02.01.2025, Donnerstag – Reerdigung und mehr: Alternative Bestattungsformen in Deutschland

In dem schwedischen Thriller »Nachtwasser« von Camilla Läckberg und Henrik Fexeus unterhielten sich ein Gerichtsmediziner und ein Kriminalkommissar über eine alternative Bestattungsform in Deutschland. Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen, denn was ich da las, klang für mich zweifelhaft, wo doch hierzulande der Umgang mit dem verstorbenen Menschen genauestens durch Gesetze reglementiert wird (siehe Bestattungsgesetz).
Ich öffnete alsbald den Laptop und gab das Wort ♦ Reerdigung ein:
Sie gilt als eine der derzeit umweltfreundlichsten und neuesten Bestattungsformen in Deutschland. Seit 2022 wird sie einzig und allein in Schleswig-Holstein im Rahmen eines Pilotprojekts angeboten.
Dabei wird der Leichnam in einem speziellen Behälter auf organisches Material wie Grünschnitt, Stroh oder Blumen gebettet, und innerhalb von 40 Tagen durch Mikroorganismen zersetzt. Mit anderen Worten: Der Körper wird kompostiert – was in Bezug auf einen Menschen zunächst befremdlich klingt. Dennoch bietet diese Bestattungsform einige Vorteile: Der entstehende Humus ist besonders fruchtbar und nachhaltig. Da auf eine Verbrennung des Leichnams im Krematorium verzichtet wird, wird die Kohlendioxidbelastung reduziert. Überdies erfolgt die Zersetzung relativ schnell und natürlich.
Leider ist es in Deutschland nicht erlaubt, den Humus mit nach Hause zu nehmen und beispielsweise im eigenen Garten zu verwenden. Die deutsche Friedhofspflicht gilt ebenso für die Reerdigung. Die fruchtbare Erde muss wie die Asche auf einem Friedhof beerdigt werden. Das ist derzeit nur in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg möglich.
Der Humus wird zusammen mit den verbliebenen Knochen, die vorher vermahlen wurden, in ein Tuch aus Naturfasern eingeschlagen, bevor er begraben wird. Ob man einen Baum auf das Grab pflanzt und diesen später mit nach Hause nimmt, bleibt einem überlassen.
Es mag für manche Ohren würdelos klingen, wenn vom »Kompostieren des Verstorbenen« gesprochen wird. Allerdings entspricht sie einem natürlichen Zerfallsprozess, den man auch als eine »sanfte Transformation« bezeichnet.
Für mich hingegen haftet der Feuerbestattung stets ein Anflug von Brutalität an – den geliebten Menschen zu verbrennen, fühlt sich schwer erträglich an.
Der Verzicht auf Sarg, Urne und Kremation reduziert zudem die Umweltbelastung.
Immer mehr Menschen sehnen sich nach größeren Freiheiten bei der Gestaltung ihrer Bestattung. Und so ist es gut, dass zunehmend weitere individuellere Alternativen hierzulande verfügbar sind:
Dazu gehört die ♦ Baum/Waldbestattung (siehe: 29.11.2021, Montag – Trost im Angesicht des Todes ). Sie ist in den speziell ausgewiesenen Friedwäldern/Ruheforsten erlaubt. Der Baum dient als Grabmal, und die Grabpflege übernimmt die Natur. Hinterbliebene dürfen keine Bepflanzungen vornehmen. Auch das Aufstellen von Kerzen oder das Ablegen von Grabschmuck jeglicher Art sind unzulässig.
Eine weitere Möglichkeit in Deutschland ist die  ♦ Seebestattung, worüber ich ebenfalls schon geschrieben habe (siehe: 7.12.2024, Sonnabend – Rosen auf Steinen).
♦ Anonyme Bestattungen erfolgen auf einem Gemeinschaftsgrabfeld, wobei sowohl Urnen- als auch Erdbestattungen zulässig sind. Infolge der steigenden Bestattungskosten sehen sich immer mehr Menschen gezwungen, diese Bestattungsart zu wählen. Das Bedürfnis, nach dem eigenen Ableben der Familie nicht zur Last zu fallen, spielt ebenfalls eine Rolle. Das betrifft nicht nur die finanziellen Aspekte, sondern auch die Grabpflege. Die Beisetzung erfolgt ohne Kennzeichnung des Grabes und zu einem Termin, der nicht öffentlich ist – auch die Hinterbliebenen erfahren ihn nicht.
Des Weiteren kann man sich in einem sogenannten ♦ Kolumbarium bestatten lassen. Das ist eine Urnenwand oder -nische auf Friedhöfen oder in Kirchen, in die die Urne mit einer Namensplakette gestellt wird.
Zum Schluss möchte ich die ♦ Körper- und Organspende an die Wissenschaft nennen. Auf Wunsch des Verstorbenen kann der Leichnam einer Universität überlassen werden, die in der Regel auch die Kosten für die anschließende Kremation trägt.

Die Art der Bestattung hängt von persönlichen und religiösen Werten ab, aber auch vom kulturellen Hintergrund. Um Schwierigkeiten nach dem eigenen Tod zu vermeiden, empfiehlt es sich, eine Bestattungsverfügung zu erstellen.
Deutschland ist durch den sogenannten Friedhofszwang geprägt, während andere Länder mehr Freiheiten bei der Wahl der Bestattungsform lassen und somit den Angehörigen in ihren Gefühlen und individuellen Wünschen stärker entgegenkommen.
Die Reerdigung zeigt, das Wandel in Deutschland möglich ist – wenngleich etwas langsam. Es ist an der Zeit, neue Wege zuzulassen, die dem Leben und der Natur gleichermaßen gerecht werden.

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Ergänzend sei auf die ♦ Fanbestattungen hingewiesen, die unter bestimmten Voraussetzungen ebenfalls in Deutschland zulässig sind. Siehe Blogbeitrag: Bestattungsformen im Ausland – von Diamanten bis Almwiese.

© Brigitte Voß


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