05.06.2019, Mittwoch – Ambulo ergo sum


Hervé möchte uns die Schönheiten der Natur zeigen, wie man sie in der Region entdecken kann. Sohn Arthur begleitet uns, denn mittwochs hat er frei. Für die französischen Grundschüler ist eine Schulwoche auf vier Tage begrenzt. Außerdem besteht keine Schulpflicht in dem Sinne, dass die Kinder in der Schule erscheinen müssen, um zu lernen. Als Alternative ist Hausunterricht, auch in digitaler Form erlaubt.      
Wir fahren ein Stück mit dem Pkw durch die Clue de Barles Richtung Digne. Der Fluss Bès hat sich mit der Zeit tief in das Gebirgsgestein gegraben und abenteuerliche Felsformationen hinterlassen. Wir kennen die Schlucht, durch die sich die Straße schlängelt, zur Genüge. Jedoch bestaunen wir sie stets aufs Neue.
Auf einem Parkplatz kann sich das Fahrzeug erholen.
Unser Freund hat eine Rundwanderung vorgesehen.
Zunächst überqueren wir über eine schaukelnde Hängebrücke die Bès. Der anschließende Weg führt in steilen Serpentinen bergauf. Eine reizvolle Aussicht auf das Flusstal und die Berge offenbart sich uns.
Es ist warm. Die Blumen duften. Man kann nicht aufhören, sie unter dem knallblauen Himmel in ihrer Farbvielfalt zu fotografieren.
Unser erstes Ziel ist die Lame de Facibelle, ein hochaufragender, spitzer kurioser Felsen, dem man in der Namensgebung zu recht die Bezeichnung »Klinge« (frz.: lame) verpasst hat.
Hin und wieder schmettert Arthur mit reiner Knabenstimme Opernarien vor sich hin. Ich staune.
Wir queren einen kleinen Wasserlauf und setzen uns am Fuße der Lame de Facibelle auf die Felsen, um belegte Brote zu verspeisen. Trinken ist bei der Anstrengung und Hitze besonders wichtig. In der Nähe plätschert ein Wasserfall.Wir wandern und wandern. Steil führt der Gebirgspfad bergauf. Hervé erklärt, dass wir uns im Vélodrome von Esclangon befinden. Aus der Ferne wirkt diese Felsformation wie ein Velodrom, in dem die Radsportler ihre runden Bahnen hinterlassen haben. Ich erinnere mich an Fotos, die ich in Urlaubsprospekten gesehen habe. Mitunter entdecken wir rotfarbenes Gestein.
Da wir bereits drei bis vier Stunden gewandert sind, suchen wir ein schattiges Plätzchen, um ein wenig auszuruhen. Die umgebenden Berge ziehen unsere Blicke wegen ihrer Formvielfalt und Musterung magisch an.Neben mir sitzt Arthur. Ich stelle mir vor, es wäre Jens, und hoffe, dass er uns begleitet und auf seine Weise die Schönheiten dieser bizarren Landschaft genießt. Die Bergwelt hatte er stets geliebt. Vielleicht ist er mitten unter uns und erfreut sich, dass wir derart unterwegs sind. Ich muss lachen, denn Arthur beginnt erneut mit seinem Pavarotti-Gesang. Erstaunlich, nichts klingt falsch.
Das nächste Ziel ist die Kapelle Saint-Jean-du-Désert (1200 m). Das Zwiebeldach der orthodoxen Einsiedelei fällt auf. Eine Schwester wohnte hier fern der Zivilisation bis Anfang der 1990er Jahre, wenn ich das recht verstanden habe. Das Innere des kleinen Gebäudes sieht immer noch bewohnt aus.
Wir laufen durch einen Wald, dessen Bäume durch ihre Geradlinigkeit und Höhe hervorstechen. Kunst begegnet uns. Hervé nennt den Namen ihres Schöpfers: Herman de Vries. Zunächst sind es Stäbe, auf denen in goldenen Lettern »Silence« steht. Ruhe und Natur gehören zusammen.
