29. Mai 2019, Mittwoch – was man gern sehen will?

Wieder einmal sind wir in Le Vernet. Zum wievielten Mal? Ich erinnere mich nicht.
Wir haben uns selbst eine kleine Gîte organisiert und sind mit eigenem Fahrzeug angereist. Kein Flugzeug, kein Mietwagen und ohne Reiseorganisation sowie Kostenerstattung durch die Lufthansa, was uns ein besseres Gefühl gibt.
Noch bezahlt die Fluglinie die Flüge, zwei Nächte für den Aufenthalt im Inattendu mit Frühstück und zwei warmen Mahlzeiten sowie anteilig den Leihwagen. Das wird nicht ewig so weitergehen. Wir bangen, dass irgendwann damit Schluss sein wird, denn für kürzere Reisen ist das der bequemere Weg.
Benutzen wir für die Anfahrt das eigene Fahrzeug, lohnt es sich, länger zu bleiben, denn mit Übernachtung an der Grenze sind wir zwei Tage unterwegs.

Nachdem wir uns eine geraume Zeit an der Absturzstelle aufgehalten haben, wandern wir abwärts ins Dorf. Ich kenne jede Biegung und Kehre, die Aussichten in die Umgebung sowie die Bäume, die sie einrahmen. Ich weiß, an welchen Stellen wir ein wenig Schatten finden können, wenn sich die Sonne der Hohen Provence in meinen Kopf wühlt. Leider sind sie rar. Ich hasse jegliche Kopfbedeckung.
Es sind mehr Wanderer als üblich unterwegs. In Frankreich wie in Deutschland ist morgen ein Feiertag, nämlich Himmelfahrt.
Das Gold der »Sonnenkugel«, die an den Flugzeugabsturz vor vier Jahren erinnert, macht in krasser Form auf den Ort des grauenhaften Geschehens aufmerksam. Ein schlichteres Denkmal aus Naturmaterialien wäre mir lieber gewesen. Stattdessen fällt das goldfarbene Leuchten trotz Entfernung zu deutlich auf. Das lockt gewisse Katastrophentouristen an, obwohl auffällige Verbotsschilder verbieten, die unmittelbare Region des Absturzes zu betreten. Sie überwinden sogar den Abgrenzungszaun, wie wir vorhin bemerkt haben. Allerdings ist das Paar rasch umgekehrt, als es uns entdeckte. Mit Sicherheit waren es keine Angehörigen der Opfer.
Ich möchte dort oben allein in Zwiesprache mit Jens sein.
Ein Glück, dass die »Sonnenkugel« nachts nicht beleuchtet wird, wie es ihr Erschaffer geplant und manche Hinterbliebene begrüßt hatten. Das hätte einen nächtlichen Tourismus hervorrufen können. Ich bin den Einheimischen dankbar, dass sie dieses Walt Disney zu verhindern wussten.
Ich überlege, ob Jens uns aus der unbekannten Welt beobachtet, wenn wir bis zur Absturzstelle und zurück wandern. Besonders in Südfrankreich geschehen Dinge, die wir als seine Kontaktaufnahme aus dem Jenseits deuten.
Dazu gehören plastische Träume über ihn, die so lebensnah sind, dass ich sie nicht vergessen kann.
Von meinem Schmetterlingswahn habe ich im Blog mehrfach geschrieben. Abgesehen von Klamotten, Tüchern, Schmuckstücken, Bettwäsche, usw., bei deren Anblick ich sofort die Geldbörse zücke, sind wir mittlerweile Besitzer eines blauen Toilettendeckels, auf dem ein Schmetterling prangt. Damit stehe ich nicht allein da. Ich kenne eine Hinterbliebene, die sich einen WC-Deckel mit einem Zebrabild zugelegt hat, da sie dieses Tier aus mir unbekannten Gründen mit dem Tod ihres abgestürzten Sohnes verbindet.
Bisher geschieht nur in Frankreich, dass sich ein Schmetterling auf unsere Haut oder Kleidung setzt und nicht von uns weichen will.
Solch ein tiefblaues Flattertier ist uns am Morgen beim Aufstieg begegnet. Es ließ die Flügel minutenlang ausgebreitet und zeigte uns seine Schönheit.Vor wenigen Tagen sah ich in den Wolken, die über der Bergkette hingen, hinter der das Drama geschah, einen imaginären Stuhl mit einer Person. Siehe im untenstehenden Foto die rechte Seite des hellen Wolkenflecks, der sich über der Stele befindet. Zumindest ich sehe darin deutlich die angewinkelten Beine, den leicht nach vorn gebeugten Rumpf, auf dem ein Kopf thront. Spontan dachte ich: » Jens beobachtet uns.«Gestern Abend habe ich das Wolkenherz fotografiert. Wir sind erst den fünften Tag in Le Vernet.»Schau doch mal auf den Boden«, dringt die Stimme meines Mannes an mein Ohr.
Zunächst finde ich eine Schlange. Bei genauerem Hinsehen entdecke ich, dass sie aus einer Vielzahl von Raupen geformt wird, die der vorderen folgen und somit eine lange Kette bilden, die sich über den Weg schlängelt.Wir staunen, so etwas haben wir noch nie gesehen.
Aus den Raupen entwickeln sich schöne Schmetterlinge, bin ich überzeugt. Ich bin aufgeregt, das kann nur von ihm stammen, von Jens …
Später belehrt mich das Internet, dass wir eine Prozessionsspinner-Prozession beobachtet haben. Ich bin mächtig enttäuscht. Es gibt eben doch für alles eine logische Erklärung: Durch die Schlangenbildung schützen sie sich vor dem Appetit von Vögeln.
Ich kann froh sein, dass ich sie nicht angefasst habe (ich war nahe dran). Ich hätte eine heftige Allergie oder Asthma bekommen können (giftige Nesselhaare).
Wir sehen, was wir sehen wollen. Ein lieber Mensch ist von uns gegangen. Es fällt schwer, das zu verstehen. Die Verbindung soll nicht reißen. Daher haben Wunschdenken, Fantasie und Zufall ein leichtes Spiel mit uns. Manchmal frage ich mich, ob wir seit dem Flugzeugabsturz nicht mehr ganz richtig im Kopf sind. Beruhigend ist, dass ich nicht allein davon betroffen bin. Meinem Mann und anderen Angehörigen ergeht es ähnlich.
Wir sind nicht verrückt!
In der unendlichen Trauer um Jens empfinde ich solcherart Interpretationen hilfreich und tröstlich.
Trotzdem …, ich spüre in solchen Momenten die wesenlose Anwesenheit von Jens.
Vielleicht gibt es zwischen Himmel und Erde ja doch Dinge, von denen die Schulweisheit nichts ahnt.
© Brigitte Voß


