13.05.2019, Montag – »Ferner wurde für 09:33 Uhr der Kabinenservice angekündigt, …«

Das obige Zitat stammt aus der Klageerwiderung der Lufthansa, die das Landgericht in Essen eingefordert hatte. Seit einigen Tagen liegt sie mir vor.
Beim ersten flüchtigen Durchblättern springt mir sofort diese Behauptung in die Augen, so, als hätte sie mich gesucht.
Die Fluggesellschaft versucht, zu beweisen, dass die Passagiere den rasanten ungeplanten Sinkflug der Maschine nicht bemerkt hätten, obwohl sie mit maximaler Betriebsgeschwindigkeit die Luft durchschnitt. Ihre Todesangst wird ignoriert.
Das Dokument weist 118 Seiten auf, und es wird für mich schwierig werden, es von vorn bis hinten zu studieren. Jens ist involviert und mit ihm mein Schmerz um den furchtbaren Verlust. Die Wut sowie die Hilflosigkeit, dass der Massenmord an 149 Menschen offensichtlich nur ein Kavaliersdelikt gewesen ist, dass bisher niemand die Verantwortung übernommen hat oder gar zur Rechenschaft gezogen wurde, sind sofort aufgetaucht. Der Arbeitgeber des Copiloten A. Lubitz bombardiert uns mit unsachlichen Argumenten wie beispielsweise mit dem Zitat der Überschrift. Man muss sich bewusst machen, dass damit der Konzern über 149 Flugzeuginsassen urteilt, die sich vertrauensvoll in diese Maschine gesetzt haben und nicht lebend wieder herauskamen. Sie hatten Todesangst. Sie müssen gesehen haben, dass die Berge anormal größer wurden, dass der Boden immer näher kam, obwohl sie gerade erst die normale Flughöhe erreicht hatten. Will mir die Fluglinie die Vorstellung aufzwingen, dass sie dabei in aller Ruhe gespeist haben? Acht Minuten später mussten sie grausam sterben. Das Protokoll des Stimmrekorders von Flug 4U9525 bestätigt die Aussage der Lufthansa nicht. Stattdessen wird im Untersuchungsbericht der BEA festgestellt, dass 09.33 Uhr der Sinkflug eingeleitet wurde. (Bei den angegebenen Uhrzeiten handelt es sich offensichtlich um UTC, früher Greenwich-Time.)
Ich bin aus eigener Erfahrung überzeugt, dass die Passagiere die höllische Abwärtsbewegung des Flugzeuges mitbekommen haben.
Ich spüre jede Landung, sogar, wenn diese ohne rechtzeitige Durchsage eingeleitet wird. Beim Landeanflug auf Marseille empfinde ich einen leichten Druck auf den Körper sowie Schmerzen in den Ohren, die am Folgetag, verbunden mit einer gewissen Schwerhörigkeit, anhalten. Sinkflug ist nicht gleich Sinkflug. Landen wir in München, Frankfurt, Leipzig, Hamburg … sind meine Reaktionen nie so heftig wie bei dem Anflug auf Marseille. In den genannten Fällen haben wir es mit normalen Sinkflügen zu tun. Der mörderische Airbus düste hingegen mit maximaler Geschwindigkeit abwärts. Von einem normalen Flug kann keine Rede sein.
Das Wort »sanft«, das in der Klageerwiderung in Bezug auf den Übergang vom Normalflug auf den tödlichen Sinkflug erwähnt wird, stößt mir zusätzlich auf. Das ist zynisch. Meine bitteren Gedanken dazu klingen wie ›sanfter Tod‹ oder ›sanft für immer eingeschlafen‹. Ist der Copilot gar der Gute, der die ihm Anvertrauten milde getötet hat? (Entschuldigung, aber solch ein Sarkasmus der Fluggesellschaft erzeugt in mir Gegensarkasmus.)
Weiterhin behauptet sie, die Passagiere hätten gar nicht bemerkt, dass der Kapitän das Cockpit verlassen hat, um die Toilette aufzusuchen. Auch, dass er erst vier Minuten später vor der Cockpittür stand, wird kritisch festgestellt. Alles spräche dafür, dass weder er noch die Fluggäste wahrgenommen hätten, dass etwas nicht stimmte.
Im BEA-Abschlussbericht kann jedermann auf Seite 20 nachlesen, dass die Spülung der vorderen Toiletten nicht funktionierte. Daher musste der Kapitän die hintere benutzen, was bedeutet, dass er für die Passagiere sichtbar war, als er an ihnen vorbei durch den Gang lief. Dadurch ging kostbare Zeit verloren, in der es eventuell möglich gewesen wäre, die Tür zum Cockpit zu öffnen.
Der Millionenkonzern negiert mit allen Mitteln, um kein Schmerzensgeld zahlen zu müssen. Ihnen geht es ums Geld, aber auch um ihren Ruf. Eigene Schwachstellen, die zu dem verheerenden Flugzeugabsturz führten, existieren für sie nicht. Dabei kann sich solch eine Katastrophe durchaus wiederholen.
Ich träume von Aufklärung, wieso der psychisch gestörte Copilot nicht aus dem Verkehr gezogen wurde, und wer das zu verantworten hat. Erst dann werde ich wieder an eine Gerechtigkeit in unserem Land glauben können.
Meine Gefühle, die diese Schlammschlacht mit sich bringt und bringen wird, stehen dabei außen vor. Jens ist mir wichtiger.
© Brigitte Voß


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3 Gedanken zu “13.05.2019, Montag – »Ferner wurde für 09:33 Uhr der Kabinenservice angekündigt, …«”

  1. Liebe Frau Voß,
    Was müssen Sie und alle Angehörigen der 149 Flugzeuginsassen noch alles ertragen? Wie geht man bloss mit Ihnen um? Einfach nur schrecklich und unfassbar!
    Ich bete dafür, dass endlich diejenigen zur Rechenschaft gezogen werden, die es zu verantworten haben, dass ein Psychopath ein Flugzeug steuern durfte.
    Ich wünsche Ihnen und Ihren Lieben weiterhin ganz viel Kraft und bleiben Sie gesund.
    LG
    Michaela Bergmann

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  2. Liebe Gitti, die Darstellung der LH, die Negierung der Ängste …. all das ist unsäglich. Mit zynischemGrinsen opfern sie die Menschen ein zweites Mal. Es ist an Perversität nicht zu überbieten. Ganz ehrlich – jeder muss in den Spiegel blicken. Mit manchen möchte ich nicht tauschen. Sei umärmelt. BeAte

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