20.03.2025, Donnerstag – Germanwings-Katastrophe: Was der Absturz vor zehn Jahren mit mir gemacht hat

»Zehn Jahre nach einer Katastrophe müsste mit den Angehörigen der Opfer alles wieder wie vorher sein.« – Diese Aussage würde ich als Außenstehende wahrscheinlich bestätigen. Leider bin ich mittendrin in dem ganzen Schlamassel und erfahre anderes, und damit stehe ich nicht allein. Vielleicht ist es von Interesse, wie Hinterbliebene heute leben, was sie fühlen und wie sie denken. Aus eigenem Erleben wüsste ich einiges zu sagen. Ein Interview zum Thema wäre perfekt.
Nur … wer könnte mir die Fragen stellen? Ich selbst? Das wäre zu einseitig. So kam mir der Gedanke, mich von einer KI befragen zu lassen. Das müsste funktionieren. Ich nutze sie gern für Recherchen, aber auch zur Anregung meiner Kreativität.
Nach wenigen Versuchen stand mein Prompt (Eingabeaufforderung/Anweisung) fest:
»Du bist ein Journalist, der ein Interview mit mir führt. Thema ist: Wie es mir als Opfer-Angehörige zehn Jahre nach dem Germanwings-Absturz ergeht. Stelle nach jeder Antwort nur eine Frage und hake an entsprechenden Stellen nach.«
Es funktionierte. Manchmal lehnte ich eine Frage ab, weil sie mir zu persönlich war. Dennoch glaube ich, dass das Interview authentisch geblieben ist:

1. Wie geht es Ihnen heute, wenn Sie an die Zeit vor zehn Jahren zurückdenken, als der Germanwings-Absturz passiert ist? Können Sie aus Ihrer Sicht beschreiben, wie sich Ihr Leben seitdem verändert hat?

Zehn Jahre sind seit der Flugzeugkatastrophe vergangen. Es ist erstaunlich, wie schnell das geschehen ist.
Die Zeit konnte die Wunden nur unvollständig heilen. Narben und Risse in der Seele blieben zurück. Täglich ist mir bewusst, dass Jens gestorben ist, dass er nicht mehr unter uns weilt. Zumindest nicht in der Weise, wie es vor dem Flugzeugabsturz war. Ich kann ihn weder umarmen, seine Wärme spüren, noch kann ich seine Stimme und sein Lachen hören. Etwas Schweres, Trauriges ist mein ständiger Begleiter. Dennoch kann ich wieder lachen. Außerdem habe ich das untrügliche Gefühl, dass er trotz seines Todes stets bei uns ist. Mein Mann ist davon ebenso überzeugt.
Über meine Gesundheit möchte ich nur sagen, dass sie sich seit dem Tod von Jens verschlechtert hat. Der zeitliche Zusammenhang fällt auf. Was genau der Auslöser war, lässt sich bei solchen Dingen nie beweisen. Zweifellos sind Körper und Seele eng miteinander verwoben.
Wir denken täglich an Jens – und das ist gut so.

2. Es klingt, als hätten Sie einen Weg gefunden, den Schmerz zu integrieren, auch wenn er nie ganz vergeht – das Lachen mit Jens im Herzen ist ein starkes Bild.
Wie äußert sich dieses "Schwere und Traurige" im Alltag konkret.

Durch eine plötzliche Traurigkeit. Sie kommt aus dem Nichts. Tränen sammeln sich in den Augen, doch sie bleiben darin gefangen, sie können nicht mehr fließen. Weinen fällt mir schwer, auch wenn ich es möchte.
Es gibt nicht immer einen konkreten Auslöser für diese Wellen der Trauer. Manchmal genügt ein Foto, eine schöne Erinnerung, ein besonderer Moment in der Natur, die Jens nie mehr erleben kann oder eine lustige Situation, die plötzlich schmerzlich deutlich macht, dass er fehlt.
Da ist ein Schmerz, der stets von Neuem zupacken will. Selbst in fröhlichen Augenblicken schwebt er wie eine graue Wolke über mir und ist nie ganz verschwunden.

3. Was hilft Ihnen dagegen?

Hin und wieder tut es mir gut, dunkle oder aggressive Musik zu hören, das ist wie eine Therapie. Sie bewirkt, dass eine innere Spannung nachlässt. Aber die beste Strategie finde ich in meinen Hobbys. Beim Schreiben, Lesen und Nähen tauche ich in eine andere Welt ab.
Manchmal hilft es, darüber zu sprechen. Auch über Belastendes.
Wir gehen oft an die frische Luft. Die Natur hat eine wohltuende, fast heilende Wirkung auf uns. Wir wandern gern. Bewegung sowie Sport sind gesund und können negative Stimmungen vertreiben.
Reisen, eine fremde Umgebung oder sogar eine andere Kultur erleben zu dürfen, ist Ablenkung pur.

