30.12.2019, Montag – … und immer wieder die Lufthansa

Heute sind wir  in Le Vernet angekommen, um das Ende des Jahres in Le Vernet zu verbringen. Auf dem Flugplatz in München haben wir Angehörige getroffen, die sich auf der Rückreise befanden. Wir warteten gemeinsam auf unsere Flieger. Es ist immer wieder interessant, wie es den anderen ergeht, und sie die Dinge sehen, die sich rund um den Flugzeugabsturz ereignen. Meist decken sie sich.
Sie hatten veranlasst, dass Telefone der Opfer eingesammelt wurden, um sie zu einem Dienstleister zu schicken. Es kam heraus, dass ebenfalls sämtliche Daten gelöscht waren.
Sie schimpfen. Obwohl sie ihre Ankunft in Le Vernet angekündigt hatten, herrschte im Aufenthaltsraum die pure Kälte. Bei 14 Grad konnten sie sich weder darin aufhalten, geschweige denn aufwärmen. Lufthansa ist für solche Dinge zuständig.
Des Weiteren haben sie sich mit Angehörigen zusammengetan, um gemeinsam einen Protestbrief an Herrn Spohr zu schreiben. Die Fluglinie plant, die Reisen nach Le Vernet einzuschränken ((siehe 02.11.2019, Sonnabend – Wortbruch (3) sowie die beiden Beiträge vorher)). Nicht er hat geantwortet, sondern die Verantwortliche für die Angehörigenbetreuung seitens der Lufthansa. Herr Spohr hätte in seinem Protokoll nachgesehen und kein Wort von einem Versprechen gefunden. Merkwürdigerweise haben mehrere Opfer-Familien, sogar ein Schuldirektor, genau diese Zusage in den Reden des Vorstandsvorsitzenden deutlich gehört und verstanden.
Hervé, seine Schwester sowie Ehefrau Cristiana haben uns freudig in Le Vernet empfangen. Gaststätte und Hotel sind noch nicht verkauft, da der Bürgermeister ein Wörtchen mitzureden hat, was die Angelegenheit erschwert. Als Nachfolgerin ist eine Frau im Gespräch, die vom Hotelwesen kommt und wohl etwas deutsch spricht. Es gibt finanzielle Hürden. Hervé und Cristiana haben Sorgen. Sollte das nicht klappen, kauft die Gemeinde für wenig Geld, sodass die beiden große Verluste hinnehmen müssten.
Auf dem Weg zum Friedhof treffen wir die Sekretärin des Bürgermeisters. Freudige Begrüßung mit den obligatorischen französischen Küsschen links und rechts auf die Wange. Wir sind im Ort Willkommen. Abgesehen von Hervé und Cristiana freuen sich die Betreiber vom Bistro und einem anderen Restaurant, wenn wir sie besuchen. Die Verantwortlichen vom Campingplatz sprechen sogar gut deutsch. Weiterhin haben wir die Bekanntschaft von einem Motorradfahrer gemacht. Er wohnt im Ort. Er erzählt gern von seinen Reisen durch die USA und Europa mit einer Motorradgruppe, wobei die Rückenschmerzen nicht zu kurz kommen. Offensichtlich ist er in unserem Alter.
Wir fallen den Einheimischen schon deswegen auf, weil wir durch das Dorf zum Friedhof LAUFEN. Sie bevorzugen, ihre Wege im Ort mit dem Auto zu erledigen. Selbst das Fahrrad ist nahezu tabu. Ich kenne neben den Kindern und zwei Angehörigen nur drei Bewohner, die es benutzen.
Wir sitzen zusammen mit Cristiana und deren Schwägerin vor dem Restaurant in der prasselnden Sonne. Wir erzählen, dass Lufthansa unsere Reisen einschränken wird.
Auch sie regt sich auf. Das Hotel/die Gaststätte sowie der geplante Verkauf haben gesundheitliche Spuren hinterlassen. Wir erfahren, die Fluglinie dränge Cristiana und Hervé, ein weiteres Jahr die Einrichtung zu führen, sollte kein Käufer gefunden werden. Im Gegenzug sind sie allerdings nicht bereit, dafür Hilfen zu gewähren. Die beiden brauchen eine dritte Person, die sie unterstützt und die auch bezahlt werden müsse. Allein würden sie es nicht schaffen. Sie redet hektisch und ist zornig.
Unerwartet taucht eine Lufthansa-Angestellte auf und nimmt neben uns Platz. Wir kennen sie gut, sie hat stets ein offenes Ohr für uns. Sie ist sehr nett, aber … Sofort stellen wir das Thema ein und reden spontan über Polarlichter.
Als es bereits dunkelt, beschließen wir, erneut durch das weihnachtlich geschmückte Le Vernet zu bummeln. Die Lichter geben dem Ort ein feierliches Flair.

