01.07.2018, Sonntag – Gedankenwelten

Nahezu eine Woche sind wir schon in den französischen Alpen. Die Tage vergehen einfach zu schnell. Le Vernet ist uns zu einer zweiten Heimat geworden. Jens ist hier. Damit ist die Welt für mich nicht in Ordnung. Es fühlt sich zwar besser an, doch werden wir in der Absturzregion unmittelbarer mit seiner Todesursache konfrontiert. Es hilft bei dem Versuch, das Fürchterliche zu begreifen.
Wir sehen die Berge, hinter denen sich das Drama ereignete, wir wandern zur Absturzstelle, wir suchen den Gedenkraum auf oder wir stehen vor dem Grab mit den nichtidentifizierbaren menschlichen Resten unserer Lieben. Ich kann nur hoffen, dass die Teile von Jens nicht durch die Wucht des Aufpralls mit denen seines Mörders zusammengepresst wurden. Mir ist bewusst, dass derartige Gedanken die Trauer stören. Doch die Grausamkeit des Unfassbaren bringt sie mit sich. Ich kann meine Fantasie nicht verdrängen, dazu ist sie zu heftig. Hinzu kommen Zweifel, ob sämtliche geborgenen Leichenteile, bei denen es möglich gewesen wäre, auch zugeordnet worden sind. Uns wurde versichert, dass die Gerichtsmediziner vor Ort auf Hochtouren arbeiteten. Alle Insassen konnten identifiziert werden, was für uns enorm wichtig ist. Die nichtidentifizierten Überreste wurden in dem Gemeinschaftsgrab auf dem Friedhof von Le Vernet begraben.
Viele Familien wünschten, dass ihre Toten rasch von Frankreich nach Deutschland überführt werden sollten, damit sie beerdigen konnten. Vorher mussten die Opfer identifiziert sein, was für die Experten nicht einfach war.Damals türmte sich die bevorstehende Beisetzung wie eine bedrohliche Wand vor mir auf. Ich konnte sie nicht sehen, aber ich hatte das Gefühl, dass sie mich jeden Moment unter sich ersticken würde, wenn die Beerdigung nicht bald käme. Ich war umnachtet. Vielleicht nahm ich auch an, dass danach alles wieder gut sein würde. Ein Trugschluss, wie sich erwies … – Eigentlich wollte ich das jetzt gar nicht schreiben, doch da dies meiner Wahrheit entspricht, lasse ich es stehen. Jens ist und bleibt tot, egal welche Gedanken und Zweifel mich befallen …
Ich habe Blumen gepflückt, die auf der Traumwiese nahe unserer Ferienwohnung wachsen. Auf dem Friedhof teile ich sie in zwei Sträuße. Einen stelle ich auf das Grab des iranischen Opfers, das in Le Vernet beerdigt wurde, der andere vor die Namenstafel des Gemeinschaftsgrabes.
Ich schicke ein Foto per Whatsapp in den Iran. Prompt teilt die Schwester des Verstorbenen mit, dass sie mit ihren Eltern bald nach Le Vernet kommen wird. Wir werden uns sehen.
Die Begegnungen mit den Hinterbliebenen sind vor Ort oft intensiver als während der organisierten Treffen. Man kann sich besser aufeinander konzentrieren. Beim Aufenthalt in der Natur oder an den Orten des Gedenkens fallen manche Gespräche leichter. Sie sind ungezwungener.
Am Nachmittag haben wir uns von Angehörigen verabschiedet. Sie waren nur kurze Zeit hier. Er hat seine Partnerin verloren, sie ihren erwachsenen Sohn. Uns Vier würde man als eine zusammengewürfelte Gesellschaft bezeichnen. Er ist jung, sie im mittleren Alter und Mutter, und wir sind sogar Großeltern. Vor der Katastrophe kannten wir uns nicht. Obwohl wir uns nur sporadisch bei den offiziellen Treffen begegneten, stellte sich in Le Vernet rasch das Gefühl ein, als würden wir uns eine Ewigkeit kennen. Wir sind gemeinsam gewandert und konnten uns gut unterhalten.