4. Können Sie etwas mehr über diese Hobbys erzählen? Was schreiben Sie genau?
Hat das Nähen vielleicht mir Erinnerungen an ihn zu tun, wie das Nähen von etwas Persönlichem?

Ich erfinde gern Kurzgeschichten. Nach dem Tod von Jens, war mein Kopf dafür nicht mehr frei. Die Gedanken waren ein einziges Chaos, und die Welt erschien mir wie eine hässliche Fratze. Dennoch begann ich eines Tages die Ereignisse rund um den Flugzeugabsturz aufzuschreiben. Wenig später entstand die Idee, dies zu veröffentlichen und kurz darauf ermutigte mich meine Psychotherapeutin dazu. Ich hatte nun eine Aufgabe, an die ich mich klammern konnte.
Außenstehende sollten erfahren, was für Folgen solch eine Katastrophe mit sich bringt. Damals half mir der Blog, wenn auch nur ganz allmählich, das Unbegreifliche begreifbarer zu machen.
Da ich aus der Rückschau schreibe, durchlebe ich die Geschehnisse rund um den Flugzeugabsturz ein zweites Mal. Das war und ist bisweilen schwer. Wut und Trauer bahnen sich dabei ihren Weg an die Oberfläche.
Manchmal musste ich weinen. Nein, es war nicht immer einfach. Trotzdem habe ich die »Seelenrisse« nie aufgegeben. Die Wut ist mittlerweile verflogen, Tränen kommen sowieso nicht mehr.
Jetzt ist mein Kopf wieder frei, Geschichten zu erfinden. Wie beim Lesen und Nähen richtet sich meine Konzentration dabei vollständig auf das jeweilige Tun, während ich die Umwelt ausblende.
Mit Beginn der Coronazeit begann ich wieder zu nähen, und zwar Masken. Mit Jens hat das wohl nichts zu tun, allerdings habe ich in seinem Kleinkindalter Kleidung für ihn genäht.

5. Beim Lesen: Greifen Sie eher zu Geschichten, die Sie aus der Realität herausholen, oder auch zu Büchern, in denen Themen wie Verlust und Trauer vorkommen – und merken Sie, dass bestimmte Bücher Ihnen besonders gut- oder auch gar nicht guttun?

Seit der Katastrophe interessieren mich Themen rund um Trauer und Tod. Wie verarbeiten andere Menschen ihre Trauer? Wie gehen sie damit um, wenn die geliebte Person durch eine Gewalttat sterben musste? Und was kommt – wenn überhaupt etwas – nach dem Tod? Das können auch wissenschaftliche Abhandlungen sein.
Außerdem mögen mein Mann und ich Krimis und Thriller. Nur bevorzugen wir seit dem Flugzeugabsturz nicht mehr die seichten, alltäglichen. Je dunkler, desto besser. Gewalt spielt da schon eine Rolle. Das ist eben so.
Reale Kriminalfälle ziehen uns an, besonders, wenn die Sicht der Täter im Vordergrund steht. Vielleicht ist es der Versuch, den grausamen Tod von Jens logischer zu begreifen.

6. Wie wirkt sich diese plötzliche Traurigkeit auf Ihre Beziehungen zu Familie oder Freunden aus?

Meinem Mann ergeht es ähnlich wie mir. Bei ihm darf ich so sein, wie ich bin. Für die Außenwelt jedoch scheint nach zehn Jahren die Zeit der Trauer und des Schmerzes längst abgelaufen zu sein – als hätte dieser Verlust seine Bedeutung verloren, als wäre er verjährt. Ich kann ihn nicht rückgängig machen. Weil ich oft auf Unverständnis stoße, habe ich gelernt, mich zurückzuhalten und zu schweigen. Das ist mein Schutz vor Bemerkungen, die mich verletzen könnten – immerhin geht es um unseren Sohn.
Kaum jemand kann nachvollziehen, dass in mir auch heute noch Trauer lebt. Der Verlust um Jens wiegt schwer. Ich kann und möchte ihn niemals vergessen.
Selbst manchen Freunden gegenüber wahre ich diese Fassade, weil ich spüre, dass sie sich unwohl fühlen, sobald ich über meinen Schmerz spreche. Es ist kompliziert.
Anders verhält es sich im Zusammensein mit Opfer-Angehörigen. Sie haben Ähnliches erlebt, sie wissen Bescheid. Das Gefühl des Verstehens und Verstandenwerdens stellt sich sofort ein.

