29.11.2021, Montag – Trost im Angesicht des Todes

In unserem Urlaub an der Ostsee lernte ich zum ersten Mal einen Ruheforst kennen. Es sind spezielle Waldgebiete, in denen Menschen ihre Verstorbenen bestatten lassen können. Im Gegensatz zu traditionellen Friedhöfen werden ihre Urnen unter Bäumen beigesetzt, wodurch ein naturnaher und friedlicher Ort der Erinnerung entsteht. Es werden ebenso Sträucher oder Findlinge als letzte Ruhestätte angeboten. Die Vorstellung, dass meine Asche unter einem Baum ruht und somit Teil des Waldes wird, ist sympathisch. Auf diese Weise kann ich mehr damit anfangen, wenn man sagt, dass man nach dem Tod in den Naturkreislauf übergeht.
Grabsteine habe ich nirgendwo gesehen, stattdessen sind an den Stämmen dezente, Namensschilder angebracht, die mit ovalen, kleinen Nummern gekennzeichnet sind. Die Bäume sind teilweise uralt. Irgendwo habe ich etwas von nachhaltiger Forstwirtschaft gelesen. Ich entdecke Buchen, Eichen, Ahornbäume und Kiefern.
Besonders schön finde ich die Möglichkeit, einen Baum zu Lebzeiten auszuwählen, unter dem man später bestattet werden möchte. So kann man einen ganz persönlichen Bezug zu seinem Bestattungsort in der Natur herstellen
Interessierte können zwischen Einzelbäumen oder Familienbäumen wählen. Es existieren auch Gemeinschaftsbäume, bei denen die Asche verschiedener Verstorbener beigesetzt wird. Es handelt sich dabei um eine Form der anonymen Bestattung, bei der die einzelnen Urnen nicht persönlich identifiziert sind.
Die Gewissheit, unter einem Baum in einem idyllischen Waldgebiet die letzte Ruhe zu finden, wirkt auf mich ermutigend und tröstlich. Es gibt furchtbare Friedhöfe, die nur aus Beton und Zement bestehen. In Brüssel habe ich sie gesehen. Sie befinden sich mitten in der Stadt, und der Verkehr toste an ihnen vorbei. Dagegen ist ein Ruheforst, wie die Bezeichnung bereits sagt, ein wahrer Ort der Ruhe, an dem Angehörige sich entspannen, ungestört trauern und ihren Gedanken nachhängen können. Die Natur hat eine heilsame Wirkung.
Wir spazieren unter den Bäumen, bleiben stehen und lesen die Namen der Verstorbenen. Bänke laden zur Besinnung ein. Wir spüren die besondere Stille, die die Natur gemeinsam mit den Toten verströmt. Sie ist friedlich und wirkt beruhigend auf die Seele. Wir leben in einer hektischen Welt, in der die Zeit ein kostbares Gut ist. Der natürliche Lebensraum wird oft vernachlässigt. Trotzdem sehnen sich die Menschen danach. Wir entstammen der Natur. Nach dem Tod nimmt sie uns wieder auf. Das ist uns nicht immer bewusst.
Die Ruheforste sind eine echte Alternative zu den herkömmlichen Friedhöfen. Allerdings sind mir die Kosten unbekannt. Unterm Strich müssten sie niedriger liegen, da im Wald die notwendige Grabespflege entfällt.
Ein Holzkreuz markiert einen speziellen Platz. Davor befinden sich in Reihen aufgestellte Bänke. Vielleicht werden hier Trauerreden gehalten.
Die Vögel zwitschern. Der Wind rauscht dezent durch die Bäume.
Ich spüre die Nähe des Meeres.
Später sollten wir noch einen ähnlichen Friedhof sehen. Er befindet sich unmittelbar an der Ostsee, auf einer Steilküste. Ein schöner Weg führt hindurch und offenbart tolle Aussichten auf das Wasser. Ich sinne darüber nach, hier begraben zu sein, denn ich liebe das Meer mit seinem tosenden Klima. Natürlich weiß ich, dass ich nach meinem Tod nicht mehr am Strand spazieren gehen kann. Aber der Gedanke, dass meine Asche in unmittelbarer Nähe zum Meer ruht, gefällt mir trotzdem. Wenn der Wind stürmt und den Regen vor sich hertreibt, wird meine Seele sich dennoch erfreuen …
© Brigitte Voß


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4 Gedanken zu “29.11.2021, Montag – Trost im Angesicht des Todes”

  1. Ruheforste sind schön. Mein Papa ist dort und meine Mama hat schon einen Platz unter dem selben Baum.

    Es ist so ruhig und friedlich dort.

    Ich liebe ebenfalls das Meer und könnte mir auch eine Seebestattung vorstellen oder -und das habe ich erst kürzlich erfahren- eine Verstreuung der Asche in den niederländischen Dünen.

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      1. Ja, überlegt euch das.
        Für uns wird es auf jeden Fall etwas werden, wo sich niemand um die Pflege der Grabstelle kümmern muss. Also entweder Wald, Meer oder Dünen.

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