27.06.2024, Donnerstag – die übrig gebliebenen Fundstücke der Opfer von Flug 4U9525

Heute haben wir eine Mitteilung der Lufthansa erhalten, wie mit den nicht zugeordneten Sachen der Opfer des Fluges 4U9525 verfahren werden soll.

Rückblick:
Die persönlichen Gegenstände der Toten wie Kleidung, Schmuck, Laptops, Handys und andere Besitztümer wurden von den Bergungskräften an der Absturzstelle eingesammelt. Jedes Fundstück wurde fotografiert und katalogisiert, um eine Identifizierung zu ermöglichen.
Der Dienstleister Kenyon International kümmerte sich um diese Aufgaben.
Die Fotos mit den persönlichen Dingen, die nicht eindeutig zugeordnet werden konnten, wurden auf einer passwortgeschützten Webseite veröffentlicht. So wurde den Familien die Möglichkeit gegeben, nach dem Eigentum ihrer Lieben zu suchen. Ich weiß noch, wie schmerzvoll es war, diese Seiten zu durchblättern. (siehe Blogbeitrag (siehe Blogbeitrag »16.09.2015, Mittwoch – Freude und Leid«). Wir erkannten keinen der gezeigten Fundstücke.
Im Januar 2016 wurden weitere persönliche Gegenstände von den französischen Behörden an Kenyon übergeben. Erneut konnten sie sich die Erbberechtigten auf einer verschlüsselten Website anschauen. Wie schon beim ersten Mal war sie in Kategorien wie Schmuck, Schuhe, Textilien, usw unterteilt, um die Suche zu erleichtern. Jetzt waren auch Datenträger wie Speicherkarten, Kameras und Smartphones darunter, die nicht zugeordnet werden konnten.
Das wenige, was vom Gepäck unseres Sohnes übrig geblieben war, war für die Bearbeiter eindeutig zu identifizieren. Auf den Bankkarten, der Gesundheitskarte und dem Personalausweis konnte man seinen Namen gut lesen. Wir erhielten diese Sachen im August 2015 zurück, die Speichermedien wurden uns erst später zugesandt.

Das ist jetzt zehn Jahre her.
Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, wo genau die nicht identifizierbaren Gegenstände gelagert werden und wie lange sie aufbewahrt werden. Manche zutiefst emotionale traurige Erfahrung verdränge ich gern.
Aus der heutigen Mitteilung von Germanwings entnehmen wir, dass das Ende der Aufbewahrungsphase seit einiger Zeit erreicht ist. Daher werden die Fundstücke, die nicht von den Angehörigen angefordert wurden, bis zum Jahresende »würdevoll und mit »größter Behutsamkeit« eingeäschert werden. Es ist zweifellos ein sensibles Thema, und wie man an der Wortwahl erkennen kann, versucht der Verfasser der E-Mail dem gerecht zu werden.
Ich wüsste auch nicht so recht, wie man solche Gegenstände sinnvoll verwenden könnte.
Vor langer Zeit arbeitete ich im Stadtgeschichtlichen Museum und durfte nach dessen Umzug Museumsstücke in die neuen Regale räumen und registrieren. Was da alles durch meine Hände ging: uralte Zeitdokumente, wie beispielsweise Tagebücher, sonstige Aufzeichnungen, Gegenstände längst verstorbener Menschen, usw. Hochinteressant. Ich hockte versteckt zwischen den Reihen und las, las und las, was nicht gerade für einer vorbildlichen Arbeitsmoral sprach. Aber solch eine Gelegenheit würde sich nicht wieder bieten.
Die Habseligkeiten der Opfer von Flug 4U9525, die kein Erbberechtigter angefordert hatte, sind für Museen eher ungeeignet. Sie sind zu persönlich, und mir würde es nicht passen, wenn schaulustige Augen irgendwelche Dinge von Jens anstarren würden, die er im Flugzeug mit sich führte.
Die Verbrennung der Gegenstände stellt sicher, dass die Privatsphäre der Verstorbenen geschützt wird. Ihre privaten Besitztümer können so weder in die falschen Hände geraten noch auf unangemessene Weise verwendet werden.
Trotzdem berührt mich diese Entscheidung unangenehm, weil die Sachen endgültig verloren gehen. Mit ihnen verschwindet auch ein Stück Vergangenheit.
Am Ende bleibt nur die Frage, ob es überhaupt einen richtigen Umgang mit solchen Besitztümern gibt. Sie sind Zeugen eines Lebens, das den Familien auf grausame Weise und für immer entrissen wurde, und spiegeln ein Kapitel wider, das keiner der Hinterbliebenen aufschlagen wollte.

Die persönlichen Gegenstände mögen verschwinden, doch eines hatten die Opfer nicht im Reisegepäck: Es sind die Erinnerungen, die in den Köpfen bleiben. Sie leben weiter in unseren Erzählungen, auf verbliebenen Fotos, in unseren Aufzeichnungen … Das tröstet und lindert manchmal den Schmerz.

© Brigitte Voß

 


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