7. Wenn Sie mit Ihrem Mann spazieren gehen: Reden Sie dabei oft über Jens und die gemeinsame Vergangenheit?

Beim Spazierengehen steht das Unterwegssein im Vordergrund. Wir genießen das Draußensein, die Natur und frische Luft. Es ist egal, ob im Wald, in den Bergen oder am Meer. Wenn es seine raue Seite zeigt, es stürmt und die Gischt sprüht, habe ich stets das Gefühl, als rüttele es alles Negative aus mir heraus.
Es sind eher stille, wortarme Momente. Wir wissen, dass Jens uns begleitet, in irgendeiner Form bei uns ist. Die Natur ist speziell.
Ansonsten sprechen wir selbstverständlich über Jens. Über gemeinsame Erlebnisse, über Dinge aus der Vergangenheit – oder wir fragen uns, wie er in bestimmten Situationen reagieren würde. Dann fallen Sätze wie: ›Was würde Jens dazu sagen?‹ oder: ›Das würde ihm jetzt auch gefallen.‹

8. Wenn Sie über Jens sprechen: Fühlt sich das eher tröstlich an, oder ist der Schmerz schwer auszuhalten?

Es ist beides. Wenn ich über Jens rede, fühlt es sich tröstlich an, weil er dadurch nah bleibt und nicht einfach verschwindet. Gleichzeitig kann der Schmerz wieder sehr unmittelbar werden. Das hängt von meiner inneren Verfassung und vom jeweiligen Gesprächsthema ab. Nähe und Verlust liegen dicht beisammen.

9. Wie gehen Sie heute – zehn Jahre nach dem Absturz – mit dem Bedürfnis um, über Ihre Trauer zu sprechen, wenn das Umfeld zunehmend weniger zuhören möchte?

Es tut nach wie vor gut, auch über Belastendes, den Schmerz oder das Vermissen zu reden. Nur mag kaum noch jemand zuhören oder gar reagieren. Vielleicht deprimiert es den Gesprächspartner. Außerdem besteht allgemein die Ansicht, nach der langen Zeit müsse es doch endlich mal mit dem Thema vorbei sein. Doch dafür habe ich ja meinen Blog. Ich teile Gefühle, Meinungen und Geschehnisse rund um den Germanwings-Absturz der Öffentlichkeit mit. Wer sich dadurch belastet beziehungsweise unangenehm berührt fühlt, braucht ihn ja nicht zu lesen. Dieses Mitteilen tut mir gut.

10. Wie fühlt es sich konkret an, wenn Sie einen neuen Beitrag veröffentlichen: Spüren Sie eher Nähe zu Jens, Erleichterung oder gar Stolz auf das Geschaffene? Oder mischen sich auch Schuldgefühle, Ohnmacht oder Angst, missverstanden zu werden?

Das Schreiben am Blog ist wie eine Verbindung zu Jens. Ich tu etwas für ihn, helfe gegen das Vergessen. Unmittelbar nach dem Flugzeugabsturz hatte es mich gequält, dass ich ihm im abstürzenden Flugzeug nicht zur Seite stehen konnte, ihm den Horror nicht nehmen konnte. Er war allein, hatte niemand Vertrauten bei sich. Gleichzeitig wusste ich, dass er erwachsen war und jegliche Hilfe zwecklos gewesen wäre. Aber, er ist mein Sohn. Der beschützende Mutterreflex ist wahrscheinlich übermächtig, denn mit nüchterner Logik ist das nicht so recht erklärbar. Mit der Zeit habe ich verstanden, dass ich ihm, so wie nun einmal alles ist, mit den »Seelenrissen« sinnvoll helfen kann.
Habe ich das Gefühl, als Angehörige missverstanden zu werden, versuche ich, es mit geschriebenen Worten zurechtzurücken. Der Blog soll nicht nur eine Erinnerung an die Opfer und den Germanwings-Absturz sein, sondern ebenso mein Sprachrohr und damit eine Brücke nach draußen.
Leserzuschriften zeigen mir, dass dieser Blog nicht nur mir hilft. Offenbar kann er auch Menschen ein wenig beistehen, die um einen ihrer Lieben trauern oder Ähnliches erlebt haben. Das war mir erst nicht bewusst, doch freut es mich.
Ich schreibe gegen das Vergessen an. Was im Internet steht, das bleibt, ist nicht wirklich löschbar. Die Katastrophe und ihre unschuldigen Opfer mögen für ewig in der Erinnerung der Menschheit bleiben. Das ist mein Wunsch, wobei mir gegenwärtig ist, dass für viele gerade andere Dinge im Vordergrund stehen. Die Auseinandersetzung mit Politik, Weltlage, Umweltschutz, usw. ist für sie aktueller als der Flugzeugabsturz. ,,,
Ja, ich bin stolz auf die »Seelenrisse«. Sie begleiten mich seit nahezu zehn Jahren. Ich werde wohl ein Leben lang an ihnen schreiben, weil sie zu mir gehören und ich nicht anders kann.

