19.02.2019, Dienstag – Kontrolle über das Leben

° ZWEIHUNDERTUNDVIER WOCHEN NACH DER KATASTROPHE °

Ich ahne, dass dieser Beitrag etwas konfus werden wird. Trotzdem drängt es mich, folgende Gedanken festzuhalten:
Mit dem markanten und vielseitigen Modeschöpfer Karl Lagerfeld, der heute gestorben ist, hatte ich zwar nicht viel am Hut, aber sein Spruch, der aus dem traurigen Anlass durch die Medien geistert, bringt mich zum Schmunzeln:

»Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.«

Dieses wunderbar zugespitzte Zitat lässt erkennen, wie universell die Betrachtungsweisen auf unser Dasein sein können.
Was aber ist, wenn man schon vorher die Kontrolle über sein Leben verloren hat?
Ich, beispielsweise, trage Jogginghosen in meiner Freizeit, da sie bequem sind, und richte mich nicht nach gewissen Modedoktrin. Ich reagiere widerwillig, werde ich missioniert. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um religiöse Dinge, die Mode, die Ernährung, usw. handelt.
Vielleicht gewinne ich, gerade weil ich Jogginghosen wie eine zweite Haut empfinde, die Kontrolle über mein Dasein zurück.
Genauso verhält es sich mit der Trauer, ich lasse mir nicht vorschreiben, dass ich jetzt endlich damit aufhören soll. Es wäre an der Zeit, die nächste Seite aufzuschlagen, den Schuldigen zu verzeihen, in die Zukunft zu blicken, abzuschließen und ein neues Leben zu beginnen, denn der Flugzeugabsturz liegt bereits vier Jahre zurück. Derartige Meinungen sind nicht selten.
Wie soll ich abschließen können, wenn Jens nicht mehr existiert? Er wurde ermordet! Es gibt Menschen, die mögen das nicht gern hören. Doch warum soll ich es nicht aussprechen. Fakten sind Fakten, und sie existieren.
Ich lasse mich nicht reglementieren. Ich gehe den Weg der Trauer, der zu meiner Psyche und dem Charakter passt und nicht den, den andere gern hätten, weil der meine ihr gewohntes Dasein stört.
Obwohl mir Jens für immer entrissen wurde, begleitet er mich durch den Alltag wie eine zweite Haut, die zusätzlich schützt. Mit ihr kann ich das Leben besser meistern.
Er ist permanent in meinen Gedanken. Ich überlege, ob ihm die neue Couch gefallen würde, oder, ob er sich freuen würde, dass der Gummibaum noch existiert, der ihm vom Kleinkindalter bis zum bitteren Ende ein treuer Begleiter war? Wir bekamen die Pflanze vor vierzig Jahren von den Eltern geschenkt. Lange Zeit zierte sie das Kinderzimmer und begleitete ihn später mit nach Düsseldorf, wo er wohnte und arbeitete. Jetzt steht der Gummibaum stolz und unverwüstlich in unserem Zimmer und wird wohl auch uns überleben. Natürlich wurde er einige Male gekappt, aber es handelt sich um das Leben dieser einen Pflanze.
Spontan fragen wir uns, was Jens zu irgendeinem Streitpunkt oder lustigem Geschehen sagen würde. Oft lachen wir dabei. Die neue Wirklichkeit mit ihm fühlt sich zwar surreal an, hat jedoch ihre Richtigkeit. Uns ergeht es damit besser, als zwanghaft irgendwelche blanke Seiten aufzuschlagen. Ich fühle mich sicherer, stabiler, und ich hoffe, dadurch mehr Kontrolle über mein Leben zurückzugewinnen. Das ist Jens, den Passagieren sowie der Crew leider nicht gelungen. Hilflos einer fremden Macht ausgesetzt zu sein, ohne dagegen angehen zu können, ist große Qual.
Ich frage mich, wie es den Angehörigen und überlebenden Opfern der Loveparade (siehe: 19.12.2017, Dienstag – belastete Trauer), mit dem Hin- und Her des gerichtlichen Verfahrens ergehen muss.
Die Veranstaltung, die im Juli 2010 erstmalig in Duisburg stattfinden sollte, nahm ein grausames Ende. 21 Menschen starben und 650 wurden verletzt.
2014 erhob die Duisburger Staatsanwaltschaft Anklage gegen 10 Personen. Im Frühjahr 2016 lehnte das Landgericht in Duisburg diese ab. Die Mutter eines der Todesopfer startete mit Erfolg eine Petition, sodass im Dezember 2017 der Prozess in Düsseldorf endlich stattfand. Anfang dieses Jahres drohte seine Einstellung, da angeblich kein öffentliches Interesse mehr an der Schuld der Angeklagten bestehen würde, doch kurze Zeit später vermeldeten die Medien, dass das Gerichtsverfahren weitergeführt werde, weil drei der sechs Bauernopfer mit dem Urteil »unschuldig« aus dem Prozess hervorgehen wollen. (Die Hauptverdächtigen konnten sich von Prozessbeginn an erfolgreich vor der Anklagebank drücken.)
Die Angehörigen und Überlebenden der Loveparade können das Prozedere der Gerichtsbarkeit kaum beeinflussen. Sie müssen ebenfalls erdulden, dass im Juli 2020 die Verjährungsfrist abläuft. Sollte diese ohne Urteilsverkündung verstreichen, wird es für sie selbst wie eine Strafe sein. Sie werden in ihrer Trauerverarbeitung zurückgeworfen. Heißt es doch, dass man gezielt Schritt für Schritt in seinen Zielen voranschreiten soll, um in der Trauer Erleichterung und damit auch im Leben wieder Fuß fassen zu können.
Leider sind wir nicht in der Lage, unser Dasein vollständig zu kontrollieren, weil es zu viele Unberechenbarkeiten bereit hält.
© Brigitte Voß


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2 Gedanken zu “19.02.2019, Dienstag – Kontrolle über das Leben”

  1. Ich finde, das ist überhaupt nicht konfus verfasst sondern sehr fassbar und für mich eindeutig auch nachvollziehbar. Danke dafür! Liebe Grüße

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