Seit den frühesten Morgenstunden liege ich wach und denke an Jens. Er hat heute Geburtstag. Die Gedanken kreisen konfus um eine Vergangenheit, die sich nicht einmal in ähnlicher Weise wiederholen kann. Sein Leben ist vorbei. Der Schmerz wird für den Rest meines Daseins bleiben. Das soll er auch, denn würde ich diesen nicht spüren, käme das einem Verrat an ihm gleich. Es kristallisiert sich heraus, dass sein Geburtstag sowie die Gedenktage an die Katastrophe für uns zu den leidvollsten gehören, die wir zu durchlaufen haben. Es mag sein, dass wir sie mit der Zeit mit größerer Leichtigkeit begehen können.
Eine Freundin erklärte mir einst eindrucksvoll, wie sich das mit der Trauer verhält. Sie selbst hat einen schweren Verlust erleiden müssen. Ihre Art der Trauerverarbeitung ist, sich mit den theoretischen Aspekten zum Thema zu beschäftigen. So kritzelte sie auf ein Blatt Papier einen riesigen schwarzen Fleck, der nahezu die ganze Seite bedeckte. »In dieser Phase befindest du dich jetzt«, meinte sie wissend. »In zehn, vielleicht fünfzehn Jahren wird dein Kummer wie folgt aussehen … », sie nahm einen zweiten Bogen und malte in eine Ecke einen kleinen dunklen Klecks.
Ich zog zweifelnd die Augenbrauen nach oben.
Sie ließ sich nicht davon stören und sagte: »Er wird pulsieren, mal mehr und mal weniger Raum einnehmen. Allerdings gibt es Auslöser, ein Bild, eine Erinnerung, ein Ereignis, oder Ähnliches, sodass er erneut an Ausdehnung zunehmen kann.« Sie zeigte auf das Papier mit dem großen Fleck.
»Glaub mir, die Trauer wird dich für immer begleiten, doch mit der Zeit wirst du wieder unbeschwerter sein.«
Soweit zu dieser eindrucksvollen Erklärung.
Der Trauerschmerz hat viele Facetten. Neben dem Verlustschmerz spüre ich etwas Zusätzliches. Es ist das Leid, das Jens aussendet, obwohl er tot ist. Es handelt sich um den Schmerz, den er um sein verlorenes Leben hätte, wäre er noch unter uns. Er würde schreien, Wut haben und den Tod niemals annehmen wollen, dazu war er zu lebenslustig. Er wäre fassungslos über die Gewalt, die ihm angetan wurde. Was mag er in den letzten Minuten im abstürzenden Flugzeug empfunden haben? Ich durchleide das oft mit ihm. 149 Menschen waren wehrlos einem brutalen Willen ausgesetzt. Denkt man darüber nach, blockiert an irgendeiner Stelle der Verstand.
Derartige Gedanken sind allerdings nicht hilfreich, denn Jens bleibt für immer weg.
Heute ist sein Geburtstag und dafür haben wir verschiedenfarbige Rosensträuße, jede Menge Steckmasse und den Tortenring gekauft, damit ich eine Blumentorte anfertigen kann. Die Anregung dazu erhielt ich von einer Halterner Mutter.
Da ich mangelhafte floristische Erfahrungen besitze, gelingt mir das Steckwerk leider nicht so gut. Mehrfach ziehe ich verzweifelt die Blumenköpfe heraus, um sie günstiger anzuordnen. Irgendwann höre ich auf, weil ich fertig werden muss. In der Mitte der bunten Blumen prangt eine weiße Vierzig, ebenfalls aus Rosen geformt. Mit der Kreation bin ich total unzufrieden, aber mein Mann findet sie gut.
Wir treffen uns mit der Familie am Grab. Ich lege die Blumentorte darauf, wir trinken auf sein Wohl und stellen ihm ein gefülltes Glas Schnaps neben die Torte. Wir sprechen kaum.
Anschließend fahren wir in den Wörlitzer Park und an einen See, den Jens mochte.
Den Abend beenden wir auf den Freisitzen eines Restaurants. Vor uns gleißt das Wasser in der untergehenden Sonne, bis sie tiefrot darin verschwindet.
Unsere Gedanken sind bei Jens.