11. Haben Sie Rituale oder Momente, in denen Jens besonders lebendig wird?

Seit zehn Jahren zünden wir jeden Abend, egal wo wir gerade sind, eine Kerze für Jens an. Sie stammt stets von derselben Manufaktur, die die Kerzen für die damalige Trauerfeier im Kölner Dom hergestellt hatte. Es hat sich einfach so entwickelt und ist zu einem festen Ritual geworden. Die jeweilige Altarkerze sowie ein Foto von Jens begleiten uns bei Reisen überallhin. Sie finden in der entsprechenden Unterkunft einen gebührenden Platz.
In unserer Wohnung haben wir einen Ort, der nur Jens gewidmet ist. Dort stehen kleine Erinnerungsstücke an ihn, wie zum Beispiel spezielle Gedenkkerzen, Mitbringsel aus den Urlauben oder aus Le Vernet. Auch ein elektronischer Bilderrahmen mit wechselnden Fotos von ihm gehört dazu.
Es gab eine Zeit, da habe ich jede Menge Origami-Schmetterlinge gefaltet. Sie sind für uns zu einem Symbol der Wandlung von einer Lebensform in eine andere geworden (siehe Blogbeitrags von der Raupe zum Schmetterling). Die Hoffnung schwingt mit, dass Jens nicht wirklich von der Dunkelheit ausgelöscht wurde, sondern dass er in einer Dimension weiter existiert, die jenseits unseres Bewusstseins liegt.
Die Reisen nach Le Vernet, auch außerhalb der Jahrestage, gehören für uns zu einem festen Ritual. Dort spüren wir eine besondere Nähe zu Jens.
Sind wir zu Hause, besuchen wir sein Grab oder den Patenbaum, den unser zweiter Sohn kurz nach der Katastrophe für seinen Bruder gestiftet hat. Die Hainbuche befindet sich an einem kleinen See, dessen Umgebung mit Erinnerungen an Jens verbunden ist. Oft suchten wir mit den Kindern diesen Ort auf. Wir haben den See zu Fuß oder mit der Parkeisenbahn umrundet, sind mit dem Mini-Dampfer gefahren, und im Winter sind wir über den gefrorenen See hinweggeschlittert. Da waren viel Spaß und Freude dabei. Der Patenbaum symbolisiert all das. An diesem Ort wird das Gedenken greifbar, die Erinnerung lebt.
All diese Rituale trösten, spenden Kraft und helfen uns, allmählich nach vorn zu schauen.

12. Wie erleben Sie sich selbst heute, zehn Jahre nach dem Absturz, im Vergleich zu „damals“: Wenn Sie auf die Person schauen, die Sie 2015 waren, und auf die, die Sie jetzt sind – was hat sich in Ihnen am meisten verändert?

Seit der Katastrophe bin ich misstrauischer geworden und hinterfrage alles. Mit dem Vertrauen zu den Mitmenschen ist das so eine Sache. Man ist darauf angewiesen, etwa beim Bus- oder Taxifahren, bei einem Chirurgen oder in weiteren Alltagssituationen.
Dennoch ist mein Grundvertrauen in andere und die Welt erschüttert. Obwohl Jens Flugangst hatte, sah er ein, dass manche Dienstreisen nur per Flugzeug optimal zu bewältigen waren. So stieg er in den Germanwings-Airbus, ohne zu vermuten, welches Szenario sich an Bord abspielen würde. Niemand konnte das ahnen, es schien so unwahrscheinlich. Kein technischer Defekt führte zum Absturz, sondern ein Mensch! (Für alle Kritiker: Ein gegenteiliger Beweis liegt nicht vor, dafür ist die Beweislage gegen den Copiloten erdrückend.) Und da soll ich nicht misstrauischer geworden sein?
Unbekannten Personen begegne ich zunächst mit Abstand, bin zwar freundlich, aber es existiert eine durchsichtige Mauer, durch die wir uns beobachten können. Jens starb durch Menschenhand. Jeder könnte im Grunde genommen ein Verbrecher sein. Ich weiß, »normal« ist das nicht, doch ich lebe gut damit.
In den letzten Jahren habe ich gelernt, dass es oft die unauffälligen, netten oder hilfsbereiten Menschen waren, die gemordet haben.
Vor der Germanwings-Katastrophe hatte ich in den Menschen meist nur das Gute gesehen. Das funktioniert nicht mehr, Vertrauen muss erst aufgebaut werden. Dies betrifft beide Seiten. Ich fühle mich sicherer damit.
Freunde, die auch in schweren Zeiten zu einem halten, sind rar geworden. Das hat mir der Tod von Jens bewiesen.

