Zehn Jahre sind vergangen, seit der schreckliche Absturz des Germanwings-Flugs 4U9525 im März 2015 unser Leben aus jeglicher Normalität riss, weil in diesem Airbus unser Jens sterben musste.
Seit Ende Januar ist die vierteilige Dokureihe »Der Germanwings-Absturz: Chronologie eines Verbrechens« in der ARD-Mediathek abrufbar – eingeordnet im True-Crime-Format unter der Rubrik Crime Time.
Kaum bekamen wir die Veröffentlichung mit, saßen wir voller Spannung vor dem Fernseher, um uns die Dokumentation anzusehen. Nach allem, was wir von der Journalistin Frau Justine Rosenkranz wussten, erwarteten wir eine umfassende und sachliche Aufarbeitung des grausamen Ereignisses. Sie führte die Befragungen mit den Mitwirkenden der Doku durch, in der neben den Fachexperten, ebenso die Angehörigen zu Wort kamen, darunter auch wir (siehe Blogbeitrag: Hinter den Kulissen eines Interviews).
Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn man sich im Film sprechen hört, geschweige denn, sich zusätzlich sieht. Jedoch wollten wir durch unsere Teilnahme unserem Sohn eine Stimme geben.
Wir dürfen die Toten und den Absturz des Airbusses nicht vergessen. Und wir dürfen auch unseren Wunsch nicht aufgeben, dass der Fall Germanwings nicht als abgeschlossen gilt – weil diese Katastrophe hätte verhindert werden können.
Ich bin erstaunt, wie gründlich für die Dokumentation recherchiert wurde. Unsere Trauer und der Schmerz werden nicht unnötig dramatisiert, wie es bei sensationsfreudigen Produktionen leider oft geschieht. Es wird auch nicht wild herumspekuliert, die Doku bleibt durchweg sachlich. Dies sind Kriterien, die mir entgegenkommen. Letztendlich bin ich froh, dass ich einer Teilnahme doch zugesagt habe, obwohl es anfangs überhaupt nicht danach aussah. Mein Mann und ich fühlten uns verstanden. Wir hatten alle Zeit, die einfühlsam gestellten Fragen zu beantworten. Das empathische Fernsehteam tat uns gut.
Allerdings habe ich von einem Angehörigen-Elternpaar gelesen, das es ablehnt, die Katastrophe als öffentliches Thema oder Medienfall zu behandeln. Sie wünschen ein stilles, respektvolles Gedenken abseits von Aufklärung oder Inszenierung – zum Beispiel durch Grabbesuche, vielleicht auch kleine Feiern in der Gemeinde. Die Einordnung unter True Crime halten sie für unpassend und sensationsorientiert. Auch einige Medien bewerten dieses Label bei einer Tragödie wie der Germanwings-Katastrophe als problematisch.
Zugegeben, es könnte nach Kriminaldrama oder Sonntagabend-Spannung klingen.
Doch denke ich anders darüber – und damit befinde ich mich keineswegs allein unter den Angehörigen. Durch die Hand einer einzelnen Person mussten 149 Menschen ihr Leben lassen – sie wurden umgebracht. Hier liegt eindeutig ein Verbrechen vor, das ist juristisch logisch! Zudem erreicht speziell die Rubrik Crime Time eine hohe Reichweite. Sie konzentriert sich auf Ermittlungsabläufe und offene Fragen. Ich höre mir ihre Podcasts gern an, wohingegen es andere True-Crime-Rubriken gibt, die ich bewusst meide, weil sie aus dem Leid ein Spektakel machen.
Der enorme Medienansturm überrascht mich. Sowohl online als auch offline wird über die Dokumentation berichtet. Die Resonanz ist bereits überwältigend. Gelobt werden von den Medien unter anderem die Faktentreue, die detailreiche Recherche, die menschliche Nähe, die ausgewogene Aufarbeitung – um nur einige Punkte zu nennen.
Das Thema bewegt noch immer. Und mit ihm die unbeantworteten alten Fragen, die bis heute keine zufriedenstellende Antwort fanden. Die Serie macht klar, dass die Verarbeitung auch zehn Jahre nach dem Flugzeugabsturz nicht abgeschlossen ist. Für uns Angehörige ebenso wie für die breite Öffentlichkeit bleiben viele Punkte offen. Ob sie jemals geklärt werden? Dieses Jahr soll beim Landgericht Braunschweig die Klage gegen die Bundesrepublik verhandelt werden. Wir hoffen uns endlich eine Klärung der Schuldfrage. Allerdings ist bis jetzt noch kein Gerichtstermin angesetzt.
Für mich ist die Dokumentation ein weiterer Schritt in der Verarbeitung des schmerzhaften Verlustes. Sie gibt einen Anstoß, die Diskussionen fortzusetzen und die Suche nach der rechtlichen Wahrheit weiterzuführen. Ich hoffe, dass aus den Fehlern von damals tatsächlich gelernt wird – nicht nur für die Akten, sondern für Menschen.
Am Ende zählt für mich nur eins: Die Opfer sollen niemals in Vergessenheit geraten.
© Brigitte Voß
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