Nach wie vor interessiere ich mich für den tragischen Fall des zweieinhalbjährigen Émile, der Ende Juni 2023 in Haut Vernet, einem Ortsteil von Le Vernet, spurlos verschwand. Gut neun Monate später entdeckte eine Wanderin im Wald oberhalb des Dorfes Knochen- und Schädelreste. Nach entsprechenden Untersuchungen konnte festgestellt werden, dass sie dem kleinen Jungen zuzuordnen waren. Nun hatte man Gewissheit, dass er durch äußere Gewalt ums Leben kam. Erst vor wenigen Tagen wurden die Überreste den Eltern freigegeben.
Am 8. Februar fand das Begräbnis des Kindes statt. Allerdings nicht in Haut-Vernet, wie man vermuten könnte, sondern in La Bouilladisse, (Bouches-du-Rhône), dem Herkunftsort der Familie Soleil.
Die Gemeinde Le Vernet hatte die Beisetzung in ihrem Ort verweigert, da die Eltern ein Grab anstrebten, in dem sie sich später selbst beerdigen lassen wollten. In der kleinen Dorfgemeinde dürfen jedoch nur dauerhaft ansässige Einwohner bestattet werden, oder jene, deren Tod vor Ort eintritt. Letzteres traf zwar auf Émile zu, doch die Eltern bestanden auf eine gemeinsame Ruhestätte. Sie besitzen eine Nebenwohnung in Le Vernet und besuchen oft die Großeltern des des Jungen in Haut-Vernet. Die Ablehnung fußte auf gesetzlichen Vorgaben und der knappen Platzsituation des kleinen Dorf-Friedhofs. Eine Ausweitung auf Familien mit Zweitwohnsitz wäre daher unmöglich gewesen. Die Gemeinde wollte keine Sonderregelung schaffen, um Gleichbehandlung für alle Bürger zu gewährleisten.
Die öffentliche Trauerfeier wurde in der Basilika Sainte-Marie-Madeleine in Saint-Maximin-la-Sainte-Baume im Département Var abgehalten. Es ist ein bedeutender und historischer religiöser Ort, der dem tiefen katholischen Glauben der Familie entspricht. Sie hatten sich eine Messe im Ritus des heiligen Pius V. gewünscht, bei der Priester und Gäste in weiß gekleidet waren, und gregorianische Gesänge erklangen.
Es waren etwa 600 Trauergäste anwesend. Die Zeremonie wurde live auf den Vorplatz übertragen. Rund um die Basilika sicherten Polizisten das Areal, um der Familie und den Angehörigen einen Abschied in Ruhe und Privatsphäre zu ermöglichen. Störungen durch Journalisten sowie Schaulustigen sollten verhindert werden.
Es erinnerte mich an das erste Jahresgedenken der Germanwings-Katastrophe: Absperrungen wurden errichtet und Zugangsberechtigungen erteilt. Der Ort und der Friedhof wurden sorgfältig geschützt. Wir wurden hermetisch von allen Personen, die nichts mit dem Gedenken zu tun hatten, abgeschirmt. So konnten wir, wie jetzt die Hinterbliebenen des Kindes, ungestört trauern und von unseren Lieben Abschied nehmen.
Nach der öffentlichen Messe fand im Wohnort der Eltern, La Bouilladisse, die Beisetzung im engsten Familienkreis statt.
Mich rührte der kleine weiße Sarg, den sowohl der Vater als auch die Mutter selbst in die Basilika und danach zum Leichenwagen unter Glockengeläut und Gebeten trugen. Ich hatte später Fotos in den Medien davon gesehen: Link. So jung und unschuldig der kleine Èmile gewesen war, so klein und zerbrechlich war der weiße Sarg.
Die Anteilnahme in Frankreich und darüber hinaus war hoch. Das ganze Land trauerte. Im Vorfeld hatten die Reporter ausführlich über die Ermittlungen der Polizei im Fall Émile berichtet.
Bei früheren Aufenthalten in Le Vernet hatten wir die geschäftige Unruhe in dem kleinen Bergdorf selbst erlebt. Erneut bevölkerten Journalisten den Ort, als Taucher der Gendarmerie im Dorfteich nach Hinweisen auf den Tod des Kindes suchten. Ein weiteres Mal waren sie präsent, als die Polizei gemeinsam mit der Familie und den Zeugen jenen Tag nachstellen ließ, an dem Émile verschwunden war. Journalisten streiften durch den Ort, Pressekonferenzen wurden abgehalten. Auch das rief Erinnerungen an die erste Zeit nach dem Flugzeugabsturz wach.
Werden die Eltern jemals Gewissheit darüber erlangen, wer für den gewaltsamen Tod ihres Kindes verantwortlich ist? Sie möchten wissen, wie ihr Sohn zu Tode kam. Einige Familienmitglieder, vor allen der Großvater, gerieten ins Visier der polizeilichen Recherchen. All das schürte zusätzlich das öffentliche Interesse an der Beerdigung.
Ich hoffe, dass die Eltern bald Antworten auf ihre Fragen erhalten, damit sie endlich Frieden finden können, und der schmerzliche Verlust ihres Kindes irgendwann weniger schwer auf ihrem Herzen lastet.
Die Akte Émile bleibt weiterhin offen, die Ermittlungen werden fortgesetzt.
© Brigitte Voß
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