Wir frühstücken spät. Da ich mich schlapp und kraftlos fühle, beschließen wir, nicht ein zweites Mal zur Absturzstelle zu wandern. So schön es ist, hier zu sein, es strengt an. Die Enge in der Brust gefällt mir nicht. So ruhen wir uns aus. Der Himmel ist blau, die Sonne prasselt. Es sind minus fünf Grad. Trotzdem wärmen die Sonnenstrahlen, sodass wir uns getrost an der frischen Luft aufhalten können. Doch wehe, sie verschwinden.
Wir sitzen auf der kleinen Terrasse, laufen zum Friedhof, stehen vor der Stele, gehen in den Gedenkraum oder, wir spazieren Richtung Gebirge. Heute sieht man sogar Einheimische zu Fuß auf der Straße.
Kaum hat der Tag begonnen, hat ihn der Abend verdrängt. Je älter ich werde, desto rascher verrinnen die Stunden. Mit jeder Sekunde wird der zeitliche Abstand zu Jens größer, was mir missfällt. Bis jetzt ist das Gefühl der Nähe zu ihm geblieben. Ich hoffe, das bleibt. Lieber Jens, vergeht bei dir in den unbekannten Sphären die Zeit ebenso schnell wie bei uns auf der Erde? Vielleicht hast du uns ja schon längst vergessen …
Zu Abend sitzen wir im Restaurant zusammen mit der spanischen Familie, Hervé und seiner Schwester. Zunächst plaudern wir über belanglose Dinge, während wir die Reste von gestern verspeisen.
Hervé murmelt irgendetwas Unverständliches, als ich nach seiner Frau frage. Sie ist nicht anwesend. Ich denke mir meinen Teil.
Die spanische Familie regt sich über die Kälte im Aufenthaltsraum auf, und wir, dass wir den Temperaturregler nicht verstellen können. Er ist elektronisch blockiert. Eine Anzeige teilt uns mit, dass wir für derlei Dinge nicht befugt sind. Wir beschließen, uns nach der Rückkehr bei Lufthansa zu beschweren. Wozu wurde dieser Raum von einer Architektin so gemütlich gestaltet, wenn man sich bei dieser Außenkälte nicht darin aufhalten kann? Und schon dreht sich das Gespräch um die Fluggesellschaft, die dafür verantwortlich ist. Wir verständigen uns auf Französisch.
Die zukünftige Reiseregelung, die zu unserem Nachteil geändert wurde ((siehe: 02.11.2019, Sonnabend – ein unfassbarer Beschluss (1) und nachfolgende Beiträge)) liegt uns schwer im Magen. Die meisten Spanier sind nicht stark davon betroffen, weil sie bequem und ohne Übernachtung mit dem Auto von Katalonien nach Le Vernet fahren können.
Plötzlich hebt mein Gegenüber den Zeigefinger und sagt mit mahnender Stimme: »Attention, Attention! Diese Frau … ist gefährlich.« Wir wissen genau, wer gemeint ist.
Irgendwann nimmt jemand von uns das große Brotmesser in die Hand und fuchtelt wütend in der Luft herum, während wir lachend ablästern und immer mehr in Fahrt geraten.
Der Konzern spart zum Nachteil der Hinterbliebenen. Versprochene Leistungen werden gekürzt. Offensichtlich sind wir ihm zu teuer. Es ist eine Schande. Im Gegensatz dazu erzielt er Milliardengewinne. Die Vorstandsmitglieder schanzen sich jährlich Boni in Millionenhöhe zu. Was für eine verlogene Welt!
Jetzt hält jemand aus der Runde die Finger wie Hörner vor die Stirn und stößt den Kopf nach vorn, als würde er einen imaginären Gegner angreifen. Wir lachen. Das Wort »Konterrevolution« fällt.
Uns wäre lieber, sie hätten keinen goldenen Sonnenball als Denkmal an der Absturzstelle errichtet. Die mehren Hunderttausend Euro, die dafür ausgegeben wurden, wären für praktischere Dinge, die uns unmittelbar helfen könnten, besser angelegt.
Niemand hält mit seiner Meinung zurück. Die arme Lufthansa hat es wirklich schwer mit uns, wir allerdings mit ihr schwerer. Der Frust ist groß. In den vergangenen fünf Jahren hat sich vieles angestaut.
Ablästern muss sein, ablästern tut gut.
© Brigitte Voß
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Liebe Frau Voß,
Ich kann nicht glauben, was ich gerade in Ihrem letzten Beitrag lesen musste 🙈🙈. Ich bin sprachlos, fassungslos , traurig und wütend 😡😡. Was dieser Milliardenkonzern sich erlaubt, ist unter aller Sa..😡😡😡😡.
Das darf doch wohl nicht wahr sein!
Die paar organisierten Flüge im Jahr für die Hinterbliebenen, sind doch für die Lufthansa ein nur kleines Trinkgeld!
Ich selber habe damals nach dem Absturz, auch die Versprechungen von Herrn Spohr im Fernsehen gehört!
Was muten DIE eigentlich den Hinterbliebenen noch alles zu??
Ich bin sprachlos!!
Da Sie in der Vergangenheit schreiben, hoffe ich für Sie und alle weiteren Betroffenen, dass diese unfassbare Regelung der Lufthansa, doch noch rückgängig gemacht wurde!!
Viele Grüße aus Paderborn und bleiben Sie gesund🙏
Michaela Bergmann
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Liebe Frau Bergmann,
es ist leider wahr.
Wir Angehörige waren regelrecht geschockt, als uns die Entscheidung der Lufthansa in einer Informationsveranstaltung mitgeteilt wurde.
Bis heute hat sie diesen Beschluss nicht geändert. Eingaben seitens der Angehörigen haben leider nicht geholfen.
Herzlichen Dank für Ihren Kommentar und liebe Grüße
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