Die Gedankenwelten der Hinterbliebenen liegen oft dicht beieinander, geht es um unsere toten Lieben.
Sie sagt: »Mein Sohn ist bestimmt stolz auf mich, weil ich es bis zur Absturzstelle geschafft habe.« Wir behaupten oft ähnliche Dinge. Entweder beginnen oder enden sie mit: ›Jens würde …, Jens hätte …, Jens wäre …‹. Stets ist er mit dabei.Oft erzählen Angehörige, dass sie sich überlegen, was der/die geliebte Verstorbene raten würde, wenn sie in irgendeiner Situation nicht weiter wissen, und handeln entsprechend. Die Toten motivieren und treiben uns an. Vergleichbar ergeht es uns mit Jens. Er würde uns »in den Hintern treten« (seine Worte zu Lebzeiten), sollten wir uns gehen lassen, insbesondere in sportlicher Hinsicht.
Sie sagt, mit ihrer Ankunft in Le Vernet, sei sie außergewöhnlich ruhig und entspannt geworden. Auch wir sind überzeugt, dass wir hier die Nähe zu Jens am direktesten erfahren.
Unsere Lieben, die so plötzlich sterben mussten, leben auf erstaunliche Art in uns weiter und haben in unseren Köpfen eine gewisse Eigendynamik entfaltet, gegen die der Verstand machtlos ist.
Wolkenbilder, Regenbögen, Schmetterlinge, Naturgewalten, flackernde Kerzen, Fotos mit merkwürdigen Schatten im Hintergrund, aber auch Rückstände von Getränken wie Tee oder Kaffee, die auf dem Tassenboden Herzen o.ä. formen – Angehörige berichten gern darüber. Meinem Mann und mir ergeht es ähnlich. Es sind Grüße von den so schmerzlich Vermissten …
Heute sind wir gemeinsam nach Prads gefahren und haben das Denkmal besucht, welches sich an der abenteuerlichen Piste hinauf nach Saume-Longe befindet. Es besteht aus 149 eisernen Stäben und wurde auf Betreiben der Bürger von Prads zum Gedenken an unsere toten Lieben errichtet. Es stammt von einem regionalen Künstler. Die beiden begutachteten es gründlich. Es gefällt. Dahinter recken die Berge ihre Kuppen dem blauen Himmel entgegen. Sie verbergen die Absturzstelle.
Die Natur ist gewaltig und fesselnd.
Ob im Fahrzeug oder beim Wandern, wir haben uns rege unterhalten oder zusammen geschwiegen, was auch gut ist.
Jetzt sind wir wieder allein. Wir essen auf der Außenanlage des Berghotels von Le Vernet Abendbrot.
Eine spanisch sprechende Familie ist im Laufe des Tages angekommen. Zwei der Frauen befinden sich in meinem Blickfeld. Die ältere weint heftig. Wahrscheinlich ist sie das erste Mal hier. Ich weiß, dass sie ihren Sohn verloren hat. Am liebsten würde ich mich zu ihr setzen, um mit ihr zu weinen. Sie wird von ihrer Begleiterin getröstet.Die untergehende Sonne beleuchtet die Berge mit einem warmen rötlichen Licht. Allmählich wird es von der Dunkelheit ausgelöscht. Irgendwo auf unserem Planeten beginnt ein neuer Tag.
© Brigitte Voß


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Ein Gedanke zu “01.07.2018, Sonntag – Gedankenwelten”

  1. Ich finde es unglaublich, wie die Natur einem im Schmerz etwas Kraft schenken kann. Niemals werde ich diese Katastrophe vergessen…so viele schöne unendlich geliebte Seelen…
    Fühlen Sie sich ganz fest gedrückt!

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