27.06.2018, Mittwoch – Katastrophentourismus?

Wir sind in Le Vernet und fahren mit dem Auto bergauf. Auf dem Parkplatz sind wir überrascht über die zahlreichen Fahrzeuge, die hier parken. Normalerweise warten nur zwei bis drei Autos auf rückkehrende Wanderer, meist sind wir allein.
Wir beginnen mit dem Aufstieg zum Col de Mariaud, bevor es weiter zur Absturzstelle geht.
Nach einer ¾ Stunde erreichen wir den Sattel, wo eine größere Gruppe betagter Personen sich auf den Bänken ausruht. Wir rufen ein »Bonjour« herüber, das sofort im Chor erwidert wird. Sie sind der Sonne ausgesetzt, deren Strahlen trotz des Vormittags recht intensiv sind und sich unter die Kopfhaut graben.
Wir lassen uns vor die Schutzhütte ins Gras fallen. Sie spendet Schatten.
Die vermutlichen Rentner unterhalten sich. Ich höre, wie eine Frau den anderen mitteilt: »Ces sont des proches.« Sie fügt noch hinzu: »Je crois.« (Es sind Angehörige. Glaube ich.) Verstohlen schauen sie uns an..
Wir haben unseren Stempel weg.
Sie setzen ihren Weg fort. Wir genießen die Ruhe, die manchmal vom Lärm eines Flugzeuges unterbrochen wird.
Irgendwann brechen wir auf. Die ersten Ausblicke auf die Absturzstelle werden sichtbar. Die Kugel leuchtet golden im Wolkendunst, der die Berggipfel des Höhenzuges verdeckt. Er zieht langsam zu uns herüber.
Die Wandergruppe kommt uns wieder entgegen. Freundlich nicken wir uns zu. Es ist offensichtlich, ihr Ziel war der Aussichtspunkt, von dem man freie Sicht auf die Sonnenkugel hat, die als Monument den Aufprallfelsen markiert.In der besseren Zeitrechnung hätte ich so etwas als Katastrophentourismus bezeichnet. Doch seitdem Jens in dem Airbus erbarmungslos sterben musste, denke ich anders darüber: Mein Wunsch ist, dass der Flugzeugabsturz niemals vergessen wird. Die Menschen sollen sich an die Ermordeten erinnern. Hier fand ein grausames Verbrechen seine Vollendung. So ist das Denkmal Mahnmal zugleich. Das trifft auch für das Grab mit den nichtidentifizierbaren menschlichen Überresten zu und für die öffentlich zugängliche Stele, wenngleich es stört, falls man selbst dort ist. Zwar haben die Besucher bisher den winzigen Zaun, der den Gedenkstein von der Außenwelt abgrenzt, respektiert und bleiben brav vor dem kleinen Holztor stehen, aber es sind Orte, an denen ich als Angehörige gern allein sein möchte. Mir wäre nicht recht, wenn Touristen meine Tränen sehen.
Obwohl Frankreich keine Todesopfer durch den Flugzeugabsturz zu verzeichnen hat, verfolgen zumindest die regionalen Medien bis jetzt aufmerksam das Geschehen rund um den ›Crash de la Germanwings‹. Sie berichten von den Gedenktagen oder wie dieses Jahr von der Errichtung des Denkmals auf dem Berg.
Die Menschen kommen nach Le Vernet, um das Schlimme zu begreifen. Vielleicht überfällt sie ein Gruselschauer, dem sofort ein Aufatmen folgt – so in der Art: «Ich war ja nicht in der Maschine. Gott sei Dank.« Sollen sie nur, mich irritiert das nicht, es ist mir egal. Wichtig allein ist, dass sie an die armen Opfer denken und WIE es zu ihrem Tod kam.
Je mehr wir uns dem Zaun nähern, der die verbotene Zone des Absturzes markiert, desto häufiger müssen wir über Geröll steigen. Mitunter liegen riesige Felsbrocken auf dem Weg. Das ist ungewöhnlich. An der Absperrung sehen wir die böse Überraschung. Ein großes Gittersegment wurde verbogen und aus seiner Befestigung gesprengt. Das waren mit Sicherheit die heftigen Gewitter mit Starkregen und Graupelschauern, die uns am Sonntag von der Terrasse der Ferienwohnung vertrieben haben. Sie wüteten viele Stunden und haben in den Bergen sichtbar ihr Unwesen getrieben.
Die Geröllklappe, die sich über dem Bach befand, wurde von den bergab rollenden Gesteinsbrocken vollkommen zugeschüttet. Sie haben sich bis zu zwei Meter aufgetürmt. Von dem einst fließenden Gewässer ist nichts mehr zu erblicken. Sein Bett wurde verstopft. Es hat sich dem früheren Verlauf zurückerobert.
Bereits beim Aufstieg haben wir uns gewundert, dass der Bach den Weg zweimal kreuzt, so wie es anfänglich vor vier Jahren der Fall war. Er wurde künstlich verlegt, damit die Piste für Fahrzeug und Mensch besser zugänglich ist. Was für Naturgewalten! Da der Zaun eingedrückt ist, brauchen wir nur über die Geröllbrocken zu klettern. Infolge des Unwetters weicht unsere Strecke von der üblichen ab.
Wir laufen auf eigene Verantwortung weiter, denn wir befinden uns in der ›verbotenen Zone‹. Doch wir wollen zu Jens.
Die Wassermassen haben ihre Macht demonstriert, das Gestein vor sich hergeschoben und es mal hier und mal dort abgelegt. Wir steigen darüber hinweg oder umgehen es, kommen aber gut voran.
Wir stehen am Ort der Katastrophe. Auf dem Felsen thront das goldene Denkmal, das den Aufprall markiert.Mein Mann legt an eine bestimmte Stelle die Lieblingsschokolade von Jens ab. Ich kratze erneut den Namen mit einem spitzen Stein in ein Stück aus Schiefer: JENS. Durch die Witterung verschwindet er jedes Mal.
Ich bin so unendlich traurig. Es ist alles, was wir für ihn tun können.
Ein kleiner Enzian bahnt sich seinen Weg durch das karge Gestein.
Problemlos erreichen wir den Sockel der Sonnenkugel. Es war schon eine technische Meisterleistung, sie in dem unwegbaren Gelände aufzustellen.
Ein Glück, dass sich die provenzalische Sonne verzogen hat.
Auf dem Rückweg drehe ich mich um und entdecke, dass Gleitschirme aufgetaucht sind. Sie umkreisen das Denkmal. Ich bin froh, dass wir weg sind. Es verunsichert, wenn man sich an diesem Ort beobachtet fühlt, dazu noch von oben.
Würden die Paragleiter ohne die goldene Kugel über der Absturzstelle schweben?

