Nach nur wenigen Tagen zu Hause, musste ich schon wieder ins Krankenhaus, und zwar stehenden Fußes mit einem Rettungswagen. Erneut lag ich in der Notaufnahme und durfte seitdem nicht mehr aufstehen. Aufstehverbot – was für ein grauenvolles Wort. Auf einmal diagnostizierte man schwere Störungen im Körper. Man sollte nie in die Hände der Ärzte geraten, sie entdecken fiese Sachen. Ich wurde nochmals operiert. Mein Leben gestaltet sich seit dem ein wenig anders, was für immer so bleiben wird. Trotzdem bin ich dankbar und froh, dass mir die Chirurgen helfen konnten.
In unserem Dasein gibt es Augenblicke, die uns unvermittelt und hart treffen können: der Verlust eines geliebten Menschen, Krankheiten, Katastrophen, …
Sie bringen nicht nur physische Herausforderungen mit sich, sondern auch enorme emotionale Belastungen. Derartige Erlebnisse zwingen die Betroffenen, tief in sich hineinzublicken, um herauszufinden, was im Leben wirklich zählt. In diesen Momenten verlieren materielle Dinge und oberflächliche Ziele oft an Bedeutung. Was bleibt, sind die wahrhaftig wichtigen Werte. Für mich sind das unsere Lieben, ihre sowie die eigene Gesundheit.
Die Beziehung zu den Familienmitgliedern ist essentieller denn je. Wie schnell man einen geliebten Menschen verlieren kann, hat uns das Schicksal gezeigt. Alles um uns herum schien so selbstverständlich, doch das war eine trügerische Täuschung. Jens war da, und das war für uns normal. Dass er vor uns gehen würde, hat niemand gedacht – und erst recht nicht, dass Gewalt ihn uns nehmen würde. Nichts ist sicher. Man hätte sein Dasein bewusster wertschätzen müssen.
Gute Freunde sind wichtig. Der Flugzeugabsturz hat gezeigt, wer in der schweren Krise des Verlustes zu uns hält. Enttäuschungen blieben uns nicht erspart. Von manchen hörte man nichts, und andere glänzten mit geschmacklosen Bemerkungen. Der Freundeskreis hat sich zwar reduziert, aber die Verbliebenen sind umso wertvoller. Ich finde es besser, wie es jetzt ist.
Familie und Freunde sind ein Anker in stürmischen Zeiten. Sie helfen uns, die schwierigen Momente zu überstehen. Allein ihre Anwesenheit, das gemeinsame Schweigen oder einfach nur zuhören können, gibt dem Betroffenen Kraft und Halt. Auch nach meinem Krankenhausaufenthalt wäre ich ohne meinen Mann nicht zurechtgekommen. Seine Hilfe und die tröstenden Worte, wenn mein Glas wieder einmal halb leer war, haben zur Genesung beigetragen.
Inmitten von Katastrophe und Krankheit wurde mir die immense Bedeutung von Familie und Freunden bewusst.
Gesundheit ist ein kostbares Gut, dessen Bedeutung wir oft erst erkennen, wenn sie Schaden nimmt. Sie zu pflegen und zu hegen erfordert viel Fürsorge und Selbstfürsorge. Ich musste lernen, auf meinen Körper zu hören, um keine Schmerzgrenzen zu überschreiten und ihm ausreichende Erholungsphasen zu verschaffen. Eine ausgewogene Ernährung ist wichtig, doch sollte man sich auch gelegentlich etwas gönnen, das vielleicht weniger gut für den Körper ist. Es geht darum, eine Balance zwischen einem gesunden Lebensstil und dem Genuss im Leben zu finden.
Lassen wir uns über Dankbarkeit sprechen. Sie unterstützt uns nicht nur in Krisenzeiten dabei, uns auf die positiven Dinge zu konzentrieren, und Dank für das zu empfinden, was wir haben. Durch sie lernen wir, das Gute zu achten, und können so mit Zuversicht in die Zukunft blicken.
Nach zwei Lebenskrisen stelle ich mir die Frage nach dem Sinn des Daseins tiefgründiger als je zuvor. Was ist wirklich wichtig? Wofür lohnt es sich, zu existieren? Wie soll ich mein Lebensweg neu ausrichten?
Jeder Mensch muss für sich selbst herausfinden, was ihm bedeutsam ist. Ich glaube, das ist ein immerwährender Prozess. Durch Schicksalsschläge und folgenschwere Krankheiten können sich die Sichtweisen auf das Leben ändern.
In der Hektik des Alltages, vergessen wir manchmal, was zählt. Daher finde ich es wichtig, sich immer wieder diese Fragen zu stellen.
Findet man für sich passende Antworten, können diese ungeahnte Kräfte freisetzen. Oft entdecken Menschen in schweren Zeiten neue Seiten ihrer Persönlichkeit und Fähigkeiten, von denen sie vorher nichts wussten. Das Leben kann dadurch eine andere Bedeutung gewinnen.
Das klingt ja alles recht positiv, doch der Umgang mit solch einschneidenden Veränderungen ist niemals leicht. Manche Betroffene geraten in eine Abwärtsspirale, greifen zum Alkohol, finden nicht zurück in den Alltag oder begehen sogar Suizid. Es ist daher absolut ratsam, sich professionelle Hilfe zu suchen.
© Brigitte Voß
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