Auch dieser Tag beginnt seit dem Tod von Jens mit einem undefinierbaren Druck in meiner Brust sowie den ganz normalen Alltagsproblemen, die zu bewältigen mir immer noch schwerfällt. Das Leben nimmt darauf keine Rücksicht. Ich fühle mich hilflos. Nachts verhindert bereits die Angst, alles nicht mehr zu schaffen, dass ich einschlafe. Sie türmt sich wie eine unsichtbare Wand in die Höhe, die ich nicht überwinden kann. Einfache Sachen müssten erledigt werden, wie zum Beispiel die Brille zur Reparatur zu bringen, Termine zu vereinbaren, auf Schreiben zu reagieren, sich bei Freunden zu melden oder die Fenster zu putzen. Tagsüber schiebe ich sie soweit weg, dass ich sie glatt vergesse. Sie sind nicht wichtig, seitdem Jens tot ist. Jedoch in der nächtlichen Dunkelheit drängen sie ins Bewusstsein. Alles ist zuviel, alles ist zu schwer. Ich bin Dingen ausgesetzt, die Menschen, die psychisch besser dran sind, wohl kaum nachvollziehen können. Sie kennen glücklicherweise das Trauma nicht, ein Kind verloren zu haben, dazu noch derart brutal. Ich stoße auf zunehmendes Unverständnis.
Je grausamer das Schicksal einer Person ist, desto geringer ist für den Außenstehenden die Wahrscheinlichkeit, sich in die entsprechende Situation hineinzuversetzen. Er hat kein Muster im Kopf, weil er so etwas nie hat durchmachen müssen und deswegen nicht kennt. Auch er ist unbeholfen, will trösten und weiß nicht so recht wie. Beispielsweise erlebte ich, dass jemand eine junge Frau mit den Worten »Das wird schon wieder« ermutigen wollte, die sich erst wenige Tage vorher durch einen Sturz von der Leiter eine Querschnittslähmung zuzog …
Die Zeit rennt seit der Katastrophe davon. Sie schwächt nicht die hilflosen Gefühle, die mich im Lebensstrudel lähmen wollen. Ich bin unfähig, mit ihr Schritt zu halten und so zu funktionieren, wie es erforderlich wäre und die Menschen von mir erwarten.
Fragen nach dem Befinden beantworte ich ausweichend. Die Schwermut überspiele ich, um peinlichen Schweigereaktionen oder unliebsamen Diskussionen auszuweichen. Enttäuschungen und zusätzliche Verletzungen kann ich nicht gebrauchen. Nachgehakt wird selten. Ich bleibe mit meiner Trauer zurück.
Anfangs haben sich mir helfende Hände entgengestreckt, worüber ich bis jetzt dankbar bin.
Ich rede gern von Jens, aber auch von den Ereignissen, die sich um den Flugzeugabsturz ranken. Oft bemerke ich, dass Gesprächspartner am liebsten vom Thema ablenken würden. Vielleicht möchten sie verhindern, dass sie selbst von tiefer Traurigkeit erfasst werden, wenn sie seinen schrecklichen Tod zu nah an sich heranlassen. Über den fortwährenden seelischen Schmerz schweige ich sowieso.
Eine gewisse Einsamkeit nistet sich in mir ein.
Es gibt Trauernde, die sich jeden Morgen vor den Spiegel stellen und zu sich sagen: »Du bist stark … du schaffst das … ein Schritt nach dem anderen.« Mit solcherart Affirmationen wird versucht, das Gehirn in eine positive Richtung umzuprogrammieren. Die Betroffenen streben an, ihre Trauer zu lindern, indem sie verstärkt sich selbst lieben und sich gute Dinge antun. Sie schauen in ihr Spiegelbild, wobei sie sich mit lauter Stimme loben und motivieren. Für mich wäre das vergebene Müh, denn das Wissen, dass Jens nie wieder lebendig wird, ist übermächtig, und mit Eigenliebe kann ich derzeit wenig anfangen. Sie reduzierte sich durch die Katastrophe erheblich. Ich bin härter geworden – mir gegenüber und den Mitmenschen. Es zählt, was Jens durchmachen musste und damit relativieren sich jegliche Befindlichkeiten.
© Brigitte Voß
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Sehr geehrte Brigitte,
keine Worte passen zu meinem Mitgefühl. Es tut mir sehr leid, was Sie durchleben müssen. Wir kennen uns nicht, dennoch denke ich häufig an Sie, da ich regelmäßig Ihre Gedanken via Blogeinträge verfolge. Warum? Ich habe ständig Angst um all meine Lieben, seit mein Vater von jetzt auf gleich durch einen schrecklichen Unfall aus dem Leben gerissen wurde als ich selbst 11 Jahre alt war. Jegliches Vertrauen ging verloren. Dennoch hat jeder seinen eigenen Schmerz. Ich möchte nur, dass Sie wissen- ich fühle mit Ihnen und es tut mir unendlich leid. Ihre bedingungslose große Liebe wird Ihr Sohn spüren – ich bin mir sicher, es kann nur so sein. Bitte seien Sie gut zu sich!!! Das würde Jens auch wollen. Von Herzen
Annette Last
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