18.11.2024, Sonnabend – Hinter den Kulissen eines Interviews

Bereits im vergangenen Jahr erreichte uns eine Interviewanfrage der ARD. Im Fokus sollten die Ermittlungen nach dem Germanwingsabsturz stehen. Die WDR-Redakteurin Justine Rosenkranz arbeitete offensichtlich schon seit längerer Zeit an dem Thema und würde gern auch Angehörige befragen.
Mein Mann entschied sich sofort für eine Teilnahme, ich hingegen lehnte ab. Zu gut wusste ich, wie sehr die Fragen von Journalisten alles durcheinanderbringen und tief vergrabene Gefühle an die Oberfläche holen können. Letztendlich kam es zum telefonischen Kontakt mit Frau Rosenkranz. Sie sprach freundlich und erklärte uns die geplante Dokumentation. Er gab seine Zusage, ich zeigte mich unentschieden. Ich war hin- und hergerissen zwischen innerer Abwehr und der Möglichkeit, seine eigene Meinung im Sinne von Jens kundzutun. Ihm soll Recht widerfahren.
Am Tag des Interviews war ich eher abgeneigt, daran teilzunehmen.
Zu dritt rückte das Fernsehteam an – eine Kamerafrau, ein Tontechniker und die Journalistin, die mir zur Begrüßung einen Blumenstrauß überreichte. Sie waren uns auf Anhieb sympathisch. Sie hatten eine lange Autofahrt hinter sich, und so luden wir sie zu einer kleinen Kaffeerunde ein. Sofort kamen wir ins Gespräch, der anfängliche Smalltalk ging über das Thema Familie zu ernsteren Themen über. Ich erinnere mich, dass wir über die Leipziger Montagsdemonstrationen von 1989 zur Wendezeit sprachen.
Es wurde festgelegt, an welchem Platz in der Wohnung das Interview stattfinden sollte. Die Geräte wurden verkabelt. Die Kamerafrau sorgte für das optimale Licht – offenbar keine leichte Aufgabe. Der Tontechniker richtete seine Gerätschaften ein und gab meinem Mann ein winziges Mikrofon, das er sich unter die Kleidung schieben sollte. Und Frau Rosenkranz schrieb etwas in ihren kleinen Laptop.
Wir saßen auf der Couch und beobachteten das geschäftige Treiben. Währenddessen rang ich noch immer mit der Entscheidung, am Interview teilzunehmen. Plötzlich öffnete sich mein Mund wie von allein und stimmte zu. Die Journalistin lächelte.
Es ging los.Wir beantworteten ihre durchdachten Fragen. Es klappte gut, denn wir haben zu den Ereignissen rund um die Flugzeugkatastrophe klare Meinungen oder sie selbst erebt. Sie fragte mit ruhiger Stimme, die Vertrauen erweckte.

Heute rücken sie in zweites Mal an. Die Merkwürdigkeiten mit dem Handy von Jens bilden das Hauptthema. Auch wenn wir im Interview ernst und traurig rüberkommen, haben wir durchaus Spaß bei den Aufnahmen. Beispielsweise soll der Tontechniker den Experten spielen, der das Telefon untersucht hat. Frau Rosenkranz erkundigt sich nach einem weißen Kittel, Gummihandschuhen sowie einer Pinzette. Als ob man so etwas stets im Haushalt hat! Tatsächlich hat sie aber Glück. Gummihandschuhe sind noch aus einem Pflegeheim vorhanden, auch Pinzetten können wir auftreiben. Und nach längerem Überlegen fällt mir ein, dass wir weiße Kinderkittel besitzen. Wir hatten zum 100. Geburtstag meines Vaters eine kleine Familienfeier veranstaltet. Damals war er bereits etliche Jahre tot. Wir gedachten ihm mit uralten Fotos, einem Vortrag über seine wichtigen Lebensschritte, und die Enkelkinder führten chemische Experimente vor (sie waren ungefährlich). Dazu trugen sie mehr zur Show Schutzbrillen und weiße Kittel. Es knallte dumpf und schäumte. Das war etwas fürs Auge der Zuschauer. Mein Vater hatte schon als Kind chemische Untersuchungen auf dem Außen-WC (eine halbe Treppe tiefer) durchgeführt, wobei es einmal Feuer fing, wie mir meine Oma mehrfach versicherte.
Dem Tontechniker (er ist klein und schmal) werden zwei Kittel in Kindergröße derart umgelegt, dass sie wie einer wirken. Die zu kurzen Ärmel werden ein wenig gekrempelt. Wir lachen. Ich denke an meinen Vater, den ich sehr geliebt habe. Ich bin froh, dass er zur Zeit des Absturzes bereits gestorben war, und all das Schreckliche nicht mehr erfahren musste.
Wie zu erwarten, ergeht es mir nach den Interviews ein wenig blümerant. Zehn Jahre sind eine lange Zeit, aber offenbar nicht für eine Seele, die den gewaltsamen Tod des eigenen Kindes verarbeiten soll und daran immer noch scheitert. Beim Beantworten der Fragen, und auch danach, leben einige tieftraurigen Geschehnisse wieder auf. In solchen Momenten sage ich mir: »Was sind schon meine Befindlichkeiten im Vergleich zu dem, was Jens im abstürzenden Flugzeug erleiden musste, bevor es gegen den Fels geschmettert wurde?«
© Brigitte Voß


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