°NEUNUNDACHTZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE°
Nahezu täglich rufe ich im Internet den Link für die Webcam in Le Vernet auf. Sie ist auf die Berge gerichtet, hinter denen das Unfassbare geschah. Ein knallblauer Himmel leuchtet auf die schneebedeckte Bergkette hernieder. Die Sehnsucht erzeugt Melancholie, obwohl wir erst kürzlich dort weilten und bereits gegen Jahresende wieder in dem Bergdorf verbringen möchten.
Ich schlafe schlechter als miserabel, und der Streik der Lufthansa, der verhinderte, dass wir mit den Düsseldorfer Notfallseelsorgern nach Barcelona fliegen konnten, lässt mich die Welt durch einen dunklen Schleier sehen. Die Adventszeit hat begonnen und damit naht das seit dem Tod von Jens gefürchtete Weihnachten, dass ich am liebsten verbannen würde.
Ich versuche, mich im Fitnessstudio abzureagieren, indem ich mit grimmiger Miene die Geräte traktiere und Gewichte auflege, die ich kaum bewältige. Nicht einmal körperliche Anstrengung hilft.
Auf dem Rückweg zum Parkplatz muss ich den Stadtkern queren, wo der Weihnachtsmarkt tobt. Die Passage ist prachtvoll geschmückt. Plötzlich versperrt ein riesiger Weihnachtsbaum den Weg, und ich gewahre, welche Strecke meine Füße gewählt haben. Bereits viele Jahre steht er in der Vorweihnachtszeit an dieser Stelle. Erinnerungen schieben sich in den Vordergrund: Ich höre aus weiter Ferne das vergnügte Quietschen von Sassa und sehe Jens, wie er sie, noch etwas erstaunt über ihre ungewohnte Zutraulichkeit, um den Baum herum scheucht. Abrupt ändert er die Richtung, sodass sie nicht schnell genug reagieren kann, um ihn zu entkommen. Sie kreischt. Beide haben sichtlich Spaß.
Die Bande zwischen ihm und der zweijährigen Nichte fingen gerade erst an, sich zu vertiefen. Eine lustige Zukunft stand ihnen bevor. Ein Copilot zerstörte sie rücksichtslos. Weihnachten 2014 sollte sein letztes sein. Wir hatten ja keine Ahnung.
Mit Tränen in den Augen husche ich rasch am Weihnachtsbaum vorbei und verlasse die Passage. Draußen duftet es nach Zimt, Nelke und anderen Gewürzen. Gern würde ich mich mit Feuerzangenbowle und Glühwein betrinken, obwohl mir bewusst ist, dass diese Seelentröster keineswegs geeignet sind, Probleme lösen. Ich widerstehe dem Drang, denn ich muss noch Auto fahren.
Menschen, die als Außenstehende die Folgen des Flugzeugabsturzes intensiv begleiteten, werden ausgezeichnet. Ulrich Wessel, der Direktor des Gymnasiums in Haltern am See, erhält von Bundespräsident Gauck das Bundesverdienstkreuz. Er war Bollwerk in der Brandung, als die Katastrophe Schrecken und Trauma über die Eltern der sechzehn ausgelöschten Schüler/innen verbreitete und die Mitschüler in eine Art Schockstarre versetzte. Er musste spontan auf eine Situation reagieren, auf die er niemals vorbereitet wurde. Niemand rechnete mit solch einem Geschehen. Medien und Politiker bestürmten die Schule. Er saß den Müttern und Vätern gegenüber, um ihnen zu bestätigen, dass ihre Kinder zu den Todesopfern gehören, und spendete Trost. Offensichtlich hat er seine Sache gut gemacht.
Ich atme auf, denn der Gemeinderat von Prads hat in einer Sitzung im November zwar die Errichtung der Sonnenkugel als zentrales Gedenkelement an der Absturzstelle einstimmig bejaht, lehnt aber deren Beleuchtung ab. Die Begründung: Die Natur soll ihren natürlichen Rhythmus von hell und dunkel entsprechend der Jahreszeiten und der Wetterbedingungen einhalten können, ohne durch ein künstliches Lichtkonzept gestört zu werden.
Obwohl ich mir bewusst bin, dass viele Hinterbliebene über diese Entscheidung traurig sein werden, kann ich sie 100%ig nachvollziehen und begrüße sie.
© Brigitte Voß
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