Nach dem Frühstück erzählt uns Cristiana, dass auch sie einen nahestehenden Verwandten viel zu früh verloren habe. Es sei schon lange her und hätte nicht sein müssen. Sie vermeidet, intensiver darauf einzugehen. Allerdings beschäftigt sie die Ansicht ihres zwölfjährigen Sohnes, der dazu meint:
»Was willst du machen, Mama, die einen sterben eben vor der Zeit und die anderen spät. Du kannst es nicht ändern. Das ist so im Leben.«
Das mag hart klingen, doch beeinflussen kann man derartige Vorkommnisse leider nicht.
Sassa und ich haben mit Origami-Papier Schmetterlinge gefaltet. Ihr geht das leicht und akkurat von der Hand. Einen davon legen wir in den Aufenthaltsraum, und den Rest verteilt sie für Jens auf der Ablage im Gedenkraum. Es sind viele.
Der Tag verspricht schönes Wetter, sodass die Eltern zur Absturzstelle wandern möchten.
Wir nehmen ihnen die Kinder ab. Da sie einverstanden sind, den Ort der Katastrophe aus der Ferne zu sehen, werden wir ihn vom entsprechenden Aussichtspunkt aus zeigen.
Die Eltern fahren mit dem Mietwagen zum Parkplatz, um von dort per Fuß zur Absturzstelle zu gelangen.
Während wir mit den Enkeln auf das Taxi warten, das uns zum Col de Mariaud bringen soll, heischt Hund Bingo um unsere Aufmerksamkeit. Vor einigen Tagen musste er aus Verdache abgeholt werden, weil er mit seinem Hundekumpel bis dorthin ausgebüchst war. Es ist eine weite Strecke durch das Gebirge, die jeden erstaunt. Das Tier genießt die Streicheleinheiten. Es ist jung und spielt gern.
Das Taxi kommt. Oft fährt uns eine bestimmte Person, aber diesen Fahrer kennen wir noch nicht.
Timo hat Angst vor den Bergen, da dort Kinder abstürzen könnten. Da hat er wohl etwas in die falsche Kehle bekommen. Wir versuchen, es zu richten, doch je höher wir kommen und desto holpriger die Piste wird, klingt seine Stimme ängstlicher. Immerhin hält er durch. Endlich kann er aussteigen.
Ich vereine mit dem Taxifahrer einen Rückholetermin. Die privaten Kindersitze dürfen wir im Fahrzeug lassen. Er schlägt die Tür hinter sich zu und fährt abwärts.
Es braucht nur wenige Schritte, um in der Ferne die Sonnenkugel zu sehen. Das Denkmal erinnert an die 149 Passagiere und wurde auf der Absturzstelle errichtet. Die Sonne bringt das Gold zum Strahlen.
An den Aussichten halten wir uns längere Zeit auf. Wir geben Erklärungen: »Genau dort prallte das Flugzeug auf.« Wir zeigen den beiden, die Richtung, aus der die Maschine kam. Sassa hört aufmerksam zu, während sich der Dreijährige mehr für Steine und Stöcke interessiert, mit denen man so schön spielen kann. Er ist noch zu klein, um diese Tragödie zu erfassen. Sie hingegen stellt Fragen. Erst jetzt versteht sie richtig, dass nicht der Pilot den Absturz herbeigeführt hat, sondern, dass im Cockpit eine zweite Person sitzt, der Co-Pilot. Ich erkläre, dass seine Aufgabe darin besteht, dem Piloten beim Steuern des Flugzeuges zu helfen, und dass auch er den Steuerknüppel bedienen darf.
Das Wort »helfen« erregt sie sichtlich. »Was ist das für eine Hilfe, wenn er alle tot macht!« Und weiter: »Warum hat er sich nicht allein totgemacht?«
Ich kann nur zustimmen und lenke ab, weil mir die Tränen in die Augen drängen. Und so sammeln wir Steine, bis wir unser Ziel, die Aussichtsplattform, erreichen.
Aus der Ferne blinkt das Denkmal in der Sonne zu uns herüber. Daneben entdecken wir zwei Striche, die sich bewegen. Es sind die Eltern. Wir winken. Vielleicht sehen sie es.
Wir betrachten die goldene Kugel. Der Enkelin gefällt sie. Wir legen uns auf die Holzplanken der Plattform und plaudern, während Opa und Timo Burgen aus den herumliegenden Steinen bauen.
Sichtlich beeindruckt kehren ihre Eltern zurück.
Wieder am Col de Mariaud, setzen wir uns auf die Rastbänke und warten auf den Taxifahrer, der nicht erscheint.
Die Kinder würden den Weg bis zur Unterkunft zu Fuß nicht schaffen.
In Gedanken wiederhole ich, was ich mit ihm vereinbart hatte. Es war auf Französisch, sodass Missverständnisse auftreten könnten.
Mein Unruhezustand ist bereits hoch, als der Fahrer mit dem Taxi hinter der Wegbiegung auftaucht. Er hatte eine Reifenpanne und musste daher ein anderes Fahrzeug organisieren.
Er hört nicht auf, sich zu entschuldigen.
© Brigitte Voß
(Fortsetzung folgt)
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