© Brigitte Voß
Entdecke mehr von SEELENRISSE
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Liebe Frau Voß,
obwohl ich nicht betroffen bin, beschäftigt mich die Eurowings-Katastrophe immer noch, und so bin ich vor kurzem auf Ihren Blog gestoßen und habe in wenigen Tagen alles gelesen. Unabhängig davon, dass es kaum möglich ist, sich als Außenstehender Ihren Schmerz vorzustellen, bin ich beeindruckt von Ihrem Schreibstil und bin der Meinung, dass Ihr Blog es verdient hätte, auch als Buch veröffentlicht zu werden.
Ich werde jedenfalls weiterhin regelmäßg hier mitlesen und wünsche Ihnen, dass die Trauer mit der Zeit erträglicher wird.
Ihre K. Sonnenburg
LikeGefällt 1 Person
Die Trauer ist ein unerwarteter Gast.
Eines schönen Tages klopft sie an Deine Tür und fragt nicht erst,
ob sie hereinkommen darf, sondern sie setzt sich mitten in Dein
Wohnzimmer und macht es sich bequem und gemütlich.
Am Anfang denkt man sich *nun gut, irgendwo muss sie ja sein* und
bleibt gastfreundlich.
Dann kommt der Punkt, wo man sich denkt *nun könnte sie aber mal
langsam wieder gehen* und versucht, mit allerlei diplomatischen und
weniger diplomatischen Mitteln, sie dazuzubringen, aufzustehen und
sich zu verabschieden, weil man gern mal wieder für sich sein möchte.
Aber nein, sie hockt da, stumm und unversöhnlich und bewegt sich
keinen Fleck.
Man versucht sie rauszuzerren, rauszuekeln – aber sie sitzt da
einfach. Jeden Tag versucht man es wieder, doch wie ein Sack nasser
Zement thront sie auf Deinem Sofa und schaut Dir die ganze Zeit über
die Schulter. Du fühlst Dich beobachtet und unwohl – aber sie sitzt
da einfach.
Und schweigt.
und wartet.
Und weißt nicht mal worauf, geschweige denn wie lang.
Und noch ein Tag und noch ein Versuch, sie zum gehen zu bewegen.
Herrgott, in unserer modernen Welt muss es doch möglich sein, der
Lage Herr zu werden!
Aber nein, dieses Ding hockt da wie eine Spinne im Netz und wartet.
Ok, raus will sie nicht.
In Deinem Wohnzimmer ist zuwenig Platz.
Also fängst du an, Dich an sie zu gewöhnen. Stellst den Tisch ein
bisschen weiter da und den Stuhl ein bisschen weiter dort – und nun
sitzt sie zwar noch immer da, aber nicht mehr in der Mitte.
AHA – denkst Du Dir!
Ich kann sie nicht zum Gehen bewegen – aber ich kann mich um sie
herum bewegen. Ein bisschen Möbel umstellen, ein bisschen Perspektive
wechseln und schon sieht sie nicht mehr so bedrohlich aus.
Tatsächlich kannst Du sogar um sie herumgehen und sie von hinten
anschauen – unspektakulär..
Weitere Tage vergehen und sie setzt schon langsam ein bisschen Staub
an, bis sie sich plötzlich wieder mal schüttelt, eine Trauer-
Staubwolke aufsteigt und Dich einhüllt. *hust* . Du stellst den Tisch
noch ein bisschen mehr dort und den Stuhl noch ein bisschen mehr da,
und auf einmal ist sie nur noch der Rand Deines Wohnzimmers und
nicht mehr das Zentrum.
Aber sie sitzt noch immer da.
Manchmal wirft sie Dir einen vorwurfsvollen Blick zu und Du fühlst
dich versucht, sie wieder in die Mitte auszurichten.
Manchmal schüttelt sie sich und hüllt Dich in eine Staubwolke…
Aber irgendwann ist sie so eins geworden mit Deinem Wohnzimmer, dass
Du sie nicht mal mehr siehst, außer wenn sie sich grad schüttelt.
Und so hast Du aus der Not eine Tugend gemacht und dank dem
ungebetenen Gast, der nicht mehr gehen wollte, eine ganz neue
Perspektive in Dein Leben gebracht.
Und würde man nun die Trauer aus Deinem Wohnzimmer entfernen – so
würde ein hässlicher, kahler Fleck bleiben, weil da auf einmal etwas
fehlt.
LikeGefällt 1 Person