16.08.2019, Freitag – der fünfte Geburtstag ohne Jens

Heute ist der fünfte Geburtstag ohne dich. An diesem wichtigen Tag bist du einfach nicht mehr da und wirst es bei den folgenden niemals mehr sein. Es ist unvorstellbar, aber trotzdem ist es so.
Wir werden mit unserer kleinen Familie zum Griechen gehen, um auf dich anzustoßen. Das Restaurant kennst du sehr gut. Öfters verkehrten wir dort, wenn es etwas Positives zum Feiern gab. Um Spaß zu haben, fanden wir stets einen Grund. Damals lag es fern meiner Vorstellungswelt, dass wir in einer anderen Zeitrechnung die Gaststätte mit dem Bewusstsein betreten würden, dass du nicht mehr lebst. Für mich gibt es ein vor der Katastrophe und ein Danach. Auf die schwere Zeit ohne dich würden wir liebend gern verzichten. Doch niemand fragt. Das Leben ist rücksichtslos. Man kann dessen quälende Seiten nicht löschen.
Auf so harte Prüfungen wird man auch nicht vorbereitet.
»Wie kann man so etwas nur aushalten?«, wurde ich neulich von einer Freundin gefragt.
Ich war überrascht, ratlos und stammelte: »Es gibt keinen Plan, an den man sich halten könnte …«
»Hmm.«
Ich fügte erklärend hinzu: »Ich muss es ja wohl irgendwie aushalten, denn ich lebe noch …«, und denke für mich, ›im Gegensatz zu Jens.‹
Wir tranken Sekt und stießen auf unsere Toten an. Ihre Schwester wurde vor wenigen Tagen beerdigt.
Die Katastrophe lebt mit mir, ich kann sie nicht abschütteln und werde nie aus dem Albtraum erwachen. Das ist mir klar. Doch schwerwiegender als mein Trauerschmerz, als das eigene Elend, ist die unfassbare Tatsache, dass du nicht mehr bist. Dein kostbares Leben ist verschwunden. Nie wieder wirst du einen nächsten Morgen erleben oder einen Sonnenuntergang sehen. Nie wieder den Wind auf deiner Haut spüren, das Wasser oder die Berührung eines lieben Menschen. Und das tut mir unendlich leid. Es schmerzt.
Stets wird mich die Frage verfolgen, was du während des Flugzeugabsturzes erleiden musstest. Mit Sicherheit hattest du Todesangst. Was dir zugestoßen ist, ist so furchtbar, dass meine Trauer in den Hintergrund rückt. Sie ist nicht so wichtig. Ich bin, aber du bist nicht. Ich wurstele mich irgendwie durchs Dasein und versuche aus dem, was ohne dich bleibt, das Beste zu machen. Du existierst nicht mehr, das ist viel schlimmer.
Du hättest dich noch an wunderbaren Ereignissen erfreuen können.
Morgen kommt deine Nichte in die Schule. Sie ist aufgeregt und freut sich auf die Einschulung. All das erlebst du nicht mehr, weil du gezwungen wurdest zu sterben. Das zu wissen, tut weh.
Gern stellen wir uns vor, wie du mit deiner Onkelrolle zurechtkommen würdest, wie du mit Sassi und dem kleinen Timo spielst. Du wärest extrem beliebt, dessen bin ich mir sicher. Die beiden würden dich permanent herausfordern, dir keine Ruhe lassen, damit du mit ihnen Unsinn machst. Sie würden kreischend vor Vergnügen wegrennen und du hinter ihnen her. Schöne Bilder bauen sich in meiner Vorstellung auf.
Die Brust wäre dir vor Stolz angeschwollen, hättest du mit eigenen Augen gesehen, wie sie beim Bambinilauf mit riesigen Schritten dem Zieleinlauf zustrebte und eine gute Platzierung erzielte. Sogar Timo rannte auf seinen kleinen Beinchen mit.
Dass du bei all dem nicht dabei sein kannst, ist mein größter Schmerz.
Was bleibt, ist die Erinnerung. Ich bin dankbar, dass damit nicht alles von dir verschwunden ist. Du existierst darin weiter.
Heute gedenken wir deiner besonders intensiv. Wir werden die Gläser auf dich erheben und viel über dich reden. Keine Angst, es werden nur positive Dinge sein.
Die Kids bringen mit Sicherheit Leichtigkeit und Freude in unser Zusammensein. Vielleicht bekommt Timo eines seiner legendären Böckchen, die jedes Mal an den Nerven zehren, aber im Nachhinein für Heiterkeit sorgen – zumindest bei mir. Er lebt, allein das ist wichtig. Wie würdest du dich wohl verhalten, wenn der kleine Mann alles verneint und sich bäuchlings auf den Boden wirft? Schade, dass wir uns das nur, allerdings in den buntesten Farben, ausmalen können. Doch die Vorstellung ist lustig.
Die Fantasie, was wäre wenn …, wie würdest du reagieren – ist auch eine Art der tiefen Erinnerung und hilft, dich auf besondere Weise am Leben zu erhalten.

»Alles Liebe und Gute zum Geburtstag, lieber Jens.«

© Brigitte Voß


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Ein Gedanke zu “16.08.2019, Freitag – der fünfte Geburtstag ohne Jens”

  1. Liebe Brigitte, dein Beitrag zu Jens‘ Geburtstag hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Wie schwer muss es sein, diesen Tag heute nicht gemeinsam mit deinem Sohn verbringen zu können. Die Gedanken, die du beschreibst, was er heute so machen würde und wie er in bestimmten Situationen reagieren würde, brachen auch mir beim Lesen das Herz. Es ist einfach nicht so verstehen, dass ein junger, lebensfroher Mensch so grausam mitten aus dem Leben gerissen wurde, obwohl er noch so viel vor sich gehabt hätte und so viel hätte erleben können. Es tut mir unendlich leid um Jens. Und es tut mir leid für euch, dass euer Leben seit seinem Tod all die Freude genommen wurde. Ich denke heute ganz fest an euch. Alles Liebe, Sophia

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