In das neue Jahr starten wir mit einer enormen Müdigkeit. Diese rührt nicht nur vom hausgemachten Schlafmangel der Silvesternacht, sondern auch von der psychischen Erschöpfung der letzten Tage, die in uns zehrt. Weihnachten können wir endlich abhaken, trotzdem wir in bester Gesellschaft, nämlich mit unserer kleinen Familie, zusammen waren.
Heiligabend fällt auf den vierundzwanzigsten Tag im Monat, genauso wie der unverständliche Todestag von Jens und all den anderen Opfern. Das wird den zukünftigen Weihnachtsfesten wie ein Makel anhaften, der die andächtige Stimmung trübt.
Am Weihnachtstag standen wir länger als sonst am Grab unseres Sohnes. Mein Mann legte einen Schokoladenweihnachtsmann auf die Tannenzweige. Das graue, kalte Wetter untermalte die Schwermut.
Die Endgültigkeit, dass er nie wieder kommt, schmerzte deutlicher denn je. Die Traurigkeit drang bis in den Schlaf. Sogar im Traum weinte ich. Unbekanntes Traumland.
Zur Bescherung mit der Familie verwandelte sich mein Mann in den Weihnachtsmann. Es war wie früher, als er Jens und Thomas beschenkte. Die Perücke, der weiße bauschige Bart sowie das Make-up ließen Enkelin Sassa nicht erkennen, wer hinter der rot gekleideten Person steckte. Voller Eifer nahm sie ihre Geschenke entgegen. Fast den ganzen Abend spielte ich mit ihr und tauchte in ihre Kinderwelt ab. Das tat gut.
Für den folgenden Feiertag hatten wir die vier zu uns zum Essen eingeladen. Timo lachte mich an und kroch mit Begeisterung rückwärts durch Zimmer, da er die Technik für das Vorwärtskrabbeln noch nicht beherrschte. Nach dem Kaffeetrinken waren wir allein. Ich fiel wieder in ein Loch, das der Alkohol verkürzte. Was soll’s, die angeblich chronischen Schmerzen setzten mir zu, die seelischen mag ich nicht beschreiben. Die Karten für den eingeplanten Besuch eines Weihnachtskonzerts blieben ungenutzt liegen.
Am zweiten Feiertag hielten die Politiker und der Papst öffentliche Reden, die die Gesellschaft zur Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit aufriefen. Den Teufeln unter uns sind derartige Appelle gleichgültig, sie morden weiter. Das Böse bleibt. Schöngeistige Worte bessern die Menschen nicht.
Vormittags stemmten wir die Gewichte im Fitnessstudio, und am Nachmittag, versuchte ich, meinen Blog voranzutreiben. Ich bekam einfach nichts in die Reihe, mir fielen keine geeigneten Formulierungen ein. Das, was gut funktionierte, war, an die unwiederbringlichen Weihnachten mit Jens als Kleinkind, als Jugendlicher sowie Erwachsener zu denken und dabei die Tränen aus den Augenwinkeln zu wischen. Ich sah ihn bildhaft vor mir beim Plätzchenbacken, wie er den Baum schmückte … Plötzlich vermeinte ich seine Stimme mit dem sinnreichen Satz »Früher war mehr Lametta« zu hören. Er mochte Loriots Humor. (Im Sketch »Weihnachten bei den Hoppenstedts« äußerte der Opa den beliebten Spruch).
Jens tut mir so leid. Was musste er durchmachen? Sein lachendes Leben wurde ausgelöscht. Er wollte leben!
Es war ein MUSS für uns, noch vor Jahresende nach Südfrankreich zu reisen. In Le Vernet suchten wir die Orte des Gedenkens auf. Trotz des Eises auf den Autoscheiben und des Schnees auf den Bergkuppen, konnten wir auf schneefreien Wegen bis direkt zum Absturzort wandern. Endlich fühlte ich mich besser, und das hält bis jetzt an.
Gestern, Silvester, besuchten wir Jens erneut auf dem Friedhof. Ich dachte an das bevorstehende neue Jahr. Würde es seelische Linderung bringen? Wie werden sich die rechtlichen Dinge bezüglich des Flugzeugabsturzes entwickeln? Stellt der Düsseldorfer Staatsanwalt das Verfahren wahrhaftig ein, wie es unser Rechtsanwalt angedeutet hatte? Ich habe den Eindruck, dass die dafür Mitverantwortlichen die Katastrophe vergessen machen wollen. Ob sie über die Weihnachtsfeiertage auch an unsere toten Lieben gedacht haben, ebenso an uns? Wahrscheinlich verlebten sie fröhliche, unbeschwerte Weihnachten mit ihren Familien.
Reichlich vor Mitternacht machten wir uns auf den Weg zum Auensee. Ich war voller Spannung, wollten wir doch den Jahreswechsel am sogenannten »Jensibaum« verbringen.
Mein Mann legte den Rucksack vor der Hainbuche ab, die wir als Patenbaum Jens gewidmet hatten, und packte die Thermosflasche aus. Er reichte mir einen Becher mit Glühwein. Der rote Traubensaft versuchte, zunächst meine bereits vor Kälte ertaubten Finger zu wärmen, bevor er heiß die Kehle herunterrann.
Trotz fehlender Laternen am Wegesrand konnten wir uns orientieren, denn die Silvester-Raketen flammten ununterbrochen am Himmel und vertrieben die absolute Dunkelheit.
In einiger Entfernung gruppierten sich Jugendliche um eine Bank. Sie ließen ihre Feuerwerksköper sowie Böller zischen und knallen.
Der Baum reckte sich der aufblitzenden Silvesterkulisse entgegen. Ich fotografierte ihn. Auf dem Foto fluoreszieren die Äste und der Stamm grünlich. Die Realität sah anders aus. Ein Gruß von Jens?
Mitternacht stießen wir mit Sekt an. Jens nahm daran teil, indem wir ein Glas vor der Hainbuche ausschütteten. Nach Hause gingen wir zu Fuß. Das Auto musste in einer Nebenstraße warten.
Und heute schreiben wir den 01. Januar des Jahres 2017. Thomas, seine Frau und wir hängen müde auf unserer Couch herum. Von Stimmung keine Spur. Die einen haben ihre Energie beim gestrigen Feiern verpulvert, und wir haben uns erst morgens halb Vier ins Bett gelegt. Die Einzige, die munter daher plappert, ist Sassa. Sie drängt beharrlich, dass ich mit ihr spiele. Letztendlich toben wir durch die Wohnung bis wir schlappmachen. Wir stehen an der Balkontür, um das Abendrot zu betrachten. Ich nehme sie auf den Arm, damit sie es besser sehen kann. Wir unterhalten uns über die feurigen roten Farben, die in ihren Tönungen ineinanderfließen und über den Mond, der sich gedulden muss, bis die Dunkelheit eingetroffen ist. Er möchte so gern heller strahlen. Sie zeigt auf einen Stern, der bereits intensiv leuchtet. Unvermittelt sagt sie: »Und das ist der Jensi-Stern.« Mir wird warm ums Herz. Ich drücke sie an mich. Jetzt kann das neue Jahr beginnen.
© Brigitte Voß
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