24.03.2022, Donnerstag – der Gedenktag in der Krankenhausisolation

Anfang des Monats erreicht uns eine hoffnungsvolle Nachricht von Lufthansa. Die Fluggesellschaft teilte mit, dass der französische Premierminister Lockerungen der Corona-Regeln in Aussicht gestellt habe, die noch vor dem siebenten Jahresgedenken in Kraft treten sollten. Natürlich müssten dabei bestimmte Auflagen wie die Maskenpflicht, Abstandsregeln, Desinfektion, usw. eingehalten werden. Wir sollten uns mit den Einreiseregelungen für Frankreich und die Rückreise ins Heimatland sowie den erforderlichen Dokumenten vertraut machen.
Mit großer Erleichterung nahmen wir zur Kenntnis, dass trotz der Corona-Pandemie wieder ein öffentliches Jahresgedenken mit den Angehörigen in Le Vernet stattfinden konnte. Doch das Schicksal hatte andere Pläne.
Eines Morgens, wir befanden uns gerade im Urlaub, hatte ich beim Verlassen des Bettes das Gefühl, als würden sich Messer in die Wirbelsäule bohren. Plötzlich quälten mich starke Rückenschmerzen. Ich konnte meine Arme kaum heben, jeder Schritt war eine Qual.
Zurück zu Hause, musste ich notgedrungen ins Krankenhaus und wurde vor sechs Tagen operiert. Die folgende Zeit war geprägt von Schmerzen und Ungewissheit.
Aufgrund der strengen Auflagen in Zusammenhang mit COVID-19 durften die Patienten keinen Besuch empfangen. Wir lagen isoliert auf den Stationen. Immerhin war es in unseren Zimmern erlaubt, die Masken abzulegen. Das medizinische Personal hingegen, musste diese permanent tragen.
Mit meinen Lieben konnte ich nur telefonischen Kontakt halten.
Mit bangem Herzen erwartete ich das Jahresgedenken. Würde ich rechtzeitig aus dem Krankenhaus entlassen werden, um diesen Tag wenigstens in den vertrauten vier Wänden mit meinem Mann verbringen zu können? Leider erfüllte sich mein Wunsch nicht. Am Todestag von Jens lag ich immer noch im Krankenhausbett. Den Zeitpunkt des Absturzes erlebten mein Mann und ich gemeinsam am Telefon. Unsere Stimmen, verbunden durch den kalten Raum, waren nur ein schwacher Trost inmitten der Trauer und der Einsamkeit.
Ständig kehrten die Gedanken an Jens‹ Tod zurück. Während in Le Vernet die Angehörigen zusammenkamen, lag ich im anonymen Krankenhausbett und starrte die gegenüberliegende Wand an.
Ich negierte alles um mich herum und versuchte, die Realität zu verdrängen.
Der Physiotherapeutin, die mich zur Genesung mobilisieren wollte, blieb nichts anderes übrig, als tatenlos wieder abzuziehen, da ich ihr mitteilte, dass es mir nicht gut gehe.
In mir herrschte das reinste Gefühlschaos.
Eine Mitarbeiterin des Sozialdienstes kam vorbei. Sie bemerkte, dass mit mir etwas nicht in Ordnung war. Natürlich  drängte sie nach der Ursache, und ich erzählte ihr den Grund. Sie war zunächst sprachlos und wusste nicht, was sie sagen sollte. Letztendlich erwirkte sie eine Sondergenehmigung, die meinem Mann ermöglichte, mich zu besuchen. Mit einem negativen Corona-Schnelltest in der Tasche eilte er auf die Station.
Eine Schwester fuhr mich im Rollstuhl bis an die Stationstür, wo mich mein Mann in Empfang nahm. Er rollte mich in den Krankenhaus-Park und setzte sich auf eine Bank. Wir sprachen über Jens, die Pandemie, von Morphium und anderen starken Medikamenten, die mir die Ärzte verordneten und die mich stark benebelten.
Ich genoss die frische Luft und die Zweisamkeit an diesem schmerzhaften Tag. Ich fühlte die Sonne auf meiner Haut und spürte einen Hauch von Lebendigkeit.
Ich war der Sozialdienstmitarbeiterin unendlich dankbar, dass sie das Treffen ermöglichen konnte. Es war ein großes Glück, dass es noch solche engagierten und mitfühlenden Menschen gibt, die sich mit Herzblut und Empathie um das Wohlergehen anderer kümmern.
© Brigitte Voß


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