Ein Terroranschlag erschütterte Deutschland. Ein Lastwagen wurde am Montag mit voller Wucht auf einen Berliner Weihnachtsmarkt gesteuert, wo Menschen einen fröhlichen Abend verbringen wollten. Neben der Gedächtniskirche mussten zwölf Personen sterben, neunundvierzig wurden verletzt. Der IS reklamiert die Attacke für sich. Gefahndet wird nach dem Tunesier Anis Amri, der schwerst verdächtigt wird, mit dem gestohlenen LKW die Tat ausgeführt zu haben.
Ich bin fassungslos. Wie stets bei solchen Ereignissen, denke ich an die Hinterbliebenen der Verstorbenen, die wahrscheinlich noch nicht richtig verstanden haben, was überhaupt passiert ist. Den Fakt wissen sie, aber die folgenreiche Erkenntnis, was das bedeutet, wird nur scheibchenweise zum Vorschein treten. So schützt sich das menschliche Gehirn.
Auf den deutschen Weihnachtsmärkten werden als Folge des Anschlages die Sicherheitsbestimmungen erweitert. Betonklötze und Poller werden aufgestellt, um ein Durchbrechen von Fahrzeugen zu stoppen. Waren wir bisher nicht genügend geschützt? Warum muss erst etwas passieren, ehe gehandelt wird oder wenigstens nachgedacht wird, welche Möglichkeiten der Abwehr existieren? Im Falle des Germanwings-Dramas musste zunächst ein Flugzeug mit allen Insassen an einen Felsen geschmettert werden, ehe sich Experten zusammenfanden, um Vorschläge zur größtmöglichen Vermeidung solch einer Tat zu erarbeiten. Allerdings steht es in den Sternen, wann und ob sie in die Praxis umgesetzt werden.
Jegliche Gewalt, die Todesopfer hervorbringt, erinnert mich an den Tag, an dem wir die Nachricht vom Absturz des Airbusses erhielten und wie es war, als die Gewissheit anklopfte, dass Jens nicht mehr bei uns ist. An die Spur der Toten und das Heer der traumatisierten Hinterbliebenen, die die Gräueltaten in den Kriegsgebieten der Welt hinterlassen, mag ich gar nicht denken. Für sie brennen in Deutschland kaum Kerzen. Vielleicht liegt es daran, dass die entsprechenden Kriegsschauplätze zu weit entfernt liegen. Oder übersteigen gar die Brutalitäten des Krieges unser Vorstellungsvermögen?
Meine trübsinnige Stimmung findet keinen Ausgang, der zur Besserung führt. Dabei würde ich ihn gern benutzen. So zeigen wir uns gegenüber allem offen, was etwas Ablenkung bringen dürfte. Auch wenn es anstrengt, wollen wir uns nicht gehen lassen:
Wir kaufen eifrig Geschenke für die Enkel ein, wobei die weihnachtlich geschmückte Stadt traurige Erinnerungen erweckt. Mein Mann stellt sich am Waffelstand an. Ich weiß im Voraus, was er verlangen wird. Er schwört nach wie vor auf die Waffel mit der »legendären« Vanillecremefüllung, die es bereits zu DDR-Zeiten gab. Da konnten die raffinierten Cremes, die uns die politische Wende brachte, nichts ausrichten. Kam Jens zur Weihnachtszeit aus Düsseldorf zu Besuch, ließ er sich den Gaumengenuss, den er seit frühester Kindheit liebte, nicht entgehen, denn im Westteil der Republik suchte er ihn vergebens. Ständig amüsierten wir uns darüber.
Freunde laden ein, an Treffen teilzunehmen, die unter uns eine jahrelange Tradition haben. Vergangenen Dezember hatten wir alles abgeblockt, aber dieses Jahr gehen wir zum Weihnachtsbowling. Die Söhne und Töchter nehmen seit ihrer Schulzeit mit Freuden daran teil, später ebenso ihre Partner, und jetzt ertönt Babygeschrei. Sassa schiebt mithilfe des Papas und einer speziellen Vorrichtung für die Kleinen eifrig die Kugel. In Gedanken sehe ich Jens, wie er mit spaßigen Worten seine Nichte unterstützt. Stets versuchte er, dabei zu sein. Die ihn kannten, vermissen ihn und reden darüber. Niemanden stört es. Ich bin traurig, doch die Gespräche richten mich ein wenig auf.
Obgleich mein Mann skeptisch bleibt, ist er mit der Reise nach Bali, wohin uns australische Freunde zu einer Geburtstagsfeier eingeladen haben, einverstanden. Ende Januar soll es bereits losgehen. So ist es höchste Zeit, Flug und Hotel zu organisieren. Für alles Weitere verlassen wir uns auf die Gruppe, mit der wir auf der tropischen Insel zusammen sein werden. Wenigstens informieren wir uns über das dortige Klima, um passende Bekleidung mitzunehmen. So unvorbereitet waren wir noch nie.
Ein Gutschein beschert mir eine Fußmassage. Der Therapeut knetet meinen linken Fuß. Plötzlich hält er inne und schaut mich stutzig an. Ich spüre regelrecht, was er denkt: ›Etwas stimmt mit ihr nicht.‹ Er fragt und bekommt ausweichende Antworten. Allerdings gebe ich zu, dass die linke Körperhälfte weniger beweglich ist und oft schmerzt. Zaghaft erklärt er, dass die linke Seite für Kindheit und Mutter, auch für das eigene Muttersein steht. Es ist klar, dass meine mütterlichen Befindlichkeiten durch den Tod von Jens erheblich gestört sind. Ich bin verblüfft, wie er das bemerkt.
Die Abendnachrichten informieren über eine Gerichtsverhandlung. Die elfjährige Janina wurde in der vergangenen Silvesternacht ermordet. Der Angeklagte fühlte sich durch den Silvesterlärm belästigt und schoss wahllos in die Menge feiernder Menschen. Das Mädchen erlitt tödliche Verletzungen und konnte nicht gerettet werden. Die Aussage der Mutter vor Gericht macht nachdenklich: »Wie viele Jahre er bekommen hat, spielt keine Rolle – ich habe lebenslänglich.« Der Täter wurde wegen Mordes zu zwölf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.
Heiligabend rückt näher. Die ersten Weihnachtsgrüße treffen ein. Eine Leserin meines Blogs schreibt: »… Ich glaube, nur wer das Gleiche erlebt hat, kann diesen Schmerz verstehen … Jetzt wünsche ich Dir trotz alllem ein gesegnetes Weihnachtsfest! Mögest Du mit Deinem Mann, Sohn, Schwiegertochter und den Enkelmäusen kraftvolle Stunden verbringen können. Auch Jens wird bei euch sein, auch wenn ihr ihn nicht sehen könnt. Daran glaube ich intensiv.«
Stimmt es, was sie behauptet? Das wäre so schön. Ich halte an dieser Vorstellung fest. Nein, ich lasse mich nicht gehen. Das würde Jens nicht gefallen.
© Brigitte Voß
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