05.01.2017, Donnerstag – ein Tattoo, Fotos und Bilder der Erinnerung

Seit Langem trage ich mich mit dem Gedanken, ein Tattoo stechen zu lassen. Das Motiv steht fest. Es soll eine Unendlichkeitsschleife sein, in die die Worte »in memoriam Jens« integriert sind (Symbolik: Siehe »09.05.2016 Trost und Halt«). Einen geeigneten Tätowierer habe ich im Internet gefunden.
Wild entschlossen betrete ich das Studio im Zentrum der Stadt. Ein wie ein Globetrotter aussehender Typ kommt mir entgegen und reicht freundlich die Hand. Er weist auf die Couch in der Ecke. Ich erkläre ihm, was ich wünsche. Schleife und Text sollen durch eine simple, schwarzen Linie gebildet werden. Nach gründlicher Beratung schwenke ich auf eine schattierte Doppellinie um, in der Blau- und Schwarztöne ineinander übergehen. Der bärtige Tattoo-Meister lächelt mir aufmunternd zu. Ich fühle mich stabil genug, ihn einzuweihen, was Jens zugestoßen ist. Er stutzt, ist bestürzt und redet in einem Tempo weiter, als wolle er jedes Wort verschlucken. Er äußert sein Beileid und erzählt, dass er bereits Erinnerungstattoos an verstorbene Menschen gestochen habe. Das hier sei aber etwas Besonderes. Er würde sich dafür spezielle Mühe geben. Ich höre es gern.
Wir vereinbaren einen Termin. Er benötigt meinen Namen. Als ich ihn nenne, wird er nervös und kombiniert: »Ihr Sohn ist Jens Voß?«
Ich bestätige und weiß nicht, was in ihm vorgeht.
»Mein Zahnarzt?«, forscht er.
»Wieso Zahnarzt?« Während ich die Frage stelle, erinnere ich mich, dass in unmittelbarer Nähe ein Zahnarzt gleichen Namens praktiziert. Einst wies unser Sohn darauf hin. Er fand die Vorstellung, er selbst müsse diesen Beruf ausüben, dabei Betäubungsspritzen geben und Zähne ziehen, absurd. Was hatten wir deswegen für spaßige Wortwechsel. Gern versuchte er, sich vor Arztbesuchen zu drücken, insbesondere, wenn ihm Spritzen oder gar Blutabnahmen drohten. In der Beziehung war er kein Held.
Mittlerweile ist mein Gegenüber blass geworden, und ich kämpfe die aufkommenden Tränen nieder, weil die unerwarteten Bilder an die Vergangenheit schmerzen. Schließlich erkläre ich ihm das Missverständnis. Sein Lächeln kehrt zurück. Er ist heilfroh, dass sein Zahnarzt nicht gestorben ist.
Er verabschiedet sich mit der Bemerkung: »Durch das Tattoo werden Sie Ihren Sohn stets bei sich tragen.«
Lange noch denke ich über diese merkwürdige Begegnung und die Abschiedsworte nach.
Durch die Tätowierung werde ich auf besondere Weise, die einer inneren Kraft entspringt, mit ihm verbunden sein. Damit würde die Angst, die Erinnerung an ihn könnte mit den Jahren verblassen, gemildert. Ich bin überzeugt, wenn ich die Unendlichkeitsschleife mit dem Namenszug von Jens anschaue, erweckt sie in meinem Kopf Sequenzen seines Lebens, die ich mit ihm durchlaufe. Fotos können das nicht vorgeben, da sie nur den Augenblick erfassen.
Allerdings möchte ich die Fotografien, die in unseren Zimmern stehen, nicht missen. Sie fassen Momente ein, die sonst für immer vergessen wären. Oftmals sind sie arrangiert. In Pose gesetzt und mit ehrlichem, meist jedoch aufgesetztem, betont strahlendem Lächeln schauen wir der Kamera entgegen. Nach dem Klick sind wir wieder »normal«.
Stirbt ein geliebter Mensch, wird vielleicht schmerzlich bewusst, dass die wahren Abbildungen seines Daseins fehlen, niemals aufgenommen wurden. Aufnahmen, die ihn im Beruf zeigen, beim Ausüben eines Hobbies, beim Sport, Lernen, Schreiben, kurz bei der Verrichtung alltäglicher Dinge. Manchmal denke ich: ›Ach hättest du doch dieses oder jenes Ereignis mit ihm für die Ewigkeit festgehalten. Dafür ist es leider zu spät.‹
Vor dem Flugzeugabsturz habe ich über den Tattoo-Kult, der die Menschheit bis heute überschwemmt, die Nase gerümpft. Jetzt bin ich froh, dass sogar ich ihm erliege und den Schritt wage. Die Tätowierung mit seinem Namen wird mich für den Rest des Lebens überallhin begleiten, sie ist in meiner Haut verewigt, ist ein Teil meiner selbst. Jederzeit kann ich sie anschauen, um Kontakt mit Jens aufzunehmen.
© Brigitte Voß


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