dies wurde auf Betreiben von Germanwings organisiert und bezahlt.
In einem Beitrag eines Nachrichtenmagazins über den Flugzeugabsturz habe ich gelesen, dass das Wort Mariaud einem alten Dialekt der Einheimischen entstammt und übersetzt schlechtes Land (mauvais pays) bedeutet. Der Boden ist karg und gibt für die Landwirtschaft nicht viel her. Das Gelände ist unwegsam und zerklüftet. Ich sinniere allerdings in symbolischen Dimensionen. Hier trieb der Wahnsinn 149 Menschen in den Tod.
Es ist kühl. Wir setzen den Weg fort. Die Sichten auf die Absturzstelle sind wie ein Magnet. Wir müssen diesen Ort erreichen. An der Haarnadelkurve ist unter Leitung der Lufthansa ein Aussichtspunkt im Entstehen. Noch sehen wir nicht viel, eigentlich weniger als bei unserem Besuch vor sechs Tagen, denn die für das Fundament vorgesehenen Steinkegel sind wieder verschwunden. Wir haben sie am Pass gesehen, wo sie auf ihre Abholung warten. Gerüchteweise haben wir gehört, dass die Pläne für den Unterbau geändert worden sind.
Feiner Nieselregen setzt ein.
Wir gelangen zu dem steilen Anstieg, der uns zum Gitterzaun führt, den wir überwinden müssen, um in die verbotene Zone zu kommen.
Am Ort der Katastrophe angekommen, entdecken wir, dass wir nicht für uns sind. Das Paar aus Haltern trafen wir bereits gestern auf dem Friedhof, wo sie ihrer Tochter gedachten, die mit ihrer Klasse abstürzte. Wir grüßen uns, wechseln wenige Worte und lassen uns zunächst in Ruhe. Sie schaut gebannt zum Markierungsstab, und ich ritze in Gedanken versunken den Namenszug von Jens auf einem Gesteinsbrocken nach, den ich vor sechs Tagen hinein kratzte. Die Witterung wird ihn stets verblassen, doch wir werden, solange es das Alter zulässt, zeitlebens diesen Ort besuchen. Deswegen müssen wir fit bleiben und auf die Gesundheit achten.
Die Männer erkunden das Terrain.
Wir beginnen ein intensiveres Gespräch – natürlich über unsere toten Kinder. Es ist so traurig. Immer wieder frage ich mich, warum uns all das zustoßen musste. Haben wir irgendetwas falsch gemacht, vielleicht in einem früheren Leben? Unser Karma ist missraten. Wofür wird man so bestraft? Ich weiß es nicht, und mein Mann lehnt derartige Gedanken ab.
Wir nehmen den Rucksack auf, um zurückzuwandern. Die Wolkendecke reißt plötzlich auf. Die Sonne sticht hervor. Nur für einen Augenblick streichelt sie uns mit ihren Strahlen. Rasch verschließen die Wolken die helle Himmelsöffnung. Erneute Düsternis.

Am Abend zünden wir vor dem Grab Kerzen an und laufen zum Café du Moulin, um Abendbrot zu essen. Wir gehen über eine Wiese. Die Berge werden von der tief stehenden Sonne angestrahlt.
Wir haben den Eindruck, dass uns das Personal bereits kennt. Mittlerweile kann ich die gesamte Speisekarte übersetzen und gebe die Bestellungen souverän in der Landessprache auf. Mit einer Pression (gezapftes Bier) stoßen wir auf unseren Jens an.
Le Vernet bei Nacht:

 

 

 

 

© Brigitte Voß

 


Entdecke mehr von SEELENRISSE

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Ein Gedanke zu “24.09.2016, Sonnabend – einundeinhalb Jahre nach der Katastrophe (Le Vernet 7)”

Hinterlasse einen Kommentar