Der Strand ist steinig, nicht sehr breit und wird von einer pittoresken verträumten Steilküste eingerahmt. Links von mir ertönt ein besänftigendes Rauschen, mal wird es stärker und schwächer. Das Auf und Ab der Wellen ergibt eine besondere Melodie. Sie kommen aus der Unendlichkeit. Ich denke an Jens und bleibe stehen. Die Weite des Meeres regt die Fantasie an. Wir setzen den Weg an der Uferkante fort.
Was liegt dort in der Ferne am Rand eines großen Findlings? Sicher ist es Plastikmüll! Als ob die See eine Abfallhalde wäre! Doch irgendetwas macht mich neugierig. Ich schreite schneller über die Steine, bis ich erkenne, dass es sich um eine rote Rose handelt.
Ich bin beruhigt. Vor meinem inneren Auge sehe ich ein Paar, sie im weißen Kleid mit einem Blumenstrauß in der Hand, er gut gekleidet. Eine Hochzeit. Vielleicht auch eine Verlobung oder ein sonstiges romantisches Treffen am Strand.
Mit der Zeit stelle ich jedoch fest, dass es so viele stimmungsvolle Begegnungen an den Küsten der Umgebung nicht geben kann. Die Blumen fallen auf.
Die Neugierde erfordert eine Internetsuche. Ich finde heraus: Die Blumen stammen von einer Seebestattung. Ich bin überrascht, dass so etwas in Deutschland überhaupt erlaubt ist. Sie unterliegt der deutschen Bestattungspflicht, die strenge Regeln vorgibt und Ländersache ist. Das Gesetz legt fest, dass eine Bestattung entweder auf dem Friedhof oder einem zugelassenen Ort (z. B. in bestimmten Gebieten der Nord-oder Ostsee) stattfinden muss. Die Beisetzung in einem Fluss/Binnensee ist nicht gestattet.
Viele Menschen fühlen sich mit dem Meer verbunden, und seine Weite symbolisiert Freiheit und Unendlichkeit.
Für eine Seebestattung muss der Verstorbene einen Bezug zum Meer gehabt haben (z. B. durch Beruf oder Hobby), was durch ihn oder seine Angehörigen per Bestattungsverfügung ausdrücklich gewünscht und ausführlich begründet sein muss. Der Nachweis eines Meeresbezuges könnte auf Widerspruch stoßen, denn oft wird er willkürlich von einer Einzelperson geprüft. Und wie, bitte schön, soll dieser Bezug klar definiert sein? Wie belegt man glaubhaft seine Liebe zum Meer?
Die Asche darf nicht einfach im Wasser verstreut werden, sondern muss in einer wasserlöslichen Urne beigesetzt werden, um Umweltbelastungen zu vermeiden. In Ländern wie den USA, Niederlanden oder Großbritannien ist die Seebestattung freier geregelt. Dort können Angehörige die Asche direkt ins Meer streuen, ohne eine Urne verwenden zu müssen. In den USA sind sogar Schiffsbestattungen möglich, bei denen der gesamte Körper in einem biologisch abbaubaren Sarg ins Meer gelassen wird.
In Deutschland schränkt die Bestattungspflicht solche Freiheiten ein. Begründet wird das mit dem Schutz der Umwelt, aber auch mit der Würde des Verstorbenen. Aber … woher wollen die Gesetzesmacher wissen, was der Würde des einzelnen Toten in Wirklichkeit angemessen wäre? Die Hinterbliebenen werden diesbezüglich oft umgangen. Ihre individuellen Wünsche werden schlichtweg eingeschränkt.
Selbst die Aufbewahrung einer Urne zu Hause ist in Deutschland untersagt – obwohl ich mir gut vorstellen kann, dass genau das für einige Familien tröstlich wäre. Leider haben Gefühle in derartigen Fragen wenig Gewicht. Solche Regelungen belasten Trauernde zusätzlich – ausgerechnet in einer Zeit, die ohnehin kaum zu ertragen ist.
Eine Seebestattung mag für viele Menschen eine tief emotionale Bedeutung haben und bietet zudem den praktischen Vorteil, dass die langfristigen Pflegekosten und -verpflichtungen für ein Friedhofsgrab entfallen. Was mich allerdings stören würde: Es fehlt ein fester Gedenkort, an dem man in Ruhe verweilen, trauern oder sprechen kann. Eine physische Stätte, wo die Erinnerung greifbar wird. Man erhält zwar eine Seekarte mit den Koordinaten, doch wäre das nur ein symbolischer Ersatz. Hinzu kommt, dass Besuche am Beisetzungsort kostspielig sein können, da sie stets eine Bootsfahrt erfordern.
Wenn ich heute am Ufer entlangspaziere, sehe ich die Dinge mit anderen Augen. Ich weiß jetzt, was die angespülten Blumen bedeuten. Sie sind stille Zeichen eines endgültigen Lebewohls – zärtliche Grüße an jene, die gegangen sind. Dabei fällt auf, dass ihre Stiele oft gekürzt sind. Auch das scheint geregelt zu sein. In Deutschland will eben selbst der letzte Abschied seine Ordnung haben.
© Brigitte Voß
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Liebe Brigitte,
ich sehe erst jetzt deine Antwort. Das ist echt komisch, denn immer wenn ich was im Bezug zur Seebestattung mitbekommen habe, ging es „einfach so“, ohne eine vorherige Verfügung oder großartige Erklärungen/Belegungen.Ich hab ein Leuchtturm-Tattoo, vielleicht reicht das ja im Zweifel 😉Ganz liebe Grüße, besonders Heute 🫂
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Hmm, ich habe noch nie gehört, dass man einen Bezug zum Meer haben muss, um auf See bestattet zu werden, geschweige denn, dass das jemand überprüft und verbieten kann.
Das kann man genau so einfach entscheiden wie eine Erdbestattung, Feuerbestattung, anonymes Grab, Ruheforst usw.
Sogar hier in NRW, weit weg vom Meer bieten das die Bestatter an.
Ich könnte mir für mich auch sehr gut eine Seebestattung vorstellen. Oder -davon las ich kürzlich- das meine Asche in den Dünen von Holland verstreut wird. Da wäre ich dann zumindest noch ein bisschen „da“.
Jedenfalls möchte ich nicht auf einen normalen Friedhof beerdigt werden.
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Liebe K.,
zunächst einmal herzlichen Dank für deinen Kommentar.
Wir mögen auch nicht auf einem Friedhof beerdigt sein und haben bereits Vorsorge getroffen.
Im Fall der Seebestattung so, dass eine Verfügung des Verstorbenen vorliegen muss. Ist die nicht vorhanden, müssen die Angehörigen seinen Bezug zur See glaubhaft belegen. Und da sehe ich bei der deutschen gestrengen Gesetzeslage Schwierigkeiten vorprogrammiert. Wir haben derzeit ähnliche, aber nicht in Bezug auf eine Seebestattung.
Beste Grüße und alles Gute
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