21.07.2019, Sonntag – Untergang der Estonia

Vorgestern kamen wir mit der Fähre aus Stockholm in Helsinki an. Wir gingen von Bord, sie hingegen setzte ihre Reise bis zur Endstation Tallinn fort.
Während der Überquerung unterhielten wir uns über den Untergang der Estonia, was nahe lag. Der Grund: Zwischen Tallinn und Stockholm, also auf der Gegenrichtung zu unserer, ereignete sich in der Nacht des 27. zum 28 September 1994 die Katastrophe. Und zufällig berichten die Medien gerade mal zwei Tage nach dem Gespräch von eben dieser Tragödie, die 852 Todesopfer zur Folge hatte. Sie jährt sich in wenigen Monaten zum 25. Mal.
Die Fähre zählte zu den moderneren Reiseschiffen. Sie fuhr unter estnischer Flagge.
Nur 137 Menschen überlebten. Sie und Angehörige der Toten zogen vor Gericht und forderten von der französischen Zertifizierungsstelle Bureau Veritas sowie der deutschen Meyer-Werft aus Papenburg Entschädigungszahlungen in Höhe von 40,8 Millionen Euro. Nach nunmehr fünfundzwanzig Jahren erfahren sie, dass ihre Klage wegen angeblich fehlender Beweise zurückgewiesen wurde. Für sie müssen es Jahre eines bangen Wartens gewesen sein, denn was solch eine Katastrophe an Leid in die Familien, Freunde, Kollegen, usw. bringt, erleben wir selbst. Hinsichtlich der Estonia kommen noch die traumatisierten Überlebenden hinzu.
Es ist nicht nur der für immer bleibende Schmerz, der den Hinterbliebenen zusetzt, sondern zusätzlich das erschwerte Bestreben, ihren verstorbenen Lieben Gerechtigkeit zuteilwerden zu lassen. Laut einem Zeitungsartikel der LVZ vom 20./21. 06. 2019 ging es ihnen vor allem darum, die Verantwortlichen für das Sinken des Schiffs zu benennen.
Angehörigen von Flug 4U9525 ergeht es im Fall des Flugzeugabsturzes ähnlich. Sie fühlen sich ihren toten Verwandten gegenüber verpflichtet, dass die Personen, die die Katastrophe im Vorfeld durch Unterlassungen und oberflächliches Arbeiten ermöglicht haben, ermittelt oder gar zur Rechenschaft gezogen werden. (Im Blog habe ich zu Genüge darüber geschrieben.)
Daher kann ich mich gut in die Gefühlswelt der Hinterbliebenen der Schiffskatastrophe versetzen, die durch das vernichtende Gerichtsurteil nach so langer Zeit, den wohl schmerzhaftesten Peitschenhieb ihres Lebens erfahren mussten. Das mag zwar etwas pathetisch klingen, erklärt aber dem Nicht-Betroffenen bildhaft, wie sich solch ein Urteil für die Kläger anfühlen muss.
Die Fähre sank, weil sich in der betreffenden Nacht die Bugklappe zum Autodeck öffnete und abriss. Wassermengen strömten hinein. Das Schiff bekam Schlagseite, kippte und verschwand rasch unter der Meeresoberfläche. Niemand zieht diesen Fakt in Zweifel. Die Bugplatte ist das einzige Teil der Estonia, das geborgen werden konnte. Der ursächliche Grund für den Untergang konnte nicht geklärt werden, die Schuldfrage bleibt bis heute offen. Die Werft widerspricht dem Vorwurf, es hätten Konstruktionsmängel vorgelegen, und behauptet, die Fähre wäre nach ihrer Inbetriebnahme nachlässig gewartet worden. Das Bureau Veritas hatte sie als seetauglich eingestuft und erklärt sich als nicht schuldig. Eine internationale Untersuchungskommission schlussfolgerte, die Scharniere der Klappe hielt den Kräften des tobenden Wassers nicht stand. Weitere Ungereimtheiten existieren.
Obwohl der Untergang der Estonia das größte Schiffsunglück der Nachkriegsgeschichte ist, weisen verantwortliche Stellen die Schuld von sich.
Niemand will es gewesen sein – das zieht sich wie ein roter Leitfaden durch etliche Katastrophen der Vergangenheit.
Der Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Bergen wird als größter Massenmord der Nachkriegsgeschichte bezeichnet. Ähnlichkeiten zur Tragödie der Estonia zeichnen sich ab. Keiner übernimmt die Verantwortung, obwohl sich bei der jährlichen Ausstellung der Fluglizenzen die Fehler wiederholten und niemand den Copiloten Lubitz hinderte, Passagiermaschinen zu fliegen. Dabei schließe ich seine Familie und Freunde mit ein. Allein die häufigen Arztbesuche innerhalb weniger Monate sowie der exzessive Konsum gehirnvernebelnder Medikamente müssten den Nächsten aufgefallen sein.
Es ist kein Zufall, dass wir nach nunmehr vier Jahren erst am Beginn eines Klageprozesses stehen, von dem Angehörige erhoffen, dass die Verantwortlichen benannt werden oder gar zur Rechenschaft gezogen werden …
Nur 94 Leichen konnten aus der Ostsee geborgen werden.
Das Wrack liegt bis heute auf dem Meeresboden vor der Südküste Finnlands. Es umschließt mehr als 750 Todesopfer. Obwohl die schwedische Regierung den hinterbliebenen Familien versprochen hatte, die Toten heraufzuholen, erklärte sie später die gesunkene Estonia per Gesetz zur Grabstätte. Angeblich soll die Totenruhe nicht gestört werden, was mich befremdet. Ist es nicht ein menschliches Bedürfnis, alles zu tun, die Verstorbenen nach Hause zu holen?
Schweden ist ein reiches Land, daher dürfte Geld für die Bergung kein Problem sein.
Obwohl wir nur Körperteile von Jens zurückerhalten haben, weiß ich seitdem mit Sicherheit, dass er nicht mehr lebt.
Wäre dieser Fall nicht eingetreten, würde ich bis an mein Lebensende unter hoffnungsvollen, aber selbstzerstörerischen Zweifeln leiden, dass er gestorben ist. Eine Zerreißprobe für die Seele.

Klarheit über sämtliche Ursachen, die zur Katastrophe führten, sowie Beerdigung und Grab sind wichtige Schritte in der Trauerverarbeitung.

© Brigitte Voß


Entdecke mehr von SEELENRISSE

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar