30.11.2024, Sonnabend – Germanwings 9525: Vertuschte Wahrheiten und unbequeme Fragen?

Wir nehmen an einer Veranstaltung von Sky in Berlin teil, die für die Opfer-Angehörigen von Flug 4U9525 organisiert wurde. Der Streamingdienst hat wie der WDR eine Reportage über den Absturz der Germanwings-Maschine gedreht und zwei Jahre dafür recherchiert. Laut der Einladung und einem Vorab-Schreiben einer an den Interviews beteiligten Hinterbliebenen werden sie Erkenntnisse vorstellen, die offensichtlich nicht der gängigen Darstellung entsprechen. Sie möchten uns ihre Ergebnisse bereits vor der Ausstrahlung präsentieren, da sie es uns gegenüber als ihre moralische Pflicht ansehen. Diese Denkweise kommt bei mir gut an, denn die betroffenen Familien können äußerst sensibel auf alles reagieren, was mit der Katastrophe zusammenhängt. Außerdem muss man ja nicht daran teilnehmen oder sich die drei Teile anschauen. Sie werden wie die Dokumentation von Justine Rosenkranz vom WDR zum zehnten Jahresgedenken im März erscheinen.
Die Einladung ist von einem Nils Bökamp unterschrieben, der sich mir in einer Interviewanfrage vom August als Dokumentarfilmproduzent und Regisseur einer kleinen Produktionsfirma vorstellte. Ich lehnte damals ab, da wir außer für Frau Rosenkranz keine weiteren Interviews zum Jahrestag geben wollten.
Wir sagen der Veranstaltung zu, da wir stets alles wissen wollen, was mit dem Flugzeugabsturz zusammenhängt.
Zunächst müssen wir aus »rechtlichen Gründen« eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. Die Weitergabe der Rechercheergebnisse vor der Veröffentlichung der Reportage ist offensichtlich ein heikles Thema.
Wir nehmen in dem kleinen Kinosaal Platz. Es sind etwa 25 Angehörige anwesend. Nils Bökamp, der Filmemacher moderiert durch die Veranstaltung. Sein Kollege Thomas Rogers begleitet ihn dabei. Professor Giemulla, einst unser Rechtsanwalt, ein oder zwei Journalisten sowie ein bekannter Flugexperte, Simon Hradetzki, stellen sich uns vor. Letzterer hat sich durch seine Website »Aviation Herald« einen Namen gemacht. Sie liefert aktuelle Nachrichten, Berichte und Analysen zu Zwischenfällen und Unfällen in der zivilen Luftfahrt weltweit. Die Notfallseelsorger aus Düsseldorf sitzen ebenfalls unter uns.
Die Filmemacher betonen, dass ihre Anfragen für Interviews von entsprechenden Behörden und Institutionen, vom Flugzeugbauer Airbus sowie vom Staatsanwalt Kumpa abgelehnt wurden. Die französische BEA habe zunächst zugesagt, aber später über die Pressesprecherin absagen lassen. Das habe die Journalisten neugierig gemacht und veranlasst, tiefer zu recherchieren. Es sei das erste Mal gewesen, dass sie investigativ tätig waren. Sie haben sämtliche Gutachten und verfügbare Unterlagen gesichtet, allerdings andere Schlussfolgerungen daraus gezogen, als die bislang in der Öffentlichkeit verbreiteten.

Simon Hradetzki stellt seine Untersuchungsergebnisse vor:
Die Pressekonferenz, die der Vater des Copiloten am 24. März 2017 gegeben hatte, um die Sicht der Familie auf die offiziellen Ermittlungsergebnisse aufzuzeigen, habe sein Interesse geweckt, diese näher zu untersuchen und sie letztendlich mit dem Abschlussbericht der französischen BEA abzugleichen. Seine Aufgabe sei es während der acht Jahre seiner Recherchen gewesen, Faktoren zu identifizieren, die helfen könnten, eine Wiederholung solch eines Absturzes zu vermeiden.
Er betont, dass er trotz zahlreicher Anfragen weder Zugang zu dem originalen CVR (Cockpitvoicerecorder) und zu den FDR-Aufzeichnungen (Flugdatenschreiber) hatte. So konnte er sich nur auf die verfügbaren Dokumente stützen.
Er kritisiert, dass die Ergebnisse der offiziellen Untersuchungen bereits nach 48 Stunden vorlagen. Für gewöhnlich würden derartige Auswertungen deutlich länger dauern.

– Im BEA-Untersuchungsbericht wird dargelegt, dass sich innerhalb von einer Sekunde die Flughöhe von 38 000 ft auf 100 ft änderte. Die dortigen Ermittler benennen den Copiloten Andreas Lubitz als Verursacher.
Hradetzki meint, dies könne nicht von Menschenhand geschehen sein. Er zeigt uns anhand eines Videos, wie ein Pilot und er vergeblich versuchten, den Drehschalter zur Korrektur der Flughöhe in einer Sekunde auf die 100 ft. zu drehen, was beide unabhängig voneinander nicht schafften. Um die 100 ft. einzustellen, ist eine doppelte Drehung notwendig. Er schlussfolgert daraus, dass ein technischer Defekt vorgelegen haben müsste.

– Möglicherweise war die FCU (Flight Control Unit – die zentrale Bedienschnittstelle zwischen Mensch und dem automatischen Flugsystem des Airbus) nicht in Ordnung. Das hätte zur Folge haben können, dass die Elektronik dem Autopiloten falsche Informationen übermittelte und dieser ohne menschliches Eingreifen den Sinkflug einleitete. Also ein technischer Defekt? Dafür wäre der Flugzeugbauer Airbus verantwortlich. Ähnliches hat sich 2017 in einem Germanwings-Airbus ereignet, nur konnten die Piloten korrigieren (siehe Germanwings-Vorfall 2017, Defekt an der FCU eines Airbus A 319).
Vertuscht Airbus etwas?

– Viele Informationen, die normalerweise zugänglich gewesen wären, sind nicht verfügbar. Ein Beispiel ist die Frage, ob die im Cockpit verbliebene Person überhaupt handlungsfähig war. War sie bewusstlos? Hradetzki bezieht sich auf eine Verunreinigung der Kabinenluft. Derartige Fälle existieren, würden aber von der Luftfahrtbranche heruntergespielt.
Aufgrund seiner Untersuchungen zweifelt er überdies daran, ob sich der Copilot im Cockpit befand. War es gar der Kapitän?
Wieso wurden die Daten der zurückgegebenen Opfer-Handys gelöscht?

– Es gäbe Hinweise aus Germanwings-Kreisen, dass das Keyboard der Cockpittür bereits früher eine Fehlfunktion gezeigt habe.
Bei Eingabe des Notfallcodes (er existert neben dem normalen Zugangscode) ertönt der Summer fünfzehn Sekunden lang, und eine grüne LED blinkt. Wenn die Besatzung nicht reagiert, entriegelt sich die Tür für fünf Sekunden, in denen der Zutritt gewährt ist. (Genaue Funktionsweise des Notfallcodes siehe Seite 23 der pdf des BEA-Abschlussberichtes.)
Aus dem Bericht geht nicht hervor, ob der Kapitän versucht hat, über die Tastatur an der Tür mithilfe des Notfallcodes ins Cockpit zu gelangen. Zumindest war in den nachfolgenden Untersuchungen der entsprechende Summer nicht zu hören.
Die Funktion des Notfallcodes wird nur alle 12.000 Flugstunden von der Wartung überprüft.
Lag ein Fehler im Keyboard vor?

Hradetzki schlussfolgert aus der Summe seiner Ermittlungsergebnisse:
Ein Mensch war allein im Cockpit und dazu noch handlungsunfähig wegen verunreinigter Kabinenluft. Ein technischer Defekt, wie hier in der FCU, kann den Sinkflug auf 100 ft. ausgelöst haben. Da die Tastatur nicht funktionierte, konnte niemand mehr in die Pilotenkanzel gelangen, um zu helfen.

Meine Meinung:
In der Summe sind das viele extreme Zufälle. Greift man aber nur einen der angenommenen Fehler heraus, beispielsweise den im Keyboard, hätte sich das verheerend ausgewirkt. Über eine intakten Tastatur wäre der Pilot durch die Eingabe des Notfallcodes in das Cockpit gelangt und hätte den Flugzeugabsturz verhindern können.
Oder nutzte der Copilot einen der oben erwähnten Defekte, zum Beispiel das plötzliche Absinken der Maschine, um seine Selbstmordabsichten auszunutzen? Hat er die furchtbare Gunst der Stunde genutzt?
Für mich bleibt er nach wie vor der Schuldige. Die Indizienlast gegen ihn ist hoch und schlüssig (das wurde in meinem Blog und wird noch im März 2025 in der vierteiligen Dokumentation „Der Germanwingsabsturz“ von Justine Rosenkranz einleuchtend begründet).

Aufgrund der neu aufgeworfenen Möglichkeiten eines technischen Defektes sollten jedoch erneute, unabhängige Untersuchungen über die Ursache des Absturzes eingeleitet werden. Denn mit dem Wissen der von Hradetzki ermittelten Untersuchungsergebnisse sowie der Erfahrung, dass Flugzeugbauer oder Fluglinien gern Informationen zurückhalten, ist Fliegen im Grunde genommen gefährlicher geworden.

Anmerkung:
Da ich aus der Rückschau schreibe, und die Dokumentation längst erschienen ist, ist die im Text erwähnte Verschwiegenheitserklärung hinfällig.

Für den Beitrag habe ich die Untersuchungsergebnisse von Hradetzki gestrafft wiedergegeben. Er fasst sie in seiner jüngsten Arbeit zum Thema auf seiner Website Avherald zusammen.
Wer mag, kann sich die drei Teile in Sky ansehen.
Die Medien haben darüber berichtet.

© Brigitte Voß


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