05.07.2018, Donnerstag – Zufall oder höherer Gewalt?

Wir möchten den Grand Canyon du Verdon kennenlernen und die blühenden Lavendelfelder sehen.
Wir fahren durch Digne, wo die jährlichen Gedenkfeiern an den Flugzeugabsturz stattfinden, und durch Castellane, einem winzigen Dorf, das am Fluss Verdon liegt. Wir haben nicht vor auszusteigen. Ich bin damit zufrieden, denn ich erinnere mich, dass ab hier der Copilot den todbringenden Sinkflug einleitete. Die Flugzeugkatastrophe vereinnahmt schlagartig meine Gedankenwelt. Ich bin aufgewühlt über den Tod von Jens, wütend auf seinen Mörder und verwirrt, weil die Sonne scheint, als wäre nichts gewesen. Die Gefühle stehen Kopf. Die Landschaften fliehen dahin. Irgendwann finde ich in die Wirklichkeit zurück.
Ich habe Hunger.
Wir fahren einen Hang hinauf, auf dem eine Burg thront, die auf Häuser und Straßen schaut. Sie winden sich an ihm entlang und gehören zur mittelalterlichen Ortschaft Trigance, vor deren Toren die Verdonschlucht zahlreiche Touristen erfreut.
Wir verlassen das Fahrzeug, um eine Gelegenheit zum Mittagessen zu suchen. Da uns bei der Hitze rasch die Geduld ausgeht, entdecken wir keine, stoßen jedoch auf einen kleinen Laden, der in Handarbeit gefertigte Schmetterlinge aus Metall anbietet. Sie hängen werbewirksam an der geöffneten Tür. Einer davon schillert in bunten Farben, wobei das Blau dominiert. Den muss ich unbedingt haben, es ist, als unterläge ich einem Zwang. Die Verkäuferin spricht wider Erwarten ein paar Brocken deutsch. Ich weise auf die aufgedruckten Schmetterlinge meines blauen Pullis und erkläre, dass ich von einem Schmetterlingswahn befallen bin. Sie lacht. Freudig nehme ich die Errungenschaft entgegen. Ich werde sie zu Hause an eine Zimmerwand befestigen.
Ohne etwas gegessen zu haben, fahren wir weiter.
Hat mir Jens Hungergefühle suggeriert, damit wir das Fahrzeug abstellen, um letztendlich die Dekoration zu kaufen? Ich sinniere darüber nach und komme zu dem Ergebnis, dass es wohl so sein muss, denn der Hunger nagt nicht mehr.
Wir setzen die Fahrt über die Höhenstraße Route de la Corniche Sublime fort. Sie windet sich bergauf und bergab. Erste Blicke auf die Schlucht offenbaren sich. Sie führen in eine atemberaubende, schwindelerregende Tiefe, in der zwei Ströme mit türkisfarbenem Wasser zusammenfließen. Immer wieder Stopp und Schauen. Die Klimaanlage im Auto bringt uns stets auf normale Körpertemperatur zurück.Inzwischen haben wir eine Kleinigkeit verspeist und halten auf einem Parkplatz, um eine erneute Aussicht auf den wilden Abgrund zu erhaschen, den die Felsen fantasiereich säumen.Ein Motorradfahrer mit Sozia startet den Motor und ist dabei, den Platz zu verlassen. Sie schaut in unsere Richtung und beugt sich vor, um ihm irgendetwas zu sagen. Er dreht einen Bogen und stoppt die schwere Maschine vor uns. Sie nehmen die Helme ab. Es sind der Pilot und seine Partnerin, die Stewardess. Wir begrüßen uns wie alte Bekannte, obwohl wir uns vorgestern auf dem Friedhof von Le Vernet das erste Mal begegnet sind. (Siehe Blogbeitrag: 03.07.2018, Dienstag – der Pilot und die Flugbegleiterin.)
Wir sind etwa 130 km von Le Vernet entfernt, treffen uns auf einem kleinen Parkplatz einer Höhenstraße ein zweites Mal und haben uns vorher niemals gekannt. Ist das ein Zufall?
Halten wir uns in Südfrankreich auf, stellt sich alsbald das untrügliche Gefühl ein, »als hingen wir an unsichtbaren Strippen und würden von oben gelenkt«. Es sind die Worte eines Freundes, der in dem Germanwings-Airbus Sohn und Schwiegertochter verloren hat, und die treffend beschreiben, was auch wir empfinden. Oft sind es denkwürdige Begegnungen mit mehr oder weniger bekannten Menschen oder Geschehnisse, die allesamt auf merkwürdig ausgefeilte Weise eintreffen. Durchweg hängen sie mit dem Flugzeugabsturz zusammen. Sie wirken auf uns so, als MÜSSEN wir sie unbedingt erleben, als wären sie für uns vorgesehen. Die Ursache, die zum heutigen Kauf des Deko-Schmetterlings führte, ist solch eine Fügung. Wir deuten sie als Grüße von Jens, der uns in entsprechende Richtungen lenkt. Eine andere Erklärung finden wir nicht, weil es so viele seltsame Zufälle, wie sie seit seinem Tod auftreten, nicht geben kann.
Ein weiteres Beispiel ist das gestrige ungeplante Zusammentreffen von Nancy, die in einer persischen Familie aufwuchs, mit den Hinterbliebenen aus Teheran in der 130-Seelen-Gemeinde Le Vernet. Ihre Mutter ist mit dem zweiten iranische Opfer Hosein verwandt und kannte ihn persönlich.
Allein diese Ereignisse fanden innerhalb einer kurzen Zeitspanne von nur drei Tagen statt.
Ähnliches passiert uns oft. Wir können es nicht mehr ignorieren.
Nicht nur wir fragen uns, ob nicht irgendeine höhere Gewalt ihre Hand im Spiel hat.Zurück zu unserer ebenfalls unwahrscheinlichen Begegnung.
Die beiden erzählen, dass sie sich mit ihrem Motorrad mal hier- und mal dorthin treiben lassen, spontan, ohne vorher groß zu planen. Momentan sind sie auf dem Weg zur Küste.
Sie sagen, unser vorgestriges Zusammentreffen habe sie so sehr beschäftigt, dass sie den ganzen Abend nur von der Katastrophe und uns gesprochen haben. Die Erinnerung an den Absturz des Germanwings-Airbusses sei verblasst gewesen, der Alltag habe sie eingeholt. Doch die Ereignisse von damals seien mit voller Wucht wieder ins Gedächtnis gerückt. Es hätte genauso gut sie treffen können.
Wir redeten und redeten. Unvermittelt landeten wir bei der Axt, mit der der 35-jährige Pilot Patrick Sondenheimer die Tür zum Cockpit aufschlagen wollte. Wir erfahren, dass sich an Bord mindestens eine, in größeren Maschinen zwei Äxte befinden. Sie sind dazu da, Brandherde zu bekämpfen, die hinter einer Abdeckung entstehen könnten. Eine muss im Cockpit aufbewahrt werden, die andere, es kann ebenso ein Brecheisen sein, liegt, unerreichbar für die Passagiere, im hinteren Bereich des Flugzeuges.
Es vergeht nur der Bruchteil einer Sekunde, und ich sehe vor meinem inneren Auge, wie ein Crew-Mitglied mit verbissener Miene durch den Flugzeuggang hastet, um die zweite Axt zu holen. Mit dem für den Moment ungewöhnlichen Werkzeug in der Hand, rennt es entlang der Sitzreihen wieder zurück, denn die Zeit wird knapp. Was haben die Menschen auf ihren Plätzen dabei gedacht? Oder war die Brechstange unter seiner Kleidung versteckt? Ließ das die Panik zu?
Die Flugbegleiterin sagt, dass die Crew zwangsläufig mitbekommen habe, wie es um sie stand.
›Und die Passagiere? Sie müssen doch die Absonderlichkeiten bemerkt haben, so auch den rasanten Sinkflug?‹. Allerdings stelle ich derartige Fragen nicht mehr laut. Egal, ob mir ein Laie oder ein Fachmann gegenübersteht, jeder versucht, mich vom Gegenteil überzeugen. Ich bin misstrauisch. Niemals würde ich eine ehrliche Antwort erhalten. Der Gedanke, sie wollen mich nur beruhigen, ist verständlich und allgegenwärtig …
Die Sonne prasselt warmherzig auf uns hernieder.
Unsere Wege trennen sich. Wir verabschieden uns und sind überzeugt, dass wir uns irgendwann irgendwo wiedertreffen.
© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)

