Die Familie ist aus Schweden zu Besuch. Sie integrieren sich gut in ihren neuen Wohnort. Die Enkel lernen in der dortigen Schule. Das schwedische Schulsystem lässt sie bedeutend kindsgemäßer den Lernstoff begreifen als in Deutschland. Die schwedische Sprache bereitet ihnen keinerlei Probleme.
Der Nachteil ist jedoch, dass wir allein zurückbleiben. Der eine Sohn ist tot, und der andere wohnt im skandinavischen Königreich. Immerhin ist diese Entfernung mit Auto überbrückbar.
Vor drei Tagen besuchen wir den Leipziger Weihnachtsmarkt, denn man möchte seinen Enkeln etwas bieten, und Weihnachten steht vor der Tür. Die Freude der Kids ist groß, weil es dergleichen an ihrem neuen Wohnort nicht gibt.
Nahezu zehn Jahre ist Jens nicht mehr bei uns. Für immer! Das zu begreifen, schmerzt nach wie vor, trotz der langen Zeitspanne, die dazwischenliegt. Dennoch begleitet er uns in unseren Gedanken. Auch heute. Ich stelle mir vor, wie er mit den beiden herumtollt oder mit ihnen scherzt und lacht. Wir haben viel Spaß.
Mir wird zum ersten Mal nicht bewusst, dass wir uns in einer Menschenmenge befinden und damit auch in einer möglichen Gefahr durch einen Messerangriff, einen Sprengstoffanschlag, einen Amokfahrer oder irgendeine andere Form des Horrors.
Bisher ist mir dieses Risiko in großen Menschenansammlungen – in Konzerthallen, Stadien oder ähnlichen Orten – stets gegenwärtig. Und trotzdem gehe ich hin. Die Angst bleibt merkwürdigerweise fern. Kühl kalkuliere ich, wohin ich im Fall von Gefahr flüchten könnte.
Natürlich ist das nicht immer möglich. Manches kann man einfach nicht voraussehen. Jens hatte damals keine Chance, er konnte leider nirgendwohin fliehen …
Ich will nicht sterben – aber vielleicht kann ich ihn dann wieder sehen.
Mir ist bewusst, dass solche Äußerungen Widerspruch erregen.
Aber ehrlich gesagt: Es ist mir egal.
Mein Mann meint ohnehin, wir beide seien nicht mehr normal.
Doch an diesem Tag ist das anders, die Kinder haben mich völlig vereinnahmt.
Am selben Abend erreicht uns die furchtbare Nachricht, dass in Magdeburg, nur 130 km von meinem Heimatort entfernt, eine Person mit höchster Geschwindigkeit durch eine Gasse des Weihnachtsmarktes raste und bisher fünf Besucher in den Tod riss. Unter den Opfern ist auch ein neunjähriger Junge. Immer wieder denke ich dabei an meine Enkel. Das macht alles noch unbegreiflicher und nahbarer für mich.
Über 300 Personen werden verletzt, viele schwer. Der Attentäter ist ein Islamhasser und kommt aus Saudi-Arabien. Es soll ein Mediziner, ein Psychotherapeut sein. Wem kann man überhaupt trauen? Dass ausgerechnet der behandelnde Psychologe zu einer solchen Tat fähig sein könnte – unvorstellbar.
Ich bin tief erschüttert über dieses furchtbare Ereignis. Es hätte genauso gut hier in Leipzig passieren können. Es ist stets von Neuem unbegreiflich, was Menschen anderen Menschen Grauenhaftes antun können. Auch hier drängt sich die Frage nach dem Warum in den Vordergrund. Diese Warum-Frage wird wie im Fall Germanwings unbeantwortet bleiben.
Ich denke an die Familien der armen Opfer und kann mir gut vorstellen, wie es jetzt in ihren Köpfen aussehen mag, habe ich doch selbst Ähnliches erlebt. Das Böse ist geschehen – und es lässt mich nicht mehr los. Menschen sind zur falschen Zeit am falschen Ort und müssen sterben, wie unser Jens, oder werden verletzt. Warum das alles???
