Das in Riesenschritten nahende Weihnachten türmt sich wie ein drohendes Gespenst vor uns auf, dem man besser fernbleiben sollte, was allerdings unmöglich ist. Überstehen wir die Zeit unbeschadet, haben wir uns vorgenommen, am dritten Feiertag erneut zu Jens, nach Le Vernet zu fliegen. Das ist verlockend und lässt durchhalten.
Es ist nicht von der Hand zu weisen: Hätte der Copilot überlebt, würde irgendeiner von uns Hinterbliebenen durchdrehen und wer-weiß-was mit ihm anstellen.
Ich bin nicht die einzige Angehörige, auf die das adventliche Treiben schwerer lastet als im Jahr der Katastrophe. Der Gedanke, dass Jens tot ist und die damit verbundenen Empfindungen dringen in die tieferen Schichten der Seele vor als üblich. Da ist es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, dass wir mit Enkelin Sassa ein Pfefferkuchenhaus bauen und mit Leckereien verzieren. Im Umgang mit ihr dürfen wir uns nicht gehen lassen, denn sie soll ihren Spaß haben.
Ein Glück, dass die Zeit die Eigenschaft hat zu vergehen. So wird der Dezemberspuk bald vorbei sein.
Die festliche Stimmung macht einen Bogen um uns. Wir schmücken nicht und zünden keine Weihnachtskerzen an. Da für unseren Sohn das Lebenslicht erloschen ist, bringen wir täglich seine Kerze zum Erleuchten. Es ist die einzige, die ich noch akzeptiere. Adventskerzen sind fehl am Platz. Es ist das Licht, das die Finsternis, die uns umgibt, etwas erhellt.
Kerzen für die Toten. Das ist ein wunderbares Symbol der Einheit von Leben und Tod.
Sogar Unbeteiligte entzünden sie auf den Straßen insbesondere für verstorbene Gewaltopfer. Erinnern wir uns beispielsweise an die Terroranschläge in Paris, München, Nizza. Die Medien verbreiten die Bilder von weinenden Menschen, die vor unzähligen kleinen Flammen stehen. Sie legen Blumen und Schilder mit Worten der Trauer, des Betroffenseins und des Widerstandes gegen die sinnlose Gewalt daneben. Sie reihen neue Kerzen in die Lichterschar ein. Dabei spielt es keine Rolle, ob ihr Hintergrund ein religiöser ist oder nicht.
Eine Leserin meines Blogs wies mich auf einen besonderen Kerzenbrauch hin. Jährlich wird jeden zweiten Sonntag im Dezember 19.00 Uhr lokaler Zeit an vielen Orten der Welt eine leuchtende Kerze in das Fenster gestellt. Dieser Tag vereint zum festgelegten Zeitpunkt Hinterbliebene und Freunde, die ihrer verstorbenen Kinder, Geschwister oder Enkel gedenken, rund um den Erdball. Das Worldwide Candle Lighting (weltweites Kerzenleuchten) wurde 1996 vom amerikanischen Verein „Compassionate Friends“ ins Leben gerufen. Ursprünglich entwickelte er sich in England aus einer Selbsthilfegruppe verwaister Eltern.
Zumeist die Kirchen organisieren für das Ereignis entsprechende Aktionen sowie Gottesdienste, in denen die Betroffenen gemeinsam die Erinnerung an ihre toten geborenen oder ungeborenen Kinder wach halten.
Der Gedenktag fällt mit dem heutigen dritten Advent zusammen. Punkt 19.00 Uhr platziere ich die Kerze von Jens auf das Fensterbrett. Sie strahlt in den Abend hinaus.
Unerwartet durchrieselt mich ein Gefühl der Ruhe und Geborgenheit. Im Zimmer ist es dunkel, die Lampen sind aus. Ich konzentriere mich auf die züngelnde Flamme. Sie hat etwas Hypnotisierendes an sich. Ich stelle mir vor, wie ich vom Himmel aus die Erde beobachte. In meiner Fantasie sehe ich, wie infolge der unterschiedlichen Zeitzonen das Kerzenlicht für unsere verstorbenen Lieben in 24 Stunden um den Erdball wandert. Diese wunderbare Symbolik verbindet die Trauer der Familien verschiedener Kulturen. Sollte Jens dort oben sein, wird er das fortschreitende Aufflackern des Feuers bewundern. Es muss ein herrlicher Anblick sein.
Schade nur, dass die totale Schwärze der Nacht durch die weihnachtliche Beleuchtung erhellt wird. Allerdings mag ich nicht weiter darüber nachdenken, denn ich möchte in tiefer Entspannung das Gefühl haben, dass Jens bei mir ist. Erinnerungen drängen in den Vordergrund …
© Brigitte Voß
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