30.12.2017, Sonnabend – der Regenbogen (Le Vernet 2)

Seit gestern fallen dicke Flocken ununterbrochen hernieder und bilden eine beachtliche Schneedecke, die die Landschaft verhüllt und an den Dächern überhängt. Wir stapfen durch den jungfräulichen Morgenschnee zum Frühstück. Im Restaurant treffen wir unerwartet auf den Bürgermeister von Prads mit seiner Frau. Wir wechseln einige Worte. Allerdings ohne Morgenkaffee in französischer Sprache zu kommunizieren, ist für mich anspruchsvoll. Sie warnen, bei den vorherrschenden Schneeverhältnissen in die Berge zu gehen, das sei zu gefährlich. Wir beruhigen sie. Dieses Vorhaben haben wir längst aufgegeben. Leider. Wir wollten Jens nahe sein.
Auf den Tischen werden in kleinen Körbchen Croissants, auch mit Schokolade gefüllte, Baguette, Butter, Marmelade und Honig gereicht, wie es hierzulande üblich ist. Wer eine herzhafte Morgenmahlzeit erwartet, hat das Nachsehen. In Frankreich mag man es gern süß. Wegen der Krümelei habe ich mir abgewöhnt, das Croissant aufzuschneiden, und reiße Stücke ab. Regeln, wie man traditionell solch ein Gebäckstück zu essen hat, existieren wahrscheinlich nicht. Die Dame am Nachbartisch, die sich mit ihrem Gegenüber auf französisch unterhält, taucht es sogar in den Milchkaffee. Im Restaurant ist es erstaunlich belebt.
Es schließt sich ein Gespräch mit der spanischen Familie an. Leider können wir uns nur schlecht mit den Eltern auf Englisch verständigen. Effektiver ist, wenn ihr Sohn dabei ist, um ins Katalanische zu übersetzen. Wir reden über unsere toten Kinder. Wie schwer das Leben ohne sie weiter geht. Eigentlich brauchen wir uns nur in die Augen zu sehen. Es braucht keine Worte, den Gefühlen Nachdruck zu verleihen, in welcher Sprache auch immer. Die Mutter nimmt mich in ihre Arme. Wir Frauen sind besonders nah am Wasser gebaut. Lange stehen wir so da …
Es fallen noch vereinzelte Flocken vom Himmel. Schließlich hört der Niederschlag auf. Wir beschließen, die winterliche Luft bei einem Spaziergang durch die Natur zu genießen. Wir waten durch den Schnee, der der Landschaft einen hellen Anstrich gibt. Die Bäume ächzen unter der weißen Last und versuchen, ihre Zweige wieder in die Ausgangsstellung zu biegen. Vergebens. Vielleicht wird die Sonne helfen, denn sie kämpft sich mühsam durch den Winterdunst und löst ihn im Schneckentempo auf.
Ein Regenbogen zeigt sich. Zunächst ist er schwach, tritt deutlicher hervor und entwickelt sich über den Bergen zu einem kompletten Halbkreis. Er ist strahlend bunt und leuchtet optimistisch zu uns herüber, mal ist er ein wenig zurückhaltend und verblasst, um darauf hin erneut stärker hervorzutreten. Wir können uns nicht sattsehen und bleiben oft stehen. Natürlich sind es die Grüße der Verstorbenen, die mit geballter Kraft auf sich aufmerksam machen. Sie spannen den farbigen Bogen parallel zum Weg auf und erzeugen damit ein famoses Himmelspektakel. Manchmal lassen sie an seinen Enden die schneeverhüllten Bäume oder Felsen in dessen Farben schimmern, vor allen Dingen dann, wenn sie ihn zum Boden hin recken. Die Sonne vertreibt endgültig den aufsteigenden Nebelbrodel, sodass fantasievoll geformte Schleierwolken die Szenerie verschönern. Die Zeit vergeht, aber der Regenbogen bleibt.
Ich sage zu meinem Mann: »Jens mischt hier gewaltig mit«. Er nickt vehement mit dem Kopf.
Eine Stunde ist bereits vergangen. Die Kälte kriecht durch die Kleidung. Wir kehren um und laufen denselben Weg zurück. Das Szenario am Himmel denkt nicht daran, das Farbenspiel einzustellen. Ehe wir den Gedenkenraum betreten, werfen wir einen letzten Blick auf den Bogen.Wir stehen vor dem Tisch und schauen unserem Sohn in die Augen, die verschmitzt fragen: »Habt ihr den Regenbogen gesehen? Den habe ich für euch gemacht.«
Dankbar betrachte ich das Foto. Die Zeitdauer, in der uns die leuchtenden Farben begleitet haben, ist in der Tat ungewöhnlich.
Wir entdecken ein neu angebrachtes Regal an der Wand. Noch ist es spärlich mit Gegenständen belegt. Ich bin überzeugt, dass es bald dicht gefüllt sein wird. Die Angehörigen nutzen eifrig jeden verfügbaren Platz, um weitere Erinnerungen an ihre Lieben aufzustellen. Wir haben auch schon etwas darauf gelegt. Der Uhrzeiger rückt eine halbe Umkreisung voran, ehe wir den Raum verlassen. Unwillkürlich heben wir die Köpfe Richtung Himmel. Wie vom Donner gerührt bleiben wir stehen. Der Regenbogen leuchtet beschaulich auf uns herab. Er überspannt den Gebäudekomplex mit den Gästezimmern. Jetzt höre ich mein Blut in den Ohren rauschen. Deutlich sind seine Farben zu erkennen. Das kann nur von Jens und den mit ihm Verstorbenen stammen. Er hat sie alle um sich gescharrt, damit sie vereint und mit geballter Energie die gebogene Farbenpracht recht lange halten können. (Rasch findet die Fantasie eine Erklärung.) Ich nehme mir vor, den wunderbaren Gruß in den gängigen Netzwerken zu verbreiten. Fotos haben wir ausreichend geschossen.
Wir stiefeln über den notdürftig geräumten Weg zurück zum Hotelzimmer, das wir durch eine Außentreppe erreichen. Die Kälte dringt bis in die Knochen. Ein letzter Blick beweist, dass der Regenbogen zuschaut, wie wir die Tür hinter uns schließen.
Nach einer Weile treibt mich die Neugierde erneut hinaus. Vereinzelte Wolken, weit und breit. Der bunte Bogen ist verschwunden. Doch die Freude über das Erlebte bleibt, denn wir sind einer Meinung: Das war kein Zufall. Wir sind hier, bei Jens, in der Nähe der Absturzstelle, um mit ihm das Jahresende zu begehen. Ein Halbkreis zeigt sich in seinen fließenden Regenbogenfarben und begleitet uns bei einem langen Spaziergang. Mindestens drei Stunden hat er auf uns herabgeschaut. Ungewöhnlich!!!
© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)