© Brigitte Voß


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6 Gedanken zu “27.06.2018, Mittwoch – Katastrophentourismus?”

  1. Liebe Brigitte,

    auch ich habe den Weg zu ihrem Blog gefunden.

    Wie schwer es mir fällt, angemessene Worte zu finden. Umso mehr bewundere ich Ihre berührende Schilderung. Sich zu den eigenen vielschichtigen Emotionen zu äußern zeugt von menschlicher Kraft und Größe- und von der unerschöpflichen Liebe, die man zu seinem Kind empfindet, immer.

    Mein eigenes Kind und ihr wunderbarer Jens sind ungefähr im gleichen Alter, und sie und ihren Mann zu visualisieren, wie sie mit der Lieblingsschokolade auf dem Bergrücken stehen, das ist geradezu schmerzlich zauberhaft, und ich bin mir irgendwie sicher, dass Jens Sie Beide gutmütig etwas necken würde deswegen, sich aber gleichzeitig immens lieb gehabt fühlt. Man muss seine Liebe etwas kanalisieren, damit man nicht innerlich verbrennt, und Sie machen das so gut.

    Dieser Ort um die leuchtend goldene Kugel sollte der Ihre sein, Menschen, die sich davon angezogen fühlen, ohne einen direkten Bezug zu haben, werden das aber zum allergrößten Teil selbst empfinden können und allen Angehörigen gegenüber eine Art unsichere Empathie empfinden, die meisten etwas unbeholfen wirken kann.