Am Abend knistert vor uns der Kamin. Die gemütliche Stimmung wird durch eine Flasche Bier verstärkt. Hervé’s Schwester ist ein archäologisches Lexikon und hat das Wissen gebunkert. Neben uns sitzt eine spanische Familie. Sie hat ihren Sohn durch die Katastrophe verloren. Wir begegnen uns auffallend oft und zufällig in Le Vernet. Das Verhältnis zwischen uns ist vertraut, sodass die Wiedersehensfreude groß ist.
Wir geraten auf negative Gleise und reden über den Absturz und unsere Söhne, die unabhängig voneinander auf einer Dienstreise waren und im selben Alter abstürzten. Natürlich kommen wir auf die Lufthansa zu sprechen. In Spanien gibt es nur noch fünf Familien, die gegen den Konzern über einen Rechtsanwalt vorgehen. Die restlichen Hinterbliebenen haben eine Verzichtserklärung auf weitere Klagen und Ansprüche unterschrieben und im Gegenzug eine gewisse Geldsumme erhalten. Sie bekamen eine viel höhere Entschädigung als die Angehörigen in Deutschland, wo es zum damaligen Zeitpunkt keinerlei gesetzliche Regelung gab. Jetzt existiert diese, aber die Germanwings-Katastrophe wird extra darin ausgeschlossen.
Auch deutsche Angehörige haben eine derartige Erklärung unterzeichnet.
Nicht so die spanische Familie. Sie ist standhaft geblieben. Sie wollen wie wir Aufklärung.
Die Handyangelegenheit regt sie ebenfalls auf, denn ebenso in ihrer Heimat, waren auf den Telefonen der Opfer keinerlei Daten mehr vorzufinden.
Der Vater kriegt sich vor Wut nicht ein und redet fast den ganzen Abend.
© Brigitte Voß


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Ein Gedanke zu “30.12.2019, Montag – … und immer wieder die Lufthansa”

  1. Hallo Frau Voß,
    Das sämtliche Daten auf den Handys gelöscht worden sind, ist eine riesengroße Frechheit und auch überhaupt nicht nachvollziehbar. Was wollte man damit bezwecken oder vielleicht sogar vertuschen? Ich könnte mir nur vorstellen, dass man durch die Handys hätte erfahren können, dass die Opfer doch länger Todesangst gehabt haben, als nur die letzten Sekunden, wie die Lufthansa das den Angehörigen weiß machen wollte.
    Auch das die Flüge nach Le Vernet eingeschränkt werden sollen, empfinde ich als ein absolutes No Go! Was sollen die Angehörigen noch ertragen? Ich bin sprachlos! Als ob die Lufthansa wegen der paar Flüge für die Angehörigen pleite ginge! Ich werde definitiv nicht mehr mit Lufthansa fliegen! Obwohl ich persönlich nicht von dem Absturz betroffen bin, macht mich das Verhalten der Fluggesellschaft einfach nur sauer!
    Nochmals zu den Datenlöschungen:
    Diejenigen hatten kein Recht dazu! Die Handys sind Eigentum der Angehörigen!! Diese hätten sich , auf die letzten Fotos aus Barcelona von ihren Liebsten , so sehr gefreut. Das waren doch die letzten Andenken!! Ich bin einfach nur fassungslos und traurig und wünsche Ihnen für die Zukunft weiterhin nur das Beste und weiterhin viel Kraft!
    Liebe Grüße
    Michaela Bergmann

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