Ich steige, ein kleines Weihnachtsbäumchen in den Händen, etwas umständlich aus dem Auto. Auf den Gedanken, es vorher erst einmal wegzulegen, damit ich mich abstützen kann, komme ich nicht. Zu kostbar ist mir der ungefähr 40 cm hohe Baum. Wir passieren das Friedhofstor. Das wievielte Mal ist es seit dem Tod von Jens?
Der Weg führt an den Kindergräbern vorbei. Sie sind in ihrer Trauer bunt. Man sieht ihnen an, dass die Eltern oft vorbeischauen, um sie zu pflegen. Kuscheltiere und anderes Spielzeug schmücken sie. Manchmal flitzt ein Geschwisterkind dazwischen herum. Und trotzdem werden die Kinder, die nur wenige Tage leben durften oder gar bereits im Mutterleib starben, nicht vergessen. Der Grabschmuck verströmt Erinnerung, dadurch Schmerz, aber ebenso einen stillen Frieden. Um so schlimmer ist die Meldung, die ich in der Leipziger Volkszeitung (LVZ) lesen musste. Auf dem Friedhof wird rücksichtslos geschändet, gestohlen und zerstört. Der Brief eines Vaters, der am Grab seines toten Kindes anklagt und auch in der heutigen Online-Ausgabe veröffentlicht wurde, ist geradezu erschütternd:
„Das Grab unseres Sohnes ist der wichtigste Platz, an dem wir mit ihm gemeinsam unseren Erinnerungen an eine wunderbare Zeit einen Raum geben. Die vielen Dinge, die wir hier aufstellen, hinhängen und aufbauen, sind kleine Geschenke für einen Zehnjährigen, der hier jetzt seinen Spielplatz hat.“ … „Wenn bunte Vogelhäuschen, kleine Laternen und tönerne Herzen, Windspiele, eine Sonne und Engel von Ihnen gestohlen werden, nehmen Sie Menschen, die gern an diesen Platz kommen, nicht nur ein Stück Freude. Sie machen eine Mutter, einen Vater und eine Schwester mächtig wütend … „Sie sind herzlich eingeladen, immer wieder hierher zu kommen, zu schauen und nachzudenken“ … „Vielleicht am besten mal darüber, was Menschen ein Ort wie dieser bedeuten kann. Und ob die Dinge, die hier zu sehen sind, nicht auch aus einem bestimmten Grund hier stehen. Nehmen Sie sich alle Zeit, die Sie dafür brauchen. Und lassen Sie dabei bitte einfach die Hände in den Hosentaschen.“
Ich hatte vor einigen Monaten einen ähnlichen Brief an einen unbekannten Dieb geschrieben, aber der fiel bei Weitem nicht so höflich aus. Denn auch von uns sind Dinge verschwunden, die wir für Jens auf das Grab stellten.
Der materielle Schaden mag gering sein, doch was die skrupellosen Täter den trauernden Seelen antun, ist ein grausames Verbrechen.
Derartiges soll auf allen Friedhöfen Deutschlands vorkommen. Manchmal sogar zur finanziellen Bereicherung, wenn Skulpturen, Kreuze sowie andere Meisterwerke, wegen der künstlerischen Qualität oder ihres wertvollen Metalls auffallen. Bekannt ist, dass Blumengestecke verschwinden, um anschließend wiederholt verkauft zu werden.
Wir gelangen zu Jens. Wir stellen das Bäumchen neben den Grabstein, befestigen an den Zweigen kleine Weihnachtskugeln und gießen es. Wir begutachten das Ergebnis und sind zufrieden. Leider kann er es nicht sehen, aber uns tut gut, so zu handeln. Wir denken an ihn. Weihnachtsschmuck hatte er immer gemocht. Als er noch bei uns wohnte, dekorierte er leidenschaftlich das Zimmer, die Fenster und besonders seinen Schreibtisch mit Adventschmuck. Räuchermännchen und Kerzen waren obligatorisch.
Bevor wir gehen, zünden wir die Grabkerze an.
Gern bleibe ich vor den Gräbern stehen und betrachte, womit die Hinterbliebenen sie schmücken. Es fällt auf, dass darauf Dinge zu finden sind, die man früher niemals gesehen hätte. Von der Bestatterin, die sich im Fall von Jens rührend um uns kümmerte, weiß ich, wie streng die Friedhofsordnung für diesen und wohl auch für andere Friedhöfe ist. Abgesehen von den Kindergräbern findet man ebenso auf den Gräbern für Erwachsene Gegenstände oder Fotos, die verdeutlichen, was der Verstorbene liebte. Kuscheltiere gehören gehäuft dazu. Vielleicht hatten sie für ihn eine besondere Bedeutung? Haben ihn für eine lange Zeit begleitet? Ein Hundespielzeug oder ein Foto mit einem Tier, zeugen von den Wegbegleitern des Toten. Auf dem Grabstein des ehemaligen Thomaskantors Hans-Joachim Rotzsch steht der Triebwagen einer Modelleisenbahn. (Wahrscheinlich ist er darauf befestigt.)
Auf dem Rückweg laufen wir stets an einem Grab vorbei, auf dem mehrere Flaschen Bier einer bekannten Leipziger Brauerei liegen, eine halb gefüllte Wodkaflasche und noch einige Schnapsflaschen. Zugegeben, das ist etwas gewöhnungsbedürftig. Daneben liegt eine Porträtzeichnung, die vermutlich zeigt, wie der Verstorbene einst aussah.
Fakt ist, dass damit die Hinterbliebenen ihrer Trauer einen Ausdruck geben. Auch wir finden Trost, indem wir Dinge auf das Grab legen, die von den Interessen von Jens erzählen: Die Startnummer verdeutlicht seine Liebe zum Triathlon. Sie hätte er zum Leipziger Wettkampf 2015 getragen, wäre er nicht vorher ermordet wurden. Mein Mann sorgt gewissenhaft dafür, dass seine Lieblingsschokolade stets gegen frische ausgetauscht wird. Ein kleines Miniaturfahrrad von seinem Freund Jens weist auf die gemeinsamen sportlichen Touren hin. Ein Foto kündet von ihrer Freundschaft.
Die Friedhofsverwaltung toleriert offensichtlich das Geschehen. Daher dürfen die Gräber vom Leben der Toten berichten.
© Brigitte Voß
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