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Ein Gedanke zu “30.12.2017, Sonnabend – der Regenbogen (Le Vernet 2)”

  1. Liebe Brigitte, gerade habe ich Deinen wunderschönen neuen Beitrag über den Regenbogen gelesen. Auch in diesen Beobachtungen finde ich mich absolut wieder. Immer wieder habe ich den Eindruck, dass Elena uns Zeichen sendet, um uns zu zeigen, dass sie in anderer Form weiter existiert und dass sie uns begleitet. Auch bei uns gehört der Regenbogen zu diesen Zeichen. Es gefällt mir besonders gut, da er zugleich ein Symbol ist, das schon in der Bibel vorkommt, zum ersten Mal in der Erzählung von der Arche Noah als hoffnungsvolles Zeichen der Liebe Gottes zu den Menschen. Da der Regenbogen in besonderen Situationen für uns sichtbar ist, kann er uns auch zeigen, dass unsere Lieben gut bei Gott aufgehoben sind. Er ist somit eine wunderschöne Verbindung zwischen unserem Leben auf der Erde und dem Himmel. So wie Farben des Regenbogens, die von unseren Augen wahrgenommen werden, eine Fortsetzung in für unsere Augen nicht sichtbaren Farben finden (z.B. ultraviolett), so umfasst die Wirklichkeit der Welt nicht nur den sichtbaren Teil, sondern hält noch vieles für uns bereit, was wir noch nicht sehen, aber doch erahnen können, wenn wir offen dafür sind.
    Der Regenbogen, den Ihr in Le Vernet gesehen habt, war tatsächlich außergewöhnlich – sowohl hinsichtlich der Dauer als auch angesichts der Tatsache, dass er auf einem strahlendblauen Himmel ohne auch nur eine Wolke stand. Er war vielleicht auch ein Trost von Jens dafür, dass Ihr nicht in die Berge laufen konntet. Er wollte Euch vielleicht damit sagen: Auch wenn Ihr nicht zu mir kommen könnt, ich bin trotzdem bei Euch.
    Solche Zeichen erfüllen mich immer mit großer Freude, da sie die Distanz zwischen uns und unseren Lieben kleiner werden lassen.
    Annette

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