12.01.2020, Sonntag – Lichtspielereien

Die Nordlichter sind faszinierend. Wir sehnen uns, sie eines Tages live zu erleben. Da wir Norwegen als Urlaubsland mögen, schippern wir mit dem Postschiff, den Hurtigruten, entlang der Küste von Bergen bis Kirkenes im hohen Norden.
Lichterscheinungen fesseln mich seit dem Tod von Jens stärker als vorher.
Leider konnten wir uns bisher noch nie an den bunten Himmelsbändern erfreuen. Daher haben wir den besonderen Schalter in unserer Kabine auf ON gestellt. Treten die Lichter auf, werden wir durch einen sogenannten Nordlichtalarm informiert. Wir warten hoffnungsvoll, dass er sich anstellt.
Künstliche Lichtspiele, vom Menschen geschaffen, mögen gelungen sein, doch der beste Lichtdesigner ist für mich die Natur.

Sonne, Mond, Wolken sowie elektrisch geladene Teilchen pinseln den Himmel mit den schönsten Farben an, vorausgesetzt entsprechende Bedingungen liegen vor. Sie sind nicht nur farbig, nein, sie strahlen in den unterschiedlichsten Schattierungen. Ich hoffe, dass es im Leben danach ähnlich sein wird. Viele Menschen haben Angst vor dem Tod. Beispielsweise fürchtete meine Tante die ewige Dunkelheit. Die Vorstellung, Jens im immerwährenden Schwarz zu wissen, ist unerträglich.
Sagt man nicht, die Welt ist bunt? Gehören nicht Leben und Tod zusammen und folglich zu dieser Welt? Ich tröste mich damit, denn niemand weiß, ob sich der Tod tatsächlich in Finsternis hüllt.

Auf den öffentlichen Fernsehern der Hurtigruten flackern Meldungen auf, die sich auffallend oft mit einem sogenannten Coronavirus beschäftigen.  So grassiert  in China eine seltsame Lungenkrankheit.  Einen Todesfall soll es auch schon gegeben haben. Man spricht von einem neuartigen Virus, an dem sich die Menschen rasant ansteckend. Glücklicherweise ist dieses Land weit entfernt.

Bemerkenswert ist, dass ich einen Blog über unsere Reise mit den Hurtigruten begonnen habe (Norwegenurlaubblog.wordpress.com). Es ist das erste Mal nach der Katastrophe, dass ich über andere Dinge schreibe, als über Ereignisse, die mit dem Flugzeugabsturz zusammenhängen. Und es macht mir wieder richtigen Spaß.
Bereits im Jahr 2015 hatte ich den Blog ins Leben gerufen, um über unsere individuelle Rundreise per Pkw durch das Land zu berichten. Sie fand im Sommer 2014 statt. Am Tag, an dem das Schreckliche geschah, schrieb ich über Norwegen. Ich erinnere mich, dass ich dabei permanent auf die Uhr schauen musste, worüber ich mich heute noch wundere. Normalerweise vergeht die Zeit beim Schreiben für mich viel zu schnell. Es mag sein, dass es mir nicht so recht von der Hand ging.
Während die Computertasten klapperten, stürzte Jens in der Ferne ab. Ich ahnte nichts, hatte auch keine übersinnlichen Muttergefühle.
Etwas merkwürdig wird mir im Nachhinein, weil ich den Blog mit dem Satz, »Wir fahren durch den Svartisentunnel, der eine Länge von 7,6 km aufweist«, unterbrach, um mir das Mittagessen zuzubereiten. Dabei hörte ich eine erste Information über eine abgestürzte Maschine in den südfranzösischen Alpen. Der Menüpunkt 2014 bleibt seitdem unvollendet.
Bedenkt man, dass das norwegische Wort svart in deutscher Übersetzung schwarz bedeutet, sind wir wortwörtlich in einen schwarzen Tunnel gefahren.
Symbolisch gesehen, steckten wir lange Zeit darin fest. Wir waren desorientiert und bewegten uns in einer finsteren Welt. Allmählich beginnen wir, am Ende des Tunnels Licht zu sehen.
Auch wenn der Tunnel seinen Schatten nach uns auswerfen wird, geht das Leben weiter. Trost ist, dass uns Jens begleitet. In Gedanken sind wir fortwährend bei ihm.

Nachtrag: Das Nordlicht haben wir leider nicht gesehen. Ich bin überzeugt, dass wir eines Tages in den dunklen Himmel schauen und das wundersame Lichtschauspiel bestaunen.

© Brigitte Voß


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