20.01.2025, Montag – „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ – zehn Jahre nach den Pariser Anschlägen

Nicht nur die Germanwingskatastrophe jährt sich in diesem Jahr zum zehnten Mal, sondern auch die Pariser Terroranschläge vom Abend des 13. November. Sie gehören zu den schwersten in der Geschichte Frankreichs. Die ersten Explosionen ereigneten sich am Stade de France während eines Freundschaftsspiels zwischen den Nationalmannschaften Deutschlands und Frankreichs. Unter den Zuschauern befanden sich die Bürgermeister von Prads Bernard Bartolini sowie von Le Vernet François Balique.
Ungefähr zehn Minuten später kam es in verschiedenen Bars, Cafés und Restaurants der Hauptstadt zu Schießereien. Dabei verloren etliche Besucher ihr Leben. Anschließend stürmten 21.40 Uhr schwer bewaffnete Terroristen das berühmte Bataclan–Theater, in dem gerade die amerikanische Rockband Eagles of Death Metal vor etwa 1500 Zuschauern spielte. Die Angreifer eröffneten das Feuer mit Sturmgewehren und warfen Handgranaten in die Menge. 89 Personen mussten sterben. Die Polizei griff ein und konnte einen der Terroristen erschießen, zwei sprengten sich in die Luft.
Die Anschläge wurden vom IS (Islamischer Staat) organisiert. Insgesamt wurden 130 Menschen ermordet und rund 700 weitere zum Teil schwer verletzt. Sieben der unmittelbar Beteiligten starben durch Selbstmordattentate oder beim Polizeieinsatz. Einer überlebte und wurde später verurteilt. Nach den Attentaten verhängte die französische Regierung den Ausnahmezustand.
Im Fernsehen wurde zum Thema der Spielfilm »Meinen Hass bekommt ihr nicht« ausgestrahlt, der mich sehr beschäftigt und berührt hat. Er beruht auf wahren Begebenheiten.
Lange habe ich über die Trauer des Journalisten Antoine Leiris nachgedacht, der bei dem Überfall auf das Bataclan seine Frau Hélène und Mutter des 17 Monate alten Melville verlor. Sein Name wurde im Film nicht geändert.
Mir gefällt, dass der Film nicht die üblichen Trauerklischees zeigt, sondern die Vielschichtigkeit der Trauer in ihrer ganzen Komplexität. Er ist realistisch und kommt ohne jegliche Melodramatik aus.
Der Tod von Hélène reißt eine Lücke, die sich nicht mehr schließen lässt. Antoine versucht, den kleinen Sohn zu trösten, der oft ein fragendes »Maman?« von sich gibt. Dabei hat der Vater mit seinem eigenen Schmerz und dem furchtbaren Verlust zu tun. Familie und Freunde helfen ihm. Obwohl er mit den banalen Aufgaben des Lebens zunächst nicht zurechtkommt, droht er an dieser gut gemeinten Hilfsbereitschaft zu ersticken. Er ist nicht in der Lage, einen Sarg für Hélène herauszusuchen. Mit der Bürokratie des Todes wird er zusätzlich konfrontiert.
Trotz allem reißt ihn der kleine Melville aus seiner Trauerlethargie heraus. Er muss für ihn da sein, ein starker Vater sein. Der Sohn bewahrt ihn davor, in der Trauer unterzugehen.
Die Handlung bezieht sich ausschließlich auf die Perspektive der Opfer und gibt den Tätern keinen Raum. Das ist ganz im Sinne von Antoine. Sein Facebook-Post ging um die Welt. und machte ihn berühmt: (siehe Übersetzung in der Süddeutschen Zeitung). Er erklärt darin, dass die Terroristen seinen Hass nicht bekommen. Dieses Geschenk werde er ihnen nicht machen. Er verweigert bewusst Hass und Rache und schottet sich nach dem Bataclan-Anschlag konsequent von sämtlichen Nachrichten über das Attentat ab. Er lehnt es ab, Berichte zu den Ereignissen oder Details über die Täter in den Medien zu verfolgen und hat keinerlei Interesse an den detaillierten Rekonstruktionen sowie späteren Gerichtsverhandlungen. Die Täter sollen in seinen Gedanken keinen Platz einnehmen. Er möchte nicht, dass sein Leben, und die Erinnerung an seine Frau von Bildern und Erzählungen der Gewalt überlagert werden. Er möchte sich nicht von Terroristen die Kraft rauben lassen, die er braucht, um mit seinem kleinen Sohn eine Zweierbeziehung aufzubauen.
Sein Verhalten ist ein Teil eines Trauerwegs, der nicht unbedingt meinem entspricht. Für mich war und ist es wichtig, dass Jens eine gewisse Gerechtigkeit erfährt. Diejenigen Personen, die verantwortlich dafür sind, dass der Copilot überhaupt Passagiermaschinen fliegen durfte, sollen zur Rechenschaft gezogen werden. Unser Sohn besaß ein starkes Gerechtigkeitsbedürfnis. Daher war und ist es, auch für meinen Mann, richtig, alles zu verfolgen, was rund um den Flug 4U9525 geschehen ist und geschieht. Viele Überlebende einer Gewalttat und Opfer-Angehörige möchten die Details verstehen, nämlich – was genau passiert ist, warum es passiert ist, und wie es hätte verhindert werden können. Diese Informationen helfen ihnen, ein traumatisierendes Ereignis besser zu bewältigen.
Nach dem Tod von Jens und mit dem Wissen um die Hintergründe waren meine Wut und der Hass groß, doch ich habe mich niemals darin verloren. Es war vielmehr ein Versuch, das grausame Geschehen zu begreifen.
Für mich wäre Antoines Weg nicht gesund gewesen, weil ich den Schmerz und die Trauer sonst nicht wirklich hätte verarbeiten können.
Beschädigt sind mein Mann und ich allemal. Wir tragen Risse, die die Zeit nur mildert, nicht heilt.
Für Antoine aber funktionierte sein Weg. Es gibt kein Richtig und kein Falsch, sondern nur unterschiedliche Wege, mit dem Unbegreiflichen umzugehen.
© Brigitte Voß


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