Wie die Medien berichten, gibt es für die Betroffenen sowie die Hinterbliebenen, aber auch für die Rettungskräfte und Zeugen der Tat viele Hilfsangebote. Notfallseelsorger stehen beispielsweise am Trauerort vor der Johanniskirche, umarmen oder spenden tröstende Worte. Einige der Rettungskräfte sollen zusammengebrochen sein.
Ich muss an Le Vernet denken, an das, was dort die Bergungskräfte an der Absturzstelle sehen mussten. Sie werden das niemals vergessen. Wir haben einen von ihnen kennengelernt – wir hatten ihn am Absturzort getroffen. Er erzählte uns, dass er immer wieder an den Ort des Flugzeugabsturzes zurückkehrt. Er ist Deutscher und verbringt seitdem seine Urlaube in der Region.
Die Anteilnahme der Mitmenschen ist groß. Sie zünden Kerzen an, legen Blumen nieder, stehen schweigend davor und weinen gemeinsam.
Auch in den sozialen Medien ist die Trauer präsent – oft trauern Menschen um andere, die sie zu Lebzeiten nie persönlich kannten. Die digitalen Plattformen ermöglichen es, das eigene Mitgefühl öffentlich zu zeigen: durch einfühlsame Postings, Kerzen-Emojis oder virtuelle Gedenkseiten wird der Schmerz geteilt.
Diese kollektive Trauer berührt mich jedes Mal aufs Neue. Nur als sie mich selbst betraf, drang sie erst später, lange nach dem Flugzeugabsturz, in mein Innerstes vor. Die Empathie der Mitmenschen wurde schließlich zu einer Wohltat für meine verletzte Seele.
Wie viele andere Hinterbliebene aus Deutschland und dem Ausland nahmen wir im April 2015 an der ökumenischen Trauerfeier mit anschließendem Staatsakt im Kölner Dom teil. Sie wurde bundesweit live im Fernsehen und Radio ausgestrahlt. Darüber hinaus gab es Livestreams auf entsprechenden Plattformen. Millionen von Zuschauern konnten somit an der Zeremonie teilhaben. Die Medien spielten dabei eine wichtige Rolle.
Ob nach dem 11. September 2001, dem Tsunami von 2004 oder der Germanwings-Katastrophe: Wenn das Unfassbare eintritt, trauert die Welt gemeinsam.
Auch beim Tod von Künstlern kann man das Phänomen beobachten.
Als John Lennon im Dezember 1980 ermordet wird, löst sein Tod eine Trauer aus, die den Globus umspannt. Millionen Menschen bekunden öffentlich ihr Mitgefühl. Überall werden Gedenkfeiern abgehalten, Blumen niedergelegt und zusammen geweint. Seine Rolle als Friedensaktivist und Beatles-Mitglied macht ihn zu einer globalen Ikone. Es gibt eine stille Mahnwache. Im New Yorker Central Park versammeln sich schätzungsweise 100.000 Menschen, um Lennon zu gedenken. Es ist eine der größten spontanen Trauerkundgebungen der Geschichte.
Was geht in den Köpfen der trauernden Mitmenschen vor, die keinerlei persönliche Bindung zu den Opfern sowie Angehörigen haben? Es ist von »Traueransteckung« die Rede – vom »bewussten Auseinandersetzen mit der eigenen Sterblichkeit«, von einer »Übung im Trauern«, die guttun könne. Die Massentrauer diene »als Ventil für Ohnmacht und Angst« – besonders bei plötzlichen Katastrophen, bei denen der Verlust grausam und unerwartet eintritt.
Fakt ist, die kollektive Trauer verbindet. Sie schafft Gemeinschaft und Solidarität.
Der Besuch des heimischen Weihnachtsmarktes mit den Enkeln ist für mich ein Moment des Glücks, von dem ich lange zehren möchte. Doch dann bricht durch eine Nachricht die Realität herein, die mit ihrer brutalen Seite auch Jens vor 10 Jahren ereilt hat. Die kollektive Trauer, die mir unmittelbar nach seinem Tod fern blieb und mich heute so berührt, ist mehr als nur eine Traueransteckung. Sie ist ein Versuch, sich in dieser zerbrechlichen Welt, gemeinsam gegen das Böse zu stemmen.
© Brigitte Voß
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