05.06.2018, Dienstag – mit einem Fernsehteam des MDR in Le Vernet (1)

°EINHUNDERTSIEBENUNDSECHZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE°
Eine Reporterin des Mitteldeutschen Rundfunks fragte an, ob sie uns mit ihrem Team nach Le Vernet begleiten darf. Anorte Linsmayer hatte uns bereits vor drei Jahren für einen Kurzbeitrag in der »Umschau« des MDR gefilmt. Sie würde gern eine weitere Geschichte über Jens und uns drehen, um den verheerenden Flugzeugabsturz wieder in die Gedanken der Zuschauer zurückzubringen. Gegen das Vergessen, wie sie sagt. Das überzeugt, denn die Medien berichten immer weniger von der Katastrophe in den französischen Alpen. Außerdem ist ihr Jens kein Unbekannter. Sie lernte ihn noch zu seinen Lebzeiten kennen. Mein Mann ist von der Idee begeistert, er selbst hatte sich zuweilen Ähnliches vorgestellt. Ihr Plan ist, uns an die Orte in Südfrankreich zu begleiten, die uns etwas bedeuten. Sie ist an unseren Befindlichkeiten interessiert.
Ich bin erschöpft. Der Tod von Jens sowie dessen Folgen (psychische Probleme, der schleppende Ablauf gerichtlicher Vorgänge) fordern ihren Tribut. Aufnahmen vor laufender Kamera würden Aufregungen mit sich bringen. Mein Mann musste mich umstimmen.
So nimmt das Schicksal seinen Lauf.
Wir treffen uns auf dem Flugplatz, das sind Anorte, Gregor, der Tontechniker und Nico, der Kameramann, der uns kein Unbekannter mehr ist, weil er schon vor drei Jahren mit dabei war.
Im Flieger nach Marseille werden wir interviewt. Das Team hockt sich auf Augenhöhe vor uns in den schmalen Gang und richtet die Aufnahmetechnik auf uns, wobei Anorte mit der Fragerei beginnt.
Der Flug verläuft reibungslos, allerdings nicht für unser Gepäck, denn wir warten vergebens vor dem Rollband im Gebäude des Flughafens. Wir geben eine Vermisstenmeldung an einen Automaten auf, den mein Mann und ich bereits kennenlernen durften. Eine Angestellte macht uns Hoffnung, dass mit der nächsten Maschine aus München das Reisegepäck mitkommen würde. Da sich darin auch die Tontechnik befindet, die Gregor dringend für seine Arbeit braucht, beschließen wir, auf sie zu warten. Wir fahren mit den gemieteten Fahrzeugen nach Aix-en-Provence, um dort in einem Straßencafé die Zeit zu verbringen.
Wir lassen uns die Sonne ins Gesicht scheinen und beobachten die vorbeigehenden Passanten.
Am Abend stehen wir erneut vor dem Gepäckband der Flughafenhalle. Wir sind erfreut, als darauf unsere Taschen und Koffer aus dem Dunkel auftauchen. Nur der Tontechniker schaut mit röter werdendem Kopf auf das Band, bis es stoppt, weil es nichts mehr zu befördern hat.Dieses Mal melden wir das vermisste Gepäck persönlich. In dem zuständigen Büro gibt es eine intensive Auseinandersetzung. Eine Sonderzustellung per Express wäre nicht möglich, sosehr das Team auch drängt. Die Angestellten versprechen hoch und heilig, dass die Technik morgen punkt 9 Uhr in das Hotel nachgeliefert wird, in dem das Fernsehteam untergebracht ist. Für Gregor ist das zu spät, doch ändern können sie es nicht.
Wir machen uns auf den Weg nach Le Vernet. Während mein Mann die Landstraße entlang düst, wird er interviewt, anschließend komme ich an die Reihe – ebenfalls im Auto. Er behält die Ruhe und fährt konzentriert. Den Weg kennen wir in- und auswendig.
Obwohl ich mit den Dreharbeiten einverstanden bin, und es sich richtig anfühlt, nervt sie schon jetzt. Ich stelle mir mit Wohlbehagen vor, am Abend endlich allein zu sein.
Unterwegs stoppen wir, da ich unsere verspätete Ankunft in Le Vernet ankündigen möchte. Ich stammle auf Französisch in das Telefon. Der Angerufene reagiert erfreut und fragt, ob wir noch etwas essen wollen.
Nachdem das Gespräch beendet ist, werde ich stutzig. Mit wem habe ich soeben gesprochen? Es war eine andere Stimme, als die des uns bekannten Betreibers. Und hatte er nicht mit einem Satz auf Deutsch geantwortet? Die Filmerei scheint mich vollkommen durcheinanderzubringen.
Je mehr wir uns Le Vernet nähern, desto dichter werden die Wolken. Im Regen kommen wir in dem Bergdorf an. Ich fühle mich wohler. Alles ist vertraut. Wir biegen zum Hotel ab. Nico, der Kameramann bittet uns, ein Stück wieder zurückzufahren, da er uns beim Ankommen filmen möchte. Er steigt aus. Schließlich gibt er ein Zeichen, dass wir losfahren sollen.
Wir betreten das Hotel. Drei unbekannte Personen reihen sich vor uns auf. Sie stellen sich als die neuen Betreiber vor. Wir wissen nicht, dass ein Wechsel stattgefunden hat, und sind entsprechend erstaunt. Er, Hérvé, kommt aus dem Fachgebiet der Geologie und seine Partnerin, Cristiana, ist Brasilianerin und unterrichtet an der Universität Literatur. So zumindest habe ich es verstanden. Er spricht etwas deutsch, sie leider nur französisch. Der dritte im Bunde ist ein Freund der Familie, der zurzeit aushilft. Er beherrscht unsere Heimatsprache gut. Wir sind von dem warmen Empfang angenehm überrascht.
Freundlich geleiten sie uns in das Restaurant. Das Fernsehteam verabschiedet sich, weil sich ihr Hotel in Digne-les-Bains befindet.
Da wir für sie die ersten Gäste des kleinen Berghotels sind, bekommen wir einen Begrüßungstrunk. Wir sind sprachlos, dass eine Literaturexpertin in der Küche steht, um für uns ein dreigängiges Menü zu kochen.
Danach verschwinden wir im Bett.
© Brigitte Voß


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