° FÜNFHUNDERTVIERUNDZIEBZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE °
Das elfte Jahresgedenken naht, und wir denken nur an dich, Jens. Das kann zu eigenartigen Ereignissen führen, die den Verstand ausschalten, weil er keine stichhaltigen Erklärungen dafür findet. Er versucht dies mit dem Wort »Zufall« abzutun, oder er sucht verzweifelt nach logischen Ableitungen, die zu der Merkwürdigkeit geführt haben könnten. Ich gebe zu: Letzteres mag ich seit deinem Tod gar nicht mehr.
Das jüngste Beispiel: Manchmal sage ich vorm Einschlafen zu meinem Mann, es wäre schön, wenn wir wenigstens im Traum alle wieder zusammensein könnten und wir dies beide gleichzeitig träumen würden. Nie geschah etwas, doch wenige Tage vor dem Jahresgedenken ging mein Wunsch beinah in Erfüllung. Ich träumte, wir saßen alle vier auf der Couch nebeneinander. Du hast neben mir gesessen, neben dir dein Bruder und daneben saß dein Vati. Es war einfach nur schön. Im Traum bin ich gerade erst aufgewacht, während dein Vati nicht wach zu kriegen war. Beide waren wir mit einem Pyjama bekleidet.
Ich umarmte dich und freute mich riesig. Allerdings war deine Umarmung irgendwie seltsam.
Ich wusste, dass ich träumte (das passiert leider selten). Im Traum fiel mir ein anderer Traum ein, den ich wahrhaftig kurz nach dem Flugzeugabsturz geträumt hatte. Damals traf ich dich auf der Straße und war voller Freude, bis du dich in meinen Armen in ein furchtbares Monster verwandelt hattest. Daran erinnerte ich mich in meiner jetzigen Vision, was mich sofort aufwachen ließ. Um meinen weiteren Schlaf war es geschehen. (Übrigens hatte ich das erste Mal kurz nach dem Flugzeugabsturz luzid geträumt: Im Kaufhaus warf ich bewusst das gesamte Geschirr der Auslage in der Gegend herum – zutiefst befriedigt wachte ich auf.)
Vielleicht war der jetzige Traum ein Zeichen von dir, Jens. Als wolltest du uns zeigen, dass du noch da bist – dass du ermöglichst, dass wir uns irgendwo zwischen den Welten begegnen. Nicht im Alltag, aber im Schlaf, in den Gedanken oder im Gefühl.
Je näher der Gedenktag an den grausamen Flugzeugabsturz rückt, desto durchlässiger wird die Wand, die uns trennt, desto dünner wird der Schleier zwischen Traum, Gegenwart oder Erinnerung.
Elf Jahre sind eine lange Zeit und doch vermissen wir dich jeden Tag auf eine leise, nahezu unsichtbar schmerzvolle Weise. Wir haben allmählich gelernt, damit umzugehen. Und trotzdem ist die Sehnsucht nach dir groß. Vielleicht war der Traum einfach nur mein Wunsch, dich wieder in den Armen zu halten. Oder vielleicht warst es wirklich du, der kurz vorbeischaute, um mir zuzuflüstern: »Ich bin da …«.Denn in besonderen Momenten glaube ich, du bist ganz nah, hörst unsere Stimmen, spürst unsere gedanklichen Umarmungen.
Solche Nächte lassen mich denken, dass die Erinnerung ein Raum ist, den wir wiederholt betreten dürfen.
Vielleicht war dieser Traum eine Art Vorbote des Jahrestages – als würde sich etwas in mir breitmachen, dich wieder zu spüren. Nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen.
Zwar vergeht die Zeit, aber die Verbindung zu dir, lieber Jens, wird nicht schwächer. Im Gegenteil, sie verändert nur die Form: Mal ist es ein blauer Schmetterling, ein toller Regenbogen über der Absturzstelle oder, es ist einfach nur die frappierende Schönheit der Natur … und manchmal zeigt sie sich in einem Traum. Sie tritt plötzlich auf, ohne erkennbaren Grund. Es sind kleine Zeichen, die uns daran glauben lassen, dass du ein Teil von uns bist – jenseits des Sichtbaren, aber immer spürbar nah.
Heute, am elften Jahrestag, denken wir an dich, Jens. Mit Liebe und Dankbarkeit und dem Wissen, dass du in unseren Herzen bleibst. In ewiger Erinnerung.
© Brigitte Voß
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