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3 Gedanken zu “29. Mai 2019, Mittwoch – was man gern sehen will?”

  1. Liebe Frau Voß,
    Auch ich glaube fest daran, dass es ein Weiterleben nach dem Tode gibt.
    Es ist schon ein paar Jahre her. Damals war es in der Adventszeit. Ich hatte die Kerzen an meinem Adventskranz angezündet und lag auf der Couch und schaute mir einen Film im Fernsehen an. Irgendwann schlief ich ein.
    Im Traum merkte ich, wie meine Mutter mich am Arm zog und rüttelt. Sie schrie mich regelrecht an: Michaela wach auf!!! Die Kerzen!!! Wach auf!!
    Dadurch bin ich aufgewacht und was sah ich? Der Adventskranz brannte schon zur Hälfte!!!
    Hätte mich meine verstorbene Mutter nicht geweckt, hätte die ganze Wohnung brennen können.
    Seit diesem Erlebnis glaube ich fest daran, dass meine Mutter mein Schutzengel ist.
    Vielleicht ist es ja auch nur eine Einbildung. Keine Ahnung. Ich glaube trotzdem daran.
    Viele Grüße
    Michaela Bergmann

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  2. Ja, es stimmt, es gibt zwischen Himmel und Erde Dinge, die noch nicht erforscht sind.
    Vielleicht in 500 Jahren, oder niemals, oder in der Stunde unseres Todes. Euch Beiden liebe Grüße

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  3. Ja, es stimmt, es gibt zwischen Himmel Erde Dinge, die noch nicht erforscht sind.
    Vielleicht in 500 Jahren, oder niemals, oder in der Stunde unseres Todes. Euch Beiden liebe Grüße

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