Auf dem weiteren Weg leuchten uns drei Wörter entgegen: »ambulo ergo sum« ((in Übersetzung: »ich gehe, also bin ich« (wandere, spaziere, laufe)). Sie wurden in das Gestein graviert und vergoldet. Der Spruch erinnert an die vielzitierte Erkenntnis des Philosophen Descartes: »Cogito ergo sum« (»Ich denke, also bin ich.)Es stimmt, wenn ich mich bewege, Sport treibe, usw., stellt sich das Gefühl ein, dass ich lebe. Jetzt umso stärker, da ich wegen einer Gelenkabnutzung erfahren musste, was es heißt, nicht mehr richtig laufen oder Treppe steigen zu können. Glücklicherweise konnte geholfen werden. Sich bewegen zu können, ist etwas Wunderbares.
Das Denken gehört zum menschlichen Sein dazu, obwohl ich es seit dem Tod unseres Sohnes gern abstellen möchte.
Wandern ist wie das Leben. Mit jedem Schritt, den wir gehen, ändern sich Blickwinkel und Realität.
Ich denke an Jens und das Chaos, das sein Tod in uns hinterlassen hat. Anfangs war die Trauer dumpf. Ich ging durch zähe graue Nebel. Der Verstand hat zwar erfasst, was passiert ist, doch waren Schranken vorhanden, die den Fakt nicht in die Tiefen der Seele gelassen haben. Sie haben gesagt: Bis hierher und nicht weiter. Ohne diesen Schutzmechanismus wäre ich vielleicht zusammengebrochen. Mit den Jahren öffnete sich eine nach der anderen. Die Perspektiven änderten sich, und das Wissen um das schmerzliche Geschehen wurde bewusster. Ich habe gelernt, gefestigter darauf zu reagieren. Das Grau ist heller geworden. Allerdings lauert es im Hintergrund und verschwindet wohl nie.
Am frühen Abend sind wir zurück. Obwohl wir erschöpft sind, suchen wir Friedhof, Gedenkraum und die Stele auf. Ich betrachte sein Foto. Die Blumen, die wir daneben gestellt haben, stammen von einer Wildwiese. Gemeinsam mit der flackernden Grabkerze treten sie in der untergehenden Sonne zunehmend plastisch hervor. Jens ist tot und trotzdem sitzt er lächelnd vor mir – leider nur auf dem Bild, das in Stein gelasert wurde. Der Granit und unser Jens sind starr, bewegen sich keinen Millimeter. »Ambulo ergo sum«. Jens ist nicht mehr, er lacht nicht mehr, ich höre ihn nicht mehr, ich sehe ihn nie wieder …
Im Abendlicht leuchten die Berge rot.

© Brigitte Voß


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2 Gedanken zu “05.06.2019, Mittwoch – Ambulo ergo sum”

  1. „Anfangs war die Trauer dumpf. Ich ging durch zähe graue Nebel. Der Verstand hat zwar erfasst, was passiert ist, doch waren Schranken vorhanden, die den Fakt nicht in die Tiefen der Seele gelassen haben. Sie haben gesagt: Bis hierher und nicht weiter. Ohne diesen Schutzmechanismus wäre ich vielleicht zusammengebrochen. Mit den Jahren öffnete sich eine nach der anderen. Die Perspektiven änderten sich, und das Wissen um das schmerzliche Geschehen wurde bewusster. “
    Liebe Brigitte, besser hättest Du es nicht formulieren können! Genauso habe ich es auch empfunden und empfinde es noch. Weiterhin herzlichen Dank für Deine Texte, die ich immer wieder sehr gerne lese!
    Liebe Grüße
    Annette

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    1. Hallo Annette,
      Die Ähnlichkeiten in den Empfindungen über das grausame Geschehen sind sicherlich ein starkes Band, das uns Hinterbliebene verbindet. Danke für deinen lieben Kommentar.

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