13. Wie gehen Sie heute damit um, dass der Tod Ihres Sohnes durch die vorsätzliche Tat des Copiloten mit anschließendem Suizid herbeigeführt wurde?

Für mich steht fest, dass der Copilot den Tod aller Flugzeuginsassen herbeigeführt hat. Das, was geschehen ist, bezeichne ich nach wie vor als Mord. Bis heute konnte mir niemand schlüssige und glaubhafte Beweise vorlegen, dass der Flugzeugabsturz andere Ursachen hatte. Obwohl sich dieser Gedanke in meinem Kopf festgesetzt hat, räume ich ihm nicht zu viel Platz ein. Ich setze mich nicht mehr intensiv mit dem Täter auseinander. Ich muss mich schützen. Ich brauche die Seelenstärke, um mit dem Verlust zu leben.
Es ist, wie es ist: Das Leben geht seit zehn Jahren ohne Jens weiter. Damit ich daran nicht zerbreche, passe ich mich an, zwinge mich zur Ruhe und versuche, auch andere grausame Weltereignisse mit einer gewissen Distanz zu betrachten.
Ich gebe zu, im Fall von Jens fällt mir das nicht immer leicht. Doch irgendeine Strategie musste ich entwickeln, sonst würde ich wie ein Mäuschen permanent am Rad drehen und nicht mehr zur Ruhe kommen. Einen solchen Dauerstress kann ich nicht gebrauchen. Er wäre Gift für Körper und Seele.

14. Wie gehen Sie damit um, dass Ihr Sohn ohne diese Tat heute noch leben könnte?

Steigert man sich in den Gedanken hinein, kann er nach wie vor extrem wütend, aber auch extrem traurig machen. Für mich ist es, wie aus der vorhergehenden Antwort ersichtlich, nicht ratsam, dies zu tun. Der Copilot kann nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden, weil er sich durch Suizid der Gerichtsbarkeit entzogen hat. Nur fragt man sich unwillkürlich: Wie konnte solch ein psychisch Kranker überhaupt ins Cockpit gelangen? Wieso erteilten ihm die Flugmediziner jährlich (!) die Fluglizenz ohne gewissenhafte Prüfung, obwohl sie dazu verpflichtet gewesen wären? Sie sahen sträflich über einen Hinweis auf den entsprechenden Formularen hinweg, der einen besonderen Überwachungsbedarf anzeigte. Es kam zu dem folgenschweren Flugzeugabsturz. Jens ist tot.
Die EU rügte bereits 2013 die zu lasche Kontrolle der flugmedizinischen Ärzte für die Ausstellung der Tauglichkeitsbescheinigungen. Im Nachhinein war es genau diese Schwachstelle, die die verheerende Tat des Copiloten ermöglichte.
Für mich trägt nach wie vor die Lufthansa/Germanwings die Verantwortung für die Katastrophe. Schließlich war Copilot Andreas Lubitz ihr Mitarbeiter und die Flugmediziner haben für sie gearbeitet … – Allerdings haben die Gerichte anders entschieden. Sie sprechen dem Luftfahrt-Bundesamt die Schuld zu, indem sie feststellen, dass die betreffenden Ärzte Bedienstete des Staates wären. So ist es folgerichtig, dass die Klage gegen das LBA und damit gegen die Bundesrepublik Deutschland fortgeführt wird.

15. Wenn Sie heute auf die letzten zehn Jahre zurückblicken, was wünschen Sie sich am meisten für die Art und Weise, wie Jens und die anderen Opfer des Germanwings-Absturzes in den Herzen der Menschen weiterleben sollen?

Ich wünsche mir, dass man sie nicht vergisst, sie jedoch nicht für reißerische Schlagzeilen, altkluge Debatten oder gar für politische/wirtschaftliche Ziele missbraucht. Die Toten verdienen es, respektvoll behandelt zu werden. Sie sollen in Erinnerung weiterleben, als das, was sie waren: geliebt, einzigartig und unersetzlich.

© Brigitte Voß:
Fragen von GPT-5.2 über perplexity pro (kostenloses Probeabo)


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