    Jens kann sehr stolz sein auf seine Mama- und er ist nicht vergessen.

    Alles Liebe für Sie und eine virtuelle Umarmung,

    Miriam

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Miriam,

      beim Lesen Ihres Kommentars wurde mir ganz warm ums Herz. Vielen Dank für die lieben Worte und überhaupt fürs Lesen.

      Herzliche Grüße

      Brigitte

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  2. Hallo,

    ich habe gerade diesen Beitrag gelesen und hatte Tränen in den Augen. So viel Liebe wie in diesem Beitrag steckt und auch die Aktion an sich die Stelle zu besuchen. Es ist unverzeihlich, was dort passiert ist und hätte nie passieren dürfen. Ich weiß noch, als es damals in den Nachrichten lief. Ich war dort 20 Jahre alt. Inzwischen 27. auch heute ist es noch präsent, man betrachtet die Dinge anders, wenn man älter wird.

    Ich wünsche viel Kraft und Stärke Ihnen und auch den anderen Hinterbliebenen!

    Gefällt 1 Person

  3. Liebe Frau Voß,
    seit dem Absturz verfolge ich Ihren Block.
    4 Jahre sind vergangen, und mir kommt es vor, als wäre es letztes Jahr gewesen. Sie schreiben so detailliert, dass man sich den Absturzort genau vorstellen kann, ohne sich die Bilder dazu anzuschauen. Danke dafür!
    Das Alles ist immer noch so unwirklich und furchtbar. Selbst für mich als Außenstehender. Wie muss das erst für Sie als Eltern sein? Ich will mir das gar nicht vorstellen!
    Ich schaue hin und wieder im Netz, ob man irgendwo was über die gefundenen Handys und den dazugehörenden Speicherkarten lesen kann. Leider ohne Erfolg.
    Wurden Ihnen diese nicht ausgehändigt?? Wenn ich Angehöriger wäre, würde ich die zurück haben wollen. Kann mir auch nicht vorstellen, dass die Simkarten so sehr beschädigt sind.
    Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles Gute, Gesundheit und weiterhin viel Kraft, dieses furchtbare Geschehen zu verarbeiten.
    LG Michaela Bergmann

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    1. Hallo Frau Bergmann,
      es tut gut, dass es nach all der Zeit immer noch Menschen gibt, die an dieser Katastrophe und den Opfern Anteil nehmen. Ich danke Ihnen. Auch dafür, dass sie meinen Blog offensichtlich interessiert lesen, obwohl er traurig ist und macht.
      Zu den Speicherkarten: Wir zumindest haben eine SIM-Karte zurückerhalten, doch auf ihr ist nichts drauf. Ob SIM oder einfache SD, die wenigen Angehörigen, die dergleichen wiederbekommen haben, sagen ebenfalls, dass sie nichts enthalten.
      Die USB-Sticks von Jens haben den Absturz relativ unbeschadet überstanden und konnten eingelesen werden.
      Natürlich wollen Opfer-Angehörige sämtliche Speichermedien zurückhaben, die ja auch die letzten Fotos ihrer Verstorbenen enthalten könnten.
      Es stehen viele Fragen im Raum.
      Liebe Grüße
      Brigitte Voß

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      1. Liebe Frau Voß,
        dankeschön für Ihre Antwort.
        Das finde ich aber äußerst merkwürdig, dass auf KEINER der ausgehändigten Sim und SD Karten etwas drauf ist!!
        Kann verstehen, dass die Handys kaputt gegangen sind bei dem Aufprall, aber die winzig kleinen Karten darin??
        Seeehr merkwürdig!!
        Sie haben Recht! Da stehen tatsächlich viele Fragen im Raum!!
        Ich hoffe für Sie und auch für alle Angehörigen der Opfer, dass sie hoffendlich bald Antworten auf die vielen Fragen bekommen!
        Alles Liebe und Gute weiterhin für Sie und Ihre Familie!
        LG Michaela Bergmann

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