25.10.2019, Freitag – Kinder (2)

Mein Mann und ich laufen durch den Ort zum Friedhof. Die Freude ist groß, denn wir treffen zwei Hinterbliebene, die wir kennen. Wir sehen uns aufgrund der Entfernung der Wohnorte sehr selten. Entsprechend lange unterhalten wir uns mitten auf der Straße. Sie wohnen im selben Hotel wie wir. Zu viel gibt es fürs Erste zu erzählen.
Auf dem Friedhof entdecke ich ein neu hinzugekommenes Foto. Ich betrachte es aufmerksam. Es zeigt die Mutter eines der beiden iranischen Opfer. Sie sitzt schwarz verschleiert im Rollstuhl vor der Namensplatte des Grabes und berührt mit der Hand den golden eingravierten Namen ihres Sohnes Mohammed. Es ist, als wollte sie dadurch das Entsetzliche begreifen. Inzwischen ist sie vor Kummer und Gram gestorben. Ihre Cousine ist die Mutter meiner Freundin.
Morgen fahren wir leider wieder nach Hause. Wir versuchen, den Koffer zu packen, während die Enkel um uns herumwuseln und äußerst bemüht sind, uns mit spaßigem Blödsinn abzulenken, was ihnen vollständig gelingt. Sie sind laut, doch als ich mich später bei den Zimmernachbarn, den beiden Angehörigen, entschuldige, winken sie lachend ab: »Es sind Kinder. Sie sollen sich nur tüchtig austoben.«
Sie sprechen uns aus dem Herzen, nur wird das nicht immer verstanden. Kinder sind für uns das Wichtigste im Leben. Seit dem Tod von Jens umso mehr. Mit seiner Geburt standen wir an seiner Seite, haben ihn durch all seine Lebensphasen begleitet. Es war eine schöne Zeit … und plötzlich wurde er uns für immer genommen. Er hinterlässt eine riesige Lebenslücke, die sich niemals schließt … Die Kleinen helfen uns, den Trauerschmerz zu lindern.
Wir sitzen mit den Angehörigen und unserer Familie im Restaurant. Vor uns knistert das Holz im Kamin. Das Feuer lodert und spendet Wärme. Wir nippen bei zwangloser Stimmung an den gereichten Getränken. Timo blättert in einem Tierbuch. Hervé bedient uns. Cristiana gesellt sich nur kurze Zeit zu uns, denn sie bereitet in der Küche die Abendmahlzeit zu.
Gemeinsam speisen wir.
Hervé lässt ausnahmsweise Bingo ins Restaurant, sodass die Kinder ihn streicheln können. Draußen würden sie tüchtig frieren. Der Hund liegt auf dem Rücken, und gibt seine Bauchregion frei. Offensichtlich gefällt ihm, auch dort gestreichelt zu werden. Er hat vollstes Vertrauen.
Es ist ein schöner Abend.
Hervé ruft, ich solle zu seiner Frau kommen. Cristiana erwartet mich mit einer Holzskulptur, die sie mir schenken möchte. Sie wurde von einem brasilianischen Künstler geschaffen, den sie indirekt kennt. Cristianas Wurzeln stammen aus Südamerika. Ich betrachte die geschnitzte Figur. Es ist eine Mutter. Sie trägt einen Wasserkrug auf dem Kopf und einen weiteren Wasserbehälter in der Hand. Ein kleines Kind schmiegt sich eng an sie, die Arme um ihren Hals.
Während sie mir die Skulptur überreicht, meint sie, so wie diese Frau ständig ihr Kind bei sich habe, solle ich Jens stets in meinem Herzen tragen.
Ich bin sichtlich beeindruckt und falle Cristiana um den Hals. Wir drücken uns lange und weinen.


© Brigitte Voß


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