24.03.2023, Freitag – die Acht (zum achten Jahresgedenken an die Katastrophe)

Zum achten Mal jährt sich der Tag deines Todes, lieber Jens.
Nach wie vor ist es für uns ein tieftrauriger Tag, obwohl eine lange Zeit dazwischen liegt. Sie löscht nichts aus, heilt weder alle Wunden, noch lässt sie den verhängnisvollen Flugzeugabsturz in einer weit zurückliegenden, nebulösen Ferne erscheinen. Es könnten unendlich viele Jahre vergehen, die chaotischen Gefühle, die die Katastrophe in uns weckt, bleiben bestehen.
Acht lange Jahre … Um die Acht ranken sich, wie um andere Zahlen auch, jede Menge Deutungen, die meist esoterischer Art sind.
Für mich spielt sie eine spezielle Rolle. Sie weist eine merkwürdige Ziffer auf. Ich kann ihrer Linie mit dem Finger folgen, er kommt stets am Anfang seiner Bewegung an und beginnt sie von Neuem. Faszinierend ist, dass sie sowohl in stehender als auch in liegender Form vorkommt und dem unterschiedliche Interpretationen zugesprochen werden. Letztere wird Schleife der Unendlichkeit genannt und ziert als Trauertattoo im Gedenken an dich meinen Arm. Stehen mir Ereignisse bevor, die mich ängstigen, bin ich wehmütig oder geht es mir körperlich schlecht, schaue ich das Symbol auf dem Arm an, lese deinen Namen, umfasse es, und ich weiß, du bist bei mir. Das spendet mir nach all der Zeit immer wieder Trost. Das Leben geht weiter, die Unendlichkeitsschleife ist Sinnbild dafür. Ich bereue nicht, dass ich die Tätowierung vor einigen Jahren habe stechen lassen.
Mit dem achten Tag beginnt eine neue Woche. Damit symbolisiert die stehende Acht einen Neubeginn. Seit deinem Tod bin ich in der Lage, auch die kleinen positiven Dinge, die der Alltag mit sich bringt, zu beachten, vielleicht zu genießen. Unser Dasein ist vielfältig und bunt. Das trifft ebenso auf die Gefühlswelt zu, die in meinem Fall an Intensität zugenommen hat. Die Trauer veranschaulicht, wie sehr wir dich zu Lebzeiten geliebt haben, was uns damals nicht so bewusst war. Diese Liebe besteht in inniger Tiefe weiter. Jetzt verstehe ich, dass sie ein unschätzbares Gut ist, und wir offener damit umgehen sollten.
Es wäre wunderbar, könnte ich dich noch einmal umarmen und spüren, wie das Leben in dir pulsiert. Ich versuche, mich daran zu erinnern. Je länger ich in die Vergangenheit horche, desto mehr Erinnerungen tauchen auf. Sie erfüllen mich mit einer heftigen Wärme und Freude. Leider nur für kurze Momente, denn die Realität schlägt mit aller Härte dazwischen. »Du bist tot, tot, tot …« Das leidenschaftliche Hochgefühl wird nahezu im selben Augenblick von einer bleischweren Traurigkeit abgelöst. Ich befinde mich in einer Achterbahn, einer Bahn, in der meine Empfindungen mit rasanter Geschwindigkeit auf- und abwärtsfahren. Kurven schleudern sie hin und her. Manchmal haben sie die Form einer Acht, daher auch der Name.
Die Achterbahn der Gefühle ist schwer zu durchschauen, da sie zwischen Extremen schwankt. Sie geht auf und ab. Die ewig währende Liebe zu dir lässt uns stark sein. Wir werden nicht aus ihrer Bahn geschleudert. Das wäre der Schlusspunkt von allem. Das Leben ist empfindlich.
Ich werde nie verstehen, dass du ein derart grausames und sinnloses Ende gefunden hast. Niemand, der mit dem Flugzeug reiste, hätte sterben müssen. Du könntest dich nach wie vor deines Daseins erfreuen und unter uns weilen, wenn die Mitarbeiter des flugmedizinischen Dienstes gewissenhaft gearbeitet hätten. (Darüber habe ich im Blog schon oft geschrieben.) Egal, wie viele Gerichtsprozesse noch stattfinden werden, kein einziger würde dich zurückbringen. Sie ändern nichts an der Trauer. Sie verbessern nicht unsere psychischen, aber auch körperlichen Beschwerden, die uns seit deinem gewaltsamen Ableben belasten.
Die Verfahren sollen der Wahrheitsfindung dienen, einer Wahrheit, die wohl auf der Strecke bleiben wird.
Wir möchten nicht jammern, lieber Jens, denn du bist derjenige, der am meisten verloren hat. Dein kostbares Leben wurde ausgelöscht. Du hattest Pläne, hattest optimistisch in die Zukunft geschaut, warst ein fröhlicher Mensch …
Dir wurde alles genommen, einfach alles …
Wir denken stets an dich, nicht nur an diesem Tag.
Du fehlst.
© Brigitte Voß


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Ein Gedanke zu “24.03.2023, Freitag – die Acht (zum achten Jahresgedenken an die Katastrophe)”

  1. Liebe Brigitte,
    du hast Jens einen so Trauring-schönen Brief geschrieben.
    Die Liebe zu ihm spürt man deutlich.

    Diese Tage sind der absolute Horror.
    Auch nach 17 Jahren (wie in meinem Fall) kommt bei mir an unserem Tag X alles wieder hoch.
    Fühl dich gedrückt. Wie ich dir schon schrieb, ich denke heute ganz besonders an euch.

    Kerstin

    Ich finde es mega, dass du dir ein Tattoo hast machen lassen!!!

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