28.04.2025, Montag – Die Umbettung von Jens: Wenn Trauer ihren Ort findet (1/3)

Ein Telefonat mit Angehörigenfreunden lässt uns aufhorchen. Sie haben ihren Sohn und dessen Lebensgefährtin durch den Flugzeugabsturz verloren. Obwohl beide eine gemeinsame Lebensplanung hatten, befinden sich ihre Gräber aufgrund familiärer Zwänge etwas weiter voneinander entfernt. Zum Leidwesen unserer Freunde, die sich nur schwer damit abfinden konnten. Die durch den gewaltsamen Tod komplizierte Trauer wurde zusätzlich belastet. Und jetzt erzählten sie uns, dass der willkommenen Verlegung der Frau zu ihrem Lebensgefährten nichts mehr im Wege stünde. Ein Todesfall und ein diesbezügliches Testament änderten plötzlich die Situation. Die organisatorischen Dinge würden reibungslos verlaufen, die Bewilligung der Friedhofsverwaltung liege bereits vor … es klingt wie in einem Märchen, allerdings einem traurigen.
Wir staunen, hatten wir uns doch den Erhalt solch einer Genehmigung komplizierter vorgestellt.
Sollten wir es ebenfalls für Jens wagen?
Hin und wieder spazieren wir durch einen Bestattungswald. Er befindet sich fünfzehn Autominuten von unserem Wohnort entfernt am Schladitzer See, der sich durch die Flutung eines ehemaligen Braunkohletagebaus entwickeln konnte. Sie zog sich Jahre dahin, und wir verfolgten den Vorgang interessiert. Dort, wo früher laute Abraummaschinen und jede Menge Kohlestaub das Sagen hatten, existiert jetzt ein beliebtes Naherholungsgebiet.
Da seit einiger Zeit der Wunsch in uns keimt, im Bestattungswald beigesetzt zu werden, nehmen wir an einer diesbezüglichen Informationsveranstaltung teil. Die Neuigkeit unserer Freunde motiviert uns, diesen Plan endlich voranzutreiben. Dabei drängt zusätzlich die Vorstellung in den Vordergrund, die Urne von Jens umbetten zu lassen. So könnten wir gemeinsam unter demselben Baum eine letzte Ruhestätte finden. Das Beispiel der Freunde zeigt, dass dies durchaus möglich ist.
Die Veranstaltung findet unter freiem Himmel statt. Mehrere Interessierte setzen sich auf die Bänke des Andachtsplatzes. Die Informationen erfüllen ganz unsere Erwartungen, sodass wir im Anschluss mit der Verantwortlichen sprechen. Sie berichtet von einigen genehmigten Exhumierungen, um die jeweiligen Urnen hier, im Bestattungswald, zu begraben. Damit ermutigt sie uns, es zu probieren, gibt aber zu bedenken, dass es mit dem zentralen Friedhof der Stadt, in dem sich das Grab unseres Sohnes befindet, Schwierigkeiten geben könnte. Sollte dies nicht klappen, wäre sie bereit, auch ohne Umbettung eine Plakette mit seinem Namen an den gewünschten Baum anzubringen.
So ziehen wir am folgenden Wochenende los, um einen geeigneten Baum für Jens und uns auszusuchen. Wir finden ihn und sind uns sofort einig. Er ist gut gewachsen und steht an der vorerst hinteren Begrenzung des Bestattungswaldes.
Es ist ein merkwürdiges Gefühl, am zukünftigen Ort der eigenen Bestattung zu stehen. Er konfrontiert mich mit meiner Endlichkeit. Die Vorstellung, nach dem Tod nahe bei Jens zu sein, drängt die zwiespältige Regung rasch in den Hintergrund.
Wir kaufen den Baum und erfahren, dass es sich um eine Winterlinde handelt. Sie ist robust und langlebig. Für die Honigbiene ist sie eine wichtige Pollenquelle. Das passt.
Wir suchen das Bestattungsinstitut auf, mit dem wir gute Erfahrungen bei der Organisation der Beerdigung von Jens hatten. Der junge Bearbeiter berät uns zum Antrag, den wir bei der Friedhofsverwaltung stellen werden, und zur gesetzlichen Lage. Obwohl er wenig Kenntnis mit derartigen Umbettungen hat, zeigt er sich interessiert und wird sich mit dem entsprechenden Friedhof in Verbindung setzen. Er macht uns Mut. Wir freuen uns über die Unterstützung. Dennoch überkommt mich eine tiefe Traurigkeit. Genau an diesem Tisch planten wir die Beerdigung von Jens. Unbewusst haben wir dieselben Plätze eingenommen. Die schweren Gefühle, die ich damals hatte, brechen mit aller Macht hervor. Der Drang zu weinen ist da, doch die Augen bleiben trocken.
Zu Hause formulieren wir den Antrag und begründen, warum wir diese Umbettung anstreben. Wir sind überzeugt, das Richtige für unseren Sohn zu tun.
Aus dem Schreiben:
»… Familienzusammenführung … Wir wanderten mit den Kindern oft in der Gegend oder umrundeten den See mit dem Rad … Jens und sein Bruder liebten es, dort ihren sportlichen Aktivitäten nachzugehen … Das sind für uns wundervolle Erinnerungen … Wir wissen, würde sich Jens eine Grabstätte wünschen, dann am Schladitzer See, da er wie auch die Familie eine tiefe Bindung zu ihm hatte … Jens würde dem vorliegenden Schreiben unbedingt zustimmen, wenn er es noch könnte … Wir empfinden diesen Antrag als liebevollen Akt ihm gegenüber. In unseren Augen würde seine Totenruhe damit nicht gestört … Sein Tod kam völlig unerwartet, sodass er mit 37 Jahren noch nicht an eine testamentarische Verfügung über seine zukünftige Grabesstelle dachte … Als er starb, gab es in Sachsen noch keine Begräbniswälder … Hinzu kommt, dass wir uns gern an diesem See aufhalten. Wir und unsere Söhne haben seine Entstehung verfolgen können. In Anbetracht der grausamen Umstände, unter denen Jens sein Leben verlor, sind uns die gemeinsamen Erinnerungen in dieser Landschaft besonders wichtig. Sie sind Balsam für die Seele, spenden Trost und unterstützen uns in der Trauer. Das Wissen, nach unserem Tod mit ihm in dieser erinnerungsträchtigen Umgebung eine Ruhestätte zu teilen, würde uns emotional entlasten und bei der Trauerbewältigung helfen.«
Wir sind zuversichtlich. Warum sollte die Friedhofsverwaltung ablehnen?

© Brigitte Voß


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