22.10.2024, Freitag – Licht über dem Ort des Grauens

Die Fahrt durch die Schweiz und insbesondere Frankreich streckt sich, dafür ist sie landschaftlich reizvoll oder abwechslungsreich. Die Jahrtausendbaustelle in Grenoble nervt wie beim ersten Mal. Bei der Durchfahrt von Gap stellen sich bereits heimatliche Gefühle ein – obwohl man sich in der Hauptstadt des Départements Hautes-Alpes gern verfährt und noch 1½ Stunden Fahrtzeit zu bewältigen sind. Endlich erreichen wir Le Vernet. Es beginnt zu regnen.
Maryse ist zufällig vor Ort und hat die letzten Handgriffe angelegt, damit die Gîte für uns in Ordnung ist. Es folgt eine freudige Begrüßung mit Küsschen und dem üblichen »Comment ça va?« Smalltalk auf französisch – das klappt trotz der Reisemüdigkeit gut. Dann lässt sie uns mit einem »Je vous laisse« allein.
Wir haben kaum begonnen, das Fahrzeug auszupacken, als uns ein wunderschönere doppelter Regenbogen begrüßt.
Nun habe ich schon öfters über Regenbögen geschrieben, nur dieser hier ist außergewöhnlich. Er rahmt insbesondere die Berge ein, hinter denen sich die Absturzstelle befindet. Er ist gut durchstrahlt und leuchtet. Auf dem Foto kommt das leider nicht so gut rüber.

Natürlich ist es ein Zeichen. Der farbige Doppelbogen ist wie ein Gruß aus einer anderen Ebene. Ein Gruß von Jens! Was sonst? Er lässt uns still aufblicken und intensiv an unseren Sohn denken. Wir spüren seine Gegenwart. Die Lichterscheinung bietet uns einen besonderen Raum des Gedenkens, des Innehaltens.
Ich gebe zu, die Interpretation solcher Zeichen hängt davon ab, wer sie betrachtet. Nüchtern gesehen, ist es vielleicht reiner Zufall. Wissenschaftlich gesehen, ist es einfach nur ein physikalischer Vorgang, eine Lichtbrechung durch Wassertropfen in der Atmosphäre, losgelöst von menschlichem Leid. Aber nicht für uns! Vor allem, wenn er die Absturzstelle einrahmt – und das gleich doppelt.

((Du wirst niemals einen Regenbogen finden, wenn du nach unten schaust))

Die Natur offenbart uns stets aufs Neue ihre Fähigkeit, Gegensätze in sich zu vereinen. Die Schönheit des Regenbogens lenkt den Blick auf einen Ort, an dem 149 Menschen sterben mussten, er weist auf einen schrecklichen Ort. Für uns steht Jens im Mittelpunkt. Er schickt ihn und zeigt uns damit, dass das Leben, trotz des Bösen, was darin existiert, bunt ist. Sein Dasein auf dieser Erde war es, und ist es offensichtlich nach wie vor in der anderen Dimension. Für ihn war die Welt voller Farben. Er war optimistisch und lebensfroh. Das Gelb seines Anoraks stach ins Auge, das Grün seines Shirts zog die Aufmerksamkeit auf sich, und das kräftige Orange seiner Regenjacke leuchtete und hellte das trübe Wetter auf.
Stille umgibt uns. Es ist ein mystischer Moment mit Jens. Das Auspacken haben wir längst vergessen.
Wir betrachten ihn, bis er verschwunden ist.
Für mich hat der Begrüßungs-Regenbogen eine weitere Bedeutung. Insgeheim hatte ich mir ein vollkommen ausgefallenes Zeichen von Jens gewünscht. Es sollte mir durch eine Extravaganz zeigen, dass er trotz des Flugzeugabsturzes nicht vollständig ausgelöscht ist. Ähnliche Dinge hatte ich häufig in meiner Kindheit durchgespielt. Zum Beispiel zweifelte ich immer wieder an der Existenz eines Gottes. Und so forderte ich: »Lieber Gott, wenn es dich wirklich gibt, mach, dass ich morgen ganz tolle Kopfschmerzen bekomme.«
Am nächsten Tag hatte ich fürchterliche Kopfschmerzen. – Niemals vergesse ich das.
Nach dem ähnlichen Muster hielt ich schriftliche Zwiesprache mit Jens. Siehe folgendes Foto:

Die Sonnenaktivität ist dieses Jahr extrem hoch. Warum sollte das nicht auch über der Absturzstelle möglich sein? Das waren meine Gedanken, obwohl ich wusste, dass Polarlichter für diese Region mehr als unwahrscheinlich sind.
Nun, für ein Polarlicht hat es wohl nicht ganz gereicht. Aber der doppelte Regenbogen über dem Ort des Grauens macht alles wieder wett. Er stärkt unseren Glauben, dass Jens nah ist. Das tröstet ungemein und hat etwas Versöhnliches.
© Brigitte Voß

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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