24.03.2022, Donnerstag – »Ich trage dich bei mir, bis der Vorhang fällt« (zum siebenten Jahresgedenken an die Katastrophe)

Lieber Jens,
jedes Jahr betrachte ich missmutig die Zahl, die vor dem Gedenktag steht. Ich erlebe ihn das siebente Mal.
Der Tag an sich ist eine Katastrophe.
Es wird behauptet, dass man sich an ein wiederholendes Ereignis gewöhnen würde. Wäre es ein schreckliches, würde man sogar abstumpfen, um sein Seelenheil zu schützen. Beides kann ich nicht bestätigen. Möglicherweise trifft das auf Außenstehende zu, die die zunehmende Gewalt, die sie umgibt, nicht mehr an sich heranlassen.
Wir erinnern uns täglich an dich, an die vielen lustigen Begebenheiten, die wir mit dir erleben durften, und manchmal auch an die weniger schönen Momente. Trotz der sieben Jahre, die zwischen der Katastrophe und dem Jetzt liegen, ist dein Bild in unserer Vorstellung bis heute plastisch. Wir vermissen dich genauso wie kurze Zeit nach deinem Tod.

Wenn wir sterben, nehmen wir einen Teil der Erinnerungen mit ins Grab, weil nur wir sie kennen. Die anderen verbleiben in den Köpfen derer, die davon wissen oder sie mit uns erlebt haben. Die Reihe pflanzt sich fort, bis kein Gedanke an dich übrig bleibt.

Tot ist ein Mensch erst dann, wenn der Letzte, der sich seiner erinnert, gestorben ist.

(Udo Jürgens)

Nur, was ist danach? Wir werden sterben, die Kinder und Enkel ebenfalls.
Als unser jüngstes Familienmitglied, Enkel Timo, geboren wurde, lebtest du leider nicht mehr. Mittlerweile weiß der Fünfjährige von dir. Er hat registriert, dass du mit dem Flugzeug abgestürzt bist, dass dein Tod kein normaler war. Seine Schwester, Papa und Mama sowie wir haben davon erzählt.
Vielleicht sitzt Timo eines Tages selbst vor seinen Enkeln/Urenkeln und sagt zu ihnen: »In unserer Familie gab es mal einen …, es war mein Onkel, äh, wie hieß er doch?«, er grübelt, das hochbetagte Gedächtnis lässt ihn zunächst im Stich. »Jens, er hieß Jens … , er stürzte mit einem Flugzeug ab …«
(Lieber Jens, sicher schmunzelst du, solltest du die letzten Zeilen lesen. Wie ich dich kenne, hättest du Lust, sie auszuschmücken. Schade, dass ich es niemals erfahre.)

Die Kette des Sterbens setzt sich unter den Generationen fort, die Erinnerung an dich verblasst. In den Familiengesprächen über dich und den Flugzeugabsturz wird mit der Zeit immer weniger Empathie mitschwingen, bis sie für unsere fernen Nachfahren keinen Stellenwert mehr hat.
Für mich ist diese Vorstellung schmerzhaft.
Sterben mit dem Körper ebenso die Gedanken? Wenn nicht, dann bleibt die Erinnerung an dich ewig bestehen, was mir gefallen würde. Leider weiß das niemand, sodass es eine Spekulation bleibt.

Länger werden wohl die Informationen über die Katastrophe überleben. Es wurde viel darüber in Wort, Schrift und Bild berichtet.
Die Ursache des Germanwings-Airbusses liegt nicht in einem technischen Defekt, nicht in gefährlichen Wetterunbilden, sie ist nicht im mangelnden Wissen des Piloten zu finden. Eine einzelne Person vollendete ihren Suizid mit einem Massenmord, sie löschte 149 Leben aus. Das lässt aufhorchen. Diese Grausamkeit rüttelt am Mitgefühl. Für die ferneren Nachfahren, allerdings, wird es, chronologisch gesehen, nur eine unter vielen sein.

(Es gibt sogar Untersuchungen, wie lange sich Menschen an unheilvolle Flugzeugabstürze erinnern: Link)

Es sind nicht nur die Erinnerungen an die Person des Toten, die ihn in den Köpfen weiter leben lassen, sondern ebenso die Folgen seines Handelns. Schriftsteller, Komponisten, Architekten, Wissenschaftler, Philosophen, Helden … können dank ihrer Werke/Taten über den Tod hinaus weiterleben. Manch einer hat es sogar geschafft, dass man seinen Namen nach zweitausend Jahren noch kennt.
Die einen überleben eben den eigenen Tod etwas länger als die anderen, bis die Zeit die Erinnerung an sie vollkommen auslöscht.

Jens, ich würde gern wissen, wie es umgekehrt ist. Denkst du zurück an dein Leben in unserer Mitte? Ist es dir möglich? Ist es dir überhaupt wichtig?
Manchmal frage ich mich, ob es dir in der fremden Existenz ähnlich ergeht, ob du dich an das schlimme Ereignis erinnerst, das dir das Leben nahm. Ist dir der bewusste Tag von Bedeutung?
Denkst du noch an uns, oder wurden wir in der unbekannten Welt durch deinen Tod ausgelöscht? Vielleicht sind bei dir Raum und Zeit ausgehebelt.
Ich hätte so viele Fragen, die nur du beantworten könntest.

Die Absturzzeit, der Zeitpunkt, an dem du gestorben bist, rückt näher. Diesem 10.41 Uhr sehe ich stets mit Bangem entgegen. Ich würde ihn gern in eine grenzenlose Ferne verschieben, obwohl mir das Gedenken an dich extrem wichtig ist. Sowohl der Tag als auch die furchtbare Uhrzeit stehen gegen das Vergessen und für das Erinnern. Und das ist gut so.

Ich gehe nicht weg
Hab‹ meine Frist verlängert
Neue Zeitreise
Offene Welt
Habe dich sicher
In meiner Seele
Ich trag‹ dich bei mir
Bis der Vorhang fällt

Ich trag‹ dich bei mir
Bis der Vorhang fällt

(Herbert Grönemeyer aus dem Song »Der Weg«)

Liebe Grüße ins Jenseits
Deine Ellis

© Brigitte Voß


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