Nach dem Frühstück holt uns das Fernsehteam ab. Natürlich ist die Ausrüstung des Tontechnikers nicht, wie es die Flughafenangestellte versprach, heute früh nachgeliefert worden. Sie ruht noch in Gregors Gepäck irgendwo auf dem Gelände des Airports Marseille-Provence. Jedoch Anorte hatte gestern während der Herfahrt eifrig herumtelefoniert, und konnte eine Firma ausmachen, die das fehlende Zubehör ausleihen würde. Sie lieferten es am Abend gegen 22 Uhr persönlich im Hotel an.
Schade, dass das Wetter nicht mitspielt. Bauschige Wolken hängen schwer auf den Bergen und versuchen sie einzuhüllen. Der Nieselregen nervt.
Das Fernsehteam ist bereit, wir starten.
Wir rollen den welligen Waldweg bergauf, der zum Parkplatz führt. Nico gibt uns Zeichen, das er das letzte Stück der Fahrt gern aufnehmen möchte. So müssen wir eine kurze Strecke rückwärts bergab fahren, bis er es für gut befindet. Wir beobachten, wie er ein Gerät hervorholt, das wie eine gute Mischung aus Spinne und Krabbe aussieht, und es auf den Boden stellt. Eine Drohne. Er macht sie startklar. Sie schwebt vor uns empor, lässt die kleinen Propeller kreisen, und verschwindet über dem Fahrzeug. Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, das Filmobjekt eines fliegenden Gegenstandes zu sein.
Es regnet immer noch.
Bis zum Col geht es stetig bergan. Nico trägt die Kamera auf der Schulter, Gregor die Tontechnik und Anorte das schwere Kamerastativ. Ich beneide sie nicht.
Es wird einfach alles gefilmt. Jede nebensächliche Begebenheit. Ins Auto einsteigen und wieder aussteigen. Der Schuhwechsel auf dem Parkplatz, die Wanderschuhe geben besseren Halt. Beim Laufen wird das Objektiv auf unsere Füße gerichtet, wobei Nico tief nach unten gebeugt rückwärts vor uns her läuft. Eigentlich ist das lustig und ich gewöhne mich allmählich daran.
Wir sind froh, dass die Temperaturen im niedrigen Bereich liegen und die provenzalische Sonne nicht auf uns herniederprasselt. Für die Interviews ist es vorteilhaft, einen kühlen Kopf zu behalten, denn Anorte hinterfragt einiges sogar doppelt und dreifach. Wahrscheinlich will sie damit beste Variante ausloten, die sie in den Beitrag einarbeiten kann.
Eine gewisse Aufregung ist nicht zu leugnen. Aus der Ruhe heraus, würde manche Antwort richtiger ausfallen.
Die Wolken haben aufgehört, uns mit dem Regen zu besprühen.
Wir stehen auf der Aussichtsplattform. Nachdenklichkeit. Sie fragt uns Löcher in den Bauch. Ich schaue auf die Absturzstelle und denke an Jens, gleichzeitig überlege ich, wie sehr sich doch seit dem Absturz unser Leben verändert hat.
Sie möchte wissen, ob ich Wut auf den Copiloten habe, der für den Tod so vieler Menschen verantwortlich ist. Egal wie die Jahre vergehen, ich werde stets Wut auf ihn haben. Er hat unseren Sohn ermordet. Je nach Situation ist sie mal stärker, mal schwächer, oder ich verdränge sie in einen hinteren Winkel des Gehirns, aber sie existiert. Durch die Frage wird mir allerdings bewusst, dass ich sie im Angesicht der Felsen, gegen die das Flugzeug geschmettert wurde, vollkommen aus meiner Gedankenwelt verbanne, so, als gäbe es sie nicht. Eigentlich ist das paradox. Prompt forscht sie weiter, und ich antworte, dass ich an diesem Ort mit Jens bin. Die Trauer ist allmächtig, wobei sie hier, in den Bergen, eine tiefe Ruhe verströmt. Die Wut ist hier fehl am Platz.
Wir überwinden den Drahtzaun, um an den Ort der Katastrophe zu gelangen. Auch das mag für einige Ohren befremdlich klingen.
Wir hatten vorher vereinbart, dass an zwei Stätten keine Interviews geführt werden und nicht gefilmt wird. Es betrifft die Absturzstelle und den Gedenkraum. Das hat das Fernsehteam von vornherein respektiert.
Am Ort des Flugzeugaufpralls finden wir immer noch Spuren. Flugzeugsplitter, kleine Teile, selten größere, die im Zentimeterbereich liegen.
Mein Mann kann es nicht lassen. Er sammelt akribisch die Flugzeugteile ein, die der Berg durch die Erosion frei gibt. Es ist, als wolle er das Flugzeug wie ein Puzzle erneut zusammenfügen, so als wäre nichts geschehen. Und damit die Zeit zurückdrehen? Sie alle wieder lebendig machen, ihnen Leben einhauchen? Das wäre zu schön …
Wir beginnen mit dem Abstieg. Zügig wandern wir bergab. Keine Fragen mehr, keine Aufnahmen.
Das Fernsehteam ist auffallend schweigsam.
Während wir im Hotel von Le Vernet noch eine Mahlzeit vorgesetzt bekommen, vereinbaren wir für morgen früh einen Termin, denn sie möchten uns mit ihrer Fernsehtechnik und den entsprechenden Befragungen durch das Bergdorf begleiten.
Anorte, Gregor und Nico fahren zurück nach Digne.
Wir hingegen schwingen uns erneut in den Mietwagen, weil wir vor dem Bistro ein Rendezvous haben.
Wir treffen uns mit potentiellen Vermietern eines Châlets, das wir für zwei Wochen mieten wollen. Der Kontakt kam über das Internet zustande, nur ist es besser, das Innere des Hauses direkt zu besichtigen, und so nutzen wir die Gelegenheit. Ein älteres Paar entsteigt einem Fahrzeug. Freudige Begrüßung. In meinen Gedanken stöhne ich auf, sie sprechen nur französisch. Was hatte ich auch anderes erwartet!
Sie nehmen uns ins Schlepptau und wir fahren nach Haut-Vernet ziemlich weit bergauf. Die Wohnung gefällt uns, sie erklären und zeigen das gesamte Anwesen. Wir unterschreiben den Vertrag. Sie bieten uns einen Drink an, wir greifen gern zu. Allerdings mit dem Resultat, dass ich keinen vernünftigen Satz mehr auf Französisch herausbringe. Vorher der Aufstieg mit permanent auf uns gerichteter Kamera, die Interviews, usw., das alles forderte seinen Tribut.
Wir freuen uns. Das Festmachen der Ferienwohnung bedeutet, dass wir bald wieder in Le Vernet sein werden.
Am Abend ist die offizielle Eröffnung des Restaurants, Gäste sind geladen.
Anschließend fallen wir todmüde in unsere Betten.
© Brigitte Voß
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