27.03.2025, Donnerstag – zwischen Erinnerung und Schlagzeilen: Le Vernet nach dem Jahrestag

Das Jahresgedenken ist vorüber, die Zelte, in denen sich die Angehörigen zum gemeinsamen Gedenken an den 10. Jahrestag des Flugzeugabsturzes versammelt hatten, werden abgebaut. Die Tische und Stühle, an denen wir zusammensaßen, um uns auszutauschen, werden fortgeschafft. Bald wird nichts mehr an das Jahresgedenken erinnern. Das Gras wird wachsen, und keine Spur mehr auf die trauernden Angehörigen hinweisen. Das Leben im Ort wird seinen gewohnten Gang nehmen.
Eines Tages, Generationen nach uns, wird die Zeit kommen, in der sich niemand mehr an den Flugzeugabsturz erinnert. Es wird keine Zeitzeugen mehr geben. Zwar werden Aufzeichnungen weiterhin existieren, doch ob sie je wieder veröffentlicht oder betrachtet werden, ist mehr als fraglich …

Das Wetter hat überraschend gut durchgehalten, ganz im Gegensatz zu den miserablen Vorhersagen. Die Lufthansa-Organisatoren konnten aufatmen. Die Gedenkfeier war traurig und würdevoll. Sogar Emanuel Macron, der Präsident der Französischen Republik, ließ uns Grußworte überbringen. Nach seinen Worten wären er und seine Frau gerne persönlich anwesend gewesen, doch die angespannte Weltlage ließ dies nicht zu. Ich glaube ihm das sofort. Allerdings frage ich mich, ob der kleine Ort einen solchen Besuch überhaupt hätte bewältigen können.
Bereits im Vorfeld des denkwürdigen Tages wurde Le Vernet von Journalisten aus dem In- und Ausland bevölkert. Auch wir wurden mehrfach angesprochen, lehnten jedoch ab, denn wir wollten unsere Ruhe. Allerdings ist der Todestag der 149 Flugzeuginsassen an sich nicht dazu angetan, in besinnlicher Stille an die armen Opfer zu denken. Deshalb reisten wir individuell einige Tage früher an.
Insgesamt sollen 350 bis 400 Angehörige gekommen sein. Allen voran vermutlich die Spanier und Katalanen, gefolgt von den Deutschen. Sie wurden in Aix-en-Provence auf verschiedene Hotels verteilt. Zum Gedenktag wurden sie in mehreren Bussen nach Le Vernet gebracht. Die Opfer stammen aus 17 Ländern.

… Und jetzt wird die gewohnte Ruhe wieder einkehren, so dachte ich jedenfalls. Aber das Gefühl der Stille ist in dem Bergdorf offenbar zerbrechlich. Denn als
ich am Folgetag des Gedenkens den Laptop-Deckel aufschlug, prangte mir eine Meldung entgegen, die Le Vernet erneut ins Rampenlicht der Medien rückte. Die Großeltern des kleinen Émile, wohnhaft in Haut-Vernet, sowie zwei seiner Onkel wurden in Untersuchungshaft genommen. Sie stehen unter Verdacht der vorsätzlichen Tötung und des Leichendiebstahls.
Kaum waren die Journalisten verschwunden, strömten sie wieder in das Bergdorf ein. Nur wollten die Einwohner nichts sagen. Die Fensterläden blieben geschlossen, Interviews wurden verweigert. Was sollten sie auch sagen?
Die Hoffnung war groß, dass der Fall endlich aufgeklärt würde.
Die Medien berichteten von einem anonymen Brief, von erneuten Hausdurchsuchungen bei der Familie, von einem beschlagnahmten Blumenkübel mit Blutspuren bei der Kirche St. Martin in Haut-Vernet und einem sichergestellten Pferdetransporter. Zudem beging der Geistliche der kleinen Kirche wenige Tage vor den Verhaftungen Selbstmord, doch sehen die Ermittlungsbehörden keinen direkten Zusammenhang mit dem Fall Èmile.
Heute gab der Staatsanwalt in Aix-en-Provence eine Pressekonferenz. Trotz zahlreicher Verhöre der verdächtigten Familienmitglieder mussten diese wieder freigelassen werden, da man ihnen nichts nachweisen konnte. Man erfuhr, dass das Blut im Kübel nicht mit dem Tod von Èmile in Verbindung gebracht werden kann. Weiterhin zeigen die forensischen Untersuchungen, dass der aufgefundene Schädel des Kindes Brüche aufweist, die auf eine starke Gewalteinwirkung hinweisen. Die Ermittler gehen aufgrund ihrer Untersuchungen davon aus, dass Schädel und die Kleidung des Jungen bewusst im Wald abgelegt wurden, wo sie schließlich von einer Wanderin entdeckt wurden. Zudem stellten sie fest, dass der Verwesungsprozess des kleinen Körpers nicht in der beigelegten Kleidung stattgefunden hat.
Der Staatsanwalt sprach von einer vorsätzlichen Tötung (»mort volontaire«).
Das Schicksal des Émile ist grausam und mysteriös. Ich kann für die Eltern nur hoffen, dass die Wahrheit bald ans Licht kommt, die Schuldigen bestraft werden. Damit auch der Ort, dieses Mal für immer, seinen Frieden finden wird.

(Es folgt eine kurze Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse rund um das Verschwinden des kleinen Émile: Link )

© Brigitte Voß


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