Anmerkung: Der im Beitrag erwähnte Ort Castellane ist falsch. Ich habe ihn versehentlich mit Castellet verwechselt. Ich bitte um Entschuldigung.


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4 Gedanken zu “05.07.2018, Donnerstag – Zufall oder höherer Gewalt?”

  1. Ich glaube, das haben Sie verwechselt. Der Sinkflug müsste bei Le Castellet begonnen haben. Castellane wäre zu nah am Absturzort und zu weit östlich.

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  2. Liebe Frau Voß,
    ich verfolge Ihren Blog von Anbeginn, obwohl ich Ihren Sohn leider nie persönlich kennengelernt habe – sein und ihr Schicksal mich aber sehr berührt haben. Selbst durch einen tragischen Verlust betroffen, regen mich Ihre Gedanken und Erlebnisse (traurige, wie auch schöne oder aber auch zufällige) immer wieder selbst zum Philosophieren über Leben und Tod, Zufall vs. Schicksal / Bestimmung an.
    Ich möchte mich heute bei Ihnen dafür bedanken und – da ich Ihre Liebe zu Schmetterlingen nun kenne – nachfragen, ob Sie von der Pflanze „Schmetterlingsflieder“ gehört haben? Diese Pflanze wird von Schmetterlingen bestäubt und zieht diese lustigen bunten Tiere förmlich an. Aber wahrscheinlich wissen Sie das schon längst und haben diese Pflanze auf Ihrem Balkon oder Garten.

    Mit lieben und herzlichen Grüßen
    Su

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    1. Hallo Su,
      nein, dass mit dem Schmetterlingsflieder habe ich nicht gewusst. Zukünftig werde ich meine Augen offen halten. Herzlichen Dank für den Tipp.
      